Parlieren, virtuell besuchen, in Bewegung bleiben

Kunst & Performance Rhein-Main im April 2021 – digital edition

 

Foto: Rami Al-Rashidani

Über Kunst reden: das digitale Projekt „Prêt-à-parler“

Wie tauscht man sich über Kunst aus, wenn Museen geschlossen sind und man keine Möglichkeit hat, sich mit einer Gruppe von Menschen gemeinsam Kunst anzuschauen? Meist ist es ja gerade der Dialog von Mensch zu Mensch, der in der Betrachtung und Erfahrung von Kunst neue Assoziationsketten in Gang setzt und die Augen und Sinne für neue Interpretationsräume öffnet. Genau hier setzt die von der aus Darmstadt stammenden Kuratorin Aileen Treusch aufgesetzte digitale Plattform „Prêt-à-parler“ an. Mehr als ein Dutzend kunstbegeisterte Menschen mit Bezug zum Rhein-Main-Gebiet lassen ihren Eindrücken und Empfindungen zu ausgewählten Arbeiten zeitgenössischer Künstler:innen freien Lauf. Der kostenfreie digitale Rundgang umspannt ein breit gefächertes Angebot aus unter anderem Fotografie, performativen Kunstformen, Klangkunst, Zeichnung, Malerei, Papierschnitt und macht Lust, seine eigenen Gedanken dazu zu teilen – hoffentlich sehr bald wieder bei einem echten Museumsbesuch mit mehreren Freunden.

im April 2021

pret-a-parler.org

 

Foto: Staedel Museum

Hol‘ Dir das Museum nach Hause: Städel, Liebieghaus und Kunsthalle Schirn Frankfurt

Die Idee ist so genial, dass sie das Potenzial hat, auch nach der Pandemie als Alternative zum herkömmlichen Museumsbesuch angeboten und von Kunstinteressierten begeistert angenommen zu werden: Mit dem Online-Format „Museum für zu Hause live“ öffnen das Frankfurter Städel und die Skulpturensammlung Liebieghaus während des Lockdowns ihre virtuellen Pforten für Touren durch ihre Sammlungen. Farbe zum Ende dieses tristen Corona-Winters versprechen die aktuellen Sonderschauen. Noch bis zum 06. Juni 2021 zeigt „Städels Beckmann und Beckmanns Städel“ mit ausgewählten Gemälden und Papierarbeiten den stilprägenden Einfluss, den Frankfurt auf den Expressionisten Max Beckmann hatte, der zwischen 1915 und 1933 in der Stadt gelebt und gearbeitet hat. In der Sonderpräsentation „Bunte Götter“ im Liebieghaus dreht sich alles um die Farben, in denen die uns heute einheitlich weiß erscheinenden Skulpturen der Antike ursprünglich leuchteten. Auch die Schirn Kunsthalle Frankfurt bietet bis zur Wiedereröffnung ein Online-Programm an. Empfehlenswert ist ein Blick in die beiden aktuellen Ausstellungen. Die Schau „Magnetic North – Mythos Kanada in der Malerei“ widmet sich mit mehr als 90 Exponaten der kanadischen Moderne, und „Gilbert & George“ setzt großformatige Werke aus fünf Schaffensjahrzehnten des Künstlerduos bildgewaltig in Szene (bis 16. Mai 2021). Die virtuelle Vorschau macht neugierig auf den physischen Ausstellungsbesuch nach dem Lockdown. Das Online-Angebot ist ab 5 Euro über die Webseiten der Kunsthäuser buchbar. Ob die Museen ab 19. April mit Voranmeldung wieder geöffnet werden können, stand bei Redaktionsschluss in den Sternen; bitte informiert Euch über die jeweiligen Webseiten.

im April 2021

www.staedelmuseum.de/de/angebote/museum-fuer-zu-hause-live

www.liebieghaus.de/de/angebote/museum-fuer-zu-hause-live

www.schirn.de

 

Foto: Amanda Lana

In Bewegung bleiben mit der Dresden Frankfurt Dance Company

Was machen Tänzer:innen in der coronabedingt spielfreien Zeit? Sie tanzen weiter und teilen ihre Performances digital. Unter der künstlerischen Leitung von Jacopo Godani haben die Tänzer:innen der Dresden Frankfurt Dance Company in den vergangenen Monaten zwei neue digitale Videoformate entwickelt, die über den Youtube-Kanal der Company abrufbar sind. „#AlterEgo / Ich bin Deutscher Expressionismus“ besteht aus 15 Kurzvideos, die während des aktuellen Lockdowns von den Performer:innen der Company konzipiert und zu Hause umgesetzt wurden. Filmklassiker des Expressionismus wie Fritz Langs „Metropolis“ (1927) und Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu“ (1922) dienten dabei als Inspirationsquelle für die tänzerische Umsetzung. Wer das Gefühl hat, sich im Homeoffice zu wenig zu bewegen, kann mit den ebenfalls über Youtube abrufbaren Videotutorials der Tanzkompanie für mehr Bewegung in den eigenen vier Wänden sorgen. In „Simple Dance / ,We wanna make you move’“ werden einfache Übungen und Bewegungsabläufe gezeigt, die zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper anregen und die Körperwahrnehmung und Koordinationsfähigkeit verbessern, zum Beispiel isoliertes Bewegen der Finger oder Atemübungen – sehr nützlich im Homeoffice und auch für die Zeit nach der Pandemie.

im April 2021

Youtube-Kanal von Jacopo Godani – Dresden Frankfurt Dance Company

Video „#AlterEgo“

Video „Simple Dance“

 

Foto: Studio Tomas Saraceno

Zwischen Wissenschaft und Kunst: zwei Apps von Tomás Saraceno

Der in Argentinien geborene und in Berlin lebende Künstler Tomás Saraceno zeigt mit seinen Arbeiten, wo und woran unsere Erde krankt. Umweltverschmutzung und die Verdrängung von Arten durch den Menschen werden mithilfe innovativer Technologien in eindrucksvollen Rauminstallationen offen gelegt. So kommt in der Arbeit „How to Entangle the Universe in an Spider / Web“ eine neuartige laserbasierte Tomografie-Technologie zum Einsatz, die Saraceno gemeinsam mit Wissenschaftler:innen der TU Darmstadt entwickelt hat, und die Installation „Songs for the Air“ macht Feinstaubpartikel in der Luft sicht- und hörbar. Leider hat der Lockdown die aktuelle Sonderschau des Künstlers im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt (nahezu) unzugänglich gemacht. Saracenos Arbeiten reichen jedoch über das Museum als Austragungsort hinaus und richten sich immer auch an eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Über eine Serie digitaler Kunstwerke, die als Apps für jeden jederzeit verfügbar und zugänglich sind, fordert er zum Mitmachen auf. Die „Aerocene App“ erinnert uns daran, dass die Luft, die wir atmen, keine Grenzen kennt und allen Lebewesen gleichermaßen gehört. Die App verarbeitet Informationen zu Vorhersagen von Windgeschwindigkeiten in unterschiedlichen Höhen und andere metereologische Daten und dient damit als Navigationsinstrument für Flugreisen, die nur von der Wärme der Sonne, der Erde und der Luft getragen werden, also ganz ohne fossile Brennstoffe auskommen. Die „Arachnomancy App“ knüpft an Saracenos künstlerische Zusammenarbeit mit Spinnen an und fordert die User dazu auf, Spinnennetze in der unmittelbaren Umwelt zu entdecken und über die App zu dokumentieren.

im April 2021

Beide Apps sind über die gängigen Download-Plattformen kostenfrei abrufbar.

 

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