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Illustration: Hans-Jörg Brehm

Am 11. März 2011 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 9,0 auf der Richterskala den Nordosten Japans. Unendliches Leid und unfassbare Zerstörung prägen seitdem die Bilder aus diesem Land. Das Beben in Fernost erschüttert somit noch Wochen danach die ganze Welt – emotional, ökonomisch und politisch. Auch in der fünften Etage eines Bürogebäudes in der Rheinstraße 95 mitten in Darmstadt ist seit dem 11. März – gewissermaßen – alles anders. Hier residiert nämlich eher unscheinbar die Darmstädter Dependance des Öko-Instituts.

„30 Jahre lang nahm uns kaum jemand wahr und jetzt rennen uns alle mit Fragen die Türen ein“, umschreibt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Katja Hünecke die veränderte Situation. Das nahezu minütliche Läuten des Telefons, hunderte E-Mails besorgter Bürger sowie Dutzende Presse-Termine täglich zeugen von einem Ausnahmezustand in den Büroräumen. Zeitweise 15 der 45 Mitarbeiter versuchen den Ansturm der Anfragen zu bewältigen. Auch amüsante Ratschläge wie „gefrorenes Wasser in Form von Eiswürfeln über den Reaktoren abzuwerfen“ sind dabei. Das Lachen gefriert aber schnell wieder angesichts der ernsten Situation.

Durch den Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima wurde dem Institut eine fast schon unheimliche mediale Präsenz beschert, auf die aber niemand so recht stolz ist. „Dass ausgerechnet ein solch trauriger Anlass uns jetzt die große Aufmerksamkeit in den Medien und bei der Bevölkerung bringt, ist irgendwie bitter.“

Die trotz allem sehr unbeschwert wirkende Katja Hünecke arbeitet seit sieben Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich „Energie & Klimaschutz“ des Öko-Instituts. Seit Wochen aber konzentriert sich dort fast alles auf den Bereich „Nukleartechnik & Anlagensicherheit“, dabei ist dies nur eine von fünf Säulen und Darmstadt auch nur eine – wenn auch gewichtige – Zweigstelle des Öko-Instituts.

In Freiburg fing alles an

Die eigentliche Geschichte des Instituts begann im baden-württembergischen Freiburg. Im kleinen Städtchen Wyhl in unmittelbarer Nähe der 221.000-Einwohner- Stadt im Breisgau sollte Mitte der 1970er Jahre ein Atomkraftwerk (AKW) gebaut werden, gegen das sich massiver Protest in der Bevölkerung regte. Es war die Intention einer Handvoll Akademiker, den oftmals interessengesteuerten Expertisen beider Seiten weitestgehend neutral-wissenschaftliche Untersuchungen der jeweiligen Thematik entgegen zu stellen. Daraus resultierte die Gründung des Instituts im Jahre 1977. [Das AKW in Wyhl wurde übrigens letztlich nicht gebaut, Anm. d. Red.]

1980 sollte dann der derzeit medial – notgedrungen – so präsente Michael Sailer an das Institut nach Freiburg wechseln. Er zog es aus familiären Gründen aber vor, nach seinem Studium an der Technischen Universität in Darmstadt zu bleiben. Kurzerhand gründete er mit einem Kollegen eine Zweigstelle des Instituts – in seiner Privatwohnung. Erst Jahre später zog Sailer mit dann rund einem Dutzend Mitarbeitern in Büroräume um. Im Jahr 1991 kam noch eine weitere Zweigstelle in Berlin hinzu. Seitdem teilen sich die drei Standorte die fünf großen Aufgabengebiete, auf die sich das Öko-Institut spezialisiert hat: „Energie & Klimaschutz“, „Nukleartechnik & Anlagensicherheit“, „Infrastruktur & Unternehmen“, „Produkte & Stoffströme“ und „Um- weltrecht & Governance“. Diese Schwerpunkte verästeln sich wiederum in Dutzende von Unterteilungen und Projekte, denen sich mittlerweile insgesamt mehr als 140 Mitarbeiter widmen.

Schon vor der Katastrophe in Japan war das Öko-Institut – zumindest in Fachkreisen – hochangesehen. Spätestens seit dem Reaktor-Unglück von Tschernobyl im Jahre 1986 war das Fachwissen dieser Experten gefragt, denn sie wirkten in ihren Analysen meist glaubwürdiger als durch Forschungsgelder der Industrie geförderte Wissenschaftler. Eine vermeintlich ideologisch-ökologische Grundtendenz, wie der Name des Instituts es auf den ersten Blick suggerieren könnte, bestreitet Katja Hünecke. Es gehe eher um visionär-ökologische Ansätze, die aber ebenso schnell unbequemen Wahrheiten der Nicht-Machbarkeit unterliegen können. „Auch wir untersuchen daher immer ergebnisoffen, wie es jetzt so schön von Seiten der Regierung hinsichtlich des Moratoriums heißt.“

Berater von UNO und EU

Die Mitarbeiter wollten von Anfang an so unabhängig wie möglich agieren, was sich zumindest finanziell in den ersten Jahren als äußerst beschwerlich erwies. Mittlerweile trägt sich aber das Gesamtkonzept, obwohl auf eine Grundfinanzierung verzichtet wird. Mitgliedsbeiträge, Spenden „bedingungsloser Art“ und vor allem Drittgelder für Forschungsprojekte von Seiten der öffentlichen Hand bilden den Etat. Für die Fußball-WM 2006 entwickelten Mitarbeiter beispielsweise das staatlich geförderte und umgesetzte CO2-neutrale Konzept „Green Goal“. Derzeit ist man unter anderem beteiligt am Mediationsverfahren rund um den Frankfurter Flughafen. Aber auch international ist das Institut inzwischen eingebunden in zahlreiche Projekte und sitzt beratend in diversen Gremien von UNO, EU und staatlichen Ausschüssen.

Eigentlich längst eine Erfolgsgeschichte – auch ohne die momentane, etwas befremdlich anmutende Aufmerksamkeitswelle bezüglich der Nukleartechnik. Zumal die anderen Bereiche des Instituts dabei schier unterzugehen scheinen, wie zum Beispiel der Bereich Biomasse, auf den sich die studierte Energiewirtschaftlerin Hünecke spezialisiert hat: ein Energieträger der Zukunft, der auch heute schon genutzt wird. Abfälle aus Forst- und Landwirtschaft ebenso wie zoologische Biomasse – „sagen wir, wie es ist – es geht um tierische Kacke“ – sollen nach ihren Plänen bei effizienter Nutzung bis zum Jahre 2030 zehn bis zwanzig Prozent des deutschen Energiebedarfs decken können. Das entspräche dem Bedarf von zehn Städten der Größenordnung München. Aber wie es dem selbst gesteckten Anspruch entspricht, verschweigt sie auch nicht mögliche Gefahren dieser Planungen wie die Bildung von Monokulturen und Abhängigkeit von Importen.

Die Zweigstelle des Öko-Institut scheint durch ihre Mitarbeiter fest verankert in Darmstadt – auch wenn innerhalb der Stadt selten Projekte anfallen. „Privat würde ich am liebsten den Darmbach großflächig freilegen, einen Hafen bauen und dann Whale-Watching anbieten“, schmunzelt die gebürtige Sachsen-Anhaltinerin, der sich der Charme der Stadt erst auf den zweiten Blick erschloss. In einem benachbarten Büro dreht das HR-Fernsehen gerade ein Interview für die „Hessenschau“. Der derzeit alltägliche Medien-Wahnsinn geht weiter.

 

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