Foto: Jan Ehlers

Dieser Engel hat mit dem Stereotyp des eleganten Himmelsbewohners sehr wenig zu tun. Ganz im Gegenteil, mit über sieben Metern in der Höhe und mehr als drei Tonnen Gewicht ist das Kunstwerk beeindruckend massiv und deutlich geerdet. Die Skulptur besteht aus Alteisen, das dem Künstler nach einem Aufruf zum Teil von der Bevölkerung überlassen wurde.

Interessant ist, dass sowohl Motiv wie auch Material im Nahen Osten gleichzeitig auftraten: Als die dortigen Bewohner vor deutlich mehr als 2.000 Jahren die Geschichten des Erzengels niederschrieben, wurde zur selben Zeit das Erz aus dem Erdreich gezerrt und zu Eisen verarbeitet. Wir müssen uns das Werk deshalb als zivilisatorischen Knochen vorstellen, als Einblick in den Kern der westlichen Welt.

Ein geschickter Zug des Künstlers ist, diesen Michael mit einer Aura aus alten Sägeblättern, Speichen und Werkzeugen auszustatten, denn tatsächlich ist es dieser Wirbel aus Technikgeschichte, der uns den Blick auf die eigentliche Figur verstellt: Michael ist ein Mann mit einer Waffe. Sicher, symbolisch soll er mit seinem Schwert das sich ausbreitende Virus niederstrecken, so wie der Referenzengel in Rom. Doch wir sollten nicht vergessen, dass sowohl die Pest im Rom vergangener Jahre als auch Corona von heute hausgemachte Probleme waren und sind.

Statt einen Abwehrmechanismus der Natur gegenüber unserer ignoranten Lebensweise als Auswuchs einer Welt zu verstehen, die wir mit Füßen treten, nutzen wir ein Symbol wie den Erzengel, um uns weiter an der Idee festzuklammern, das Probleme mit ausreichender Gewalt schon zu beheben sind. Während Menschen auf der ganzen Welt Kolonialherren aus Bronze als Reaktion auf rassistische Polizeigewalt von ihren Sockeln stoßen, ist die monströse Erscheinung von Georg Wolfs Erzengel vielleicht das einzig ehrliche Abbild dieser so zentralen Figur unseres Weltbildes.

 

Kunst im öffentlichen Raum

Kunst findet man nicht nur in Museen und Galerien, sondern oft auch im Freien und für jeden sichtbar. Manche Werke sind schon seit Jahrhunderten ein Teil des Stadtbildes, andere zieren es nur kurz. In Darmstadt haben einige Fügungen des Schicksals dafür gesorgt, dass es besonders viele Kunstwerke im öffentlichen Raum gibt. Ohne die schützenden Laborbedingungen eines White Cube gehen sie allerdings schnell unter. Dabei können gerade diese stillen Zeitgenossen unsere Wahrnehmung des Stadtraumes verändern und unser Verständnis von Welt herausfordern. Eine Einladung zum Fantasieren.

 

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