Foto: Jan Ehlers
Foto: Jan Ehlers

Als Kanzleigehilfe Friedrich Hauser 1839 wegen Trunkenheit aus seinem Dienst entlassen wurde, hätte er wohl nicht geahnt, dass er die Vorlage für eine der besten deutschsprachigen Komödien des 19. Jahrhunderts werden würde – den Datterich, made in Darmstadt.

Während draußen im Deutschen Bund der würzig-revolutionäre Wind des Vormärzes wehte, hielt der Darmstädter Dichter Niebergall seinen Landsleuten den Spiegel vor und karikierte in der Person des Datterich und in der gleichnamigen Lokalposse die vorherrschende Doppelmoral der Biedermeier-Epoche. Durch den „Datterich-Brunnen“ und die Straßenbahn „Datterich-Express“ ist die Geschichte, die Niebergall 1841 zwei Jahre vor seinem Tod schrieb, noch heute fest im Darmstädter Stadtbild verankert. Für viele Heiner ist der Datterich ein Wahrzeichen, das es zu hegen und pflegen gilt. Und irgendwie können sich die Darmstädter auch mit ihm, dem Datterich, identifizieren, wie er so Tag ein, Tag aus im Wirtshaus sitzt, mit seinen Kumpels Bennelbächer, Spirwes und Knerz Skat kloppt und dabei halbgare Geschichten vom Stapel lässt.

Großmäulig, selbstgefällig und hinterlistig windet er sich durchs Leben und vor seinen Schuldnern davon, immer auf der Suche nach neuen Geldquellen, die es zu schröpfen gilt. So gerät auch der junge Drehergeselle Schmidt in sein Visier. Schmidt wartet auf seine Anerkennung als Meister, um den sozialen Status innezuhaben, der eine Hochzeit mit der Tochter seines Lehrmeisters Dummbach, Marie, möglich macht. Datterich erzählt Schmidt von seinem Einfluss auf den Magistrat und verspricht für dessen Anerkennung einzutreten. Diese anstehende Gefälligkeit lässt er sich von Schmidt honorieren, bis die Intrige auffliegt und klar wird, dass Datterich keinerlei Einfluss besitzt.

Manche meinen, im Datterich die perfekt Charakterisierung des Heiners gefunden zu haben. Hoffentlich nicht – kann man bei derlei Anhäufung von Charakterschwächen nur hoffen.

Amüsant ist das Stück, das Niebergall unter seinem Synonym Elias Streff schrieb, auch heute – knapp 170 Jahre nach seiner Premiere – vor allem dank seiner Wortakrobatik und der detailreichen Milieustudie noch immer. Zumindest für die, die nicht bereits in der Sekundärstufe 1 in Darmstädter Schulen mit diesem Mundart-Gewitter gequält wurden. Denn so witzig noch Sprüche à la „In der Klaß bin ich gelernt worn: aurora musis amica, das haaßt uf Deitsch: Morjends schläft mer am beste“ sind, vor umso größeren Verständnisschwierigkeiten steht selbst ein armer Pennäler bei Sätzen wie „Alleweil werd Bahris inwennig un auswennig mit Fordifikazione vazingelt, daß kahns eninn un eraus kann – ich wahß net, wieviel Thern´s ellah gäwwe…“. Mundart vom Feinsten eben, bei der es sich ähnlich verhält wie mit Kümmel – entweder lieben oder hassen. Die größten Liebhaber des „genialen Schnorrers“ finden sich in der Hessische Spielgemeinschaft 1925 e.V. Darmstadt, einem Verein, der alle paar Jahre wieder eine große Datterich-Inszenierung auf die Beine stellt. Die nächste kommt im März 2010 im Staatstheater Darmstadt auf die Bühne.

Eines hatte Niebergall im Übrigen mit seinem „Helden“ gemein, als er im jungen Alter von 28 Jahren an einer Lungenentzündung verstarb: Er war hochverschuldet.

 

www.wikipedia.org/wiki/Datterich

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