Frankenstein
Illustration: www.duckshop.de

„Die gelbliche Haut verdeckte nur notdürftig das Spiel der Muskeln und das Pulsieren der Adern. Das Haupthaar war freilich von schimmernder Schwärze und wallte überreich herab. Auch die Zähne erglänzten so weiß, wie die Perlen. Doch standen solch Vortrefflichkeiten im schaurigsten Kontraste zu den wässrigen Augen, welche nahezu von derselben Farbe schienen wie die schmutzig weißen Höhlen, darin sie gebettet waren, sowie zu dem runzeligen Antlitz und den schwarzen, aller Modellierung entbehrenden Lippen.“

Dieses schaurige Bild entstammt der Feder der bedeutenden englischen Schriftstellerin Mary Wollstonecraft Shelley (1797 – 1851), die anonym 1818 (oder 1819) als Debütroman die Gespenstergeschichte „Frankenstein or The Modern Prometheus“ veröffentlichte. Um die Relation des Bestsellers zur südlich von Darmstadt gelegenen Burg Frankenstein rankt sich ein wissenschaftlich diskutierter Mythos. Dieser Mythos beginnt bei den berühmten deutschen Begründern der Philologie, Jacob und Wilhelm Grimm, die im Beerbacher Tal am Fuße der Burg Frankenstein Märchen sammelten. Sie hörten grauenvolle Geschichten über den Alchimisten, Theologen und Arzt Johann Konrad Dippel von Frankenstein. Der Pfarrer von Nieder-Beerbach hatte dem Leichenräuber und Grabschänder, der in seinem Labor im Burggefängnis Gold für die Landgrafen von Hessen machen sollte, folgende Geschichte angedichtet: Der Alchimist habe aus Leichenteilen und dem Blut von Jungfrauen sowie „geheimen Künsten“ einen „neuen Menschen“ erschaffen. Dieser Unhold habe an einem trüben nebligen Novembernachmittag seine tückischen gelben Augen geöffnet, seinen Erschaffer mit einem Schlag niedergestreckt und sei dann in die Wälder geflohen, wo er seitdem sein Unwesen treibe.

In einem Brief schrieb Jacob Grimm 1813 diese Schauergeschichte an die Übersetzerin der Märchen ins Englische, an Mary Jane Clairmont, die Stiefmutter der späteren Mary Shelley. Bei einer ihrer Reisen soll Schriftstellerin Shelley außerdem in ein Gasthaus im südhessischen Darmstadt-Eberstadt, unweit der Burg Frankenstein, eingekehrt sein und dort vermutlich von der Geschichte des Johann Konrad Dippel erfahren haben. Der Besuch an der Bergstraße soll sie zum Verfassen ihres Werkes inspiriert haben.

Die Literaturforschung kann keines dieser Fragmente weder eindeutig be- noch widerlegen. Der Schlagabtausch zwischen Verfechtern dieses Mythos’ und solchen, die den Vorwurf erheben, dass damit „Frankenstein-Events“ generiert und somit Geld verdient werden solle, erinnert an den Badewannendisput des Herrn Müller-Lüdenscheid und Herrn Dr. Kloebner von Loriot (nachzulesen unter: www.gg-online.de/html/frankenstein.htm).

Es wird also noch viel Wasser die Modau entlangfließen, bis wir endgültig wissen, ob die Burg Frankenstein „the real home of Frankenstein the Monster“ war oder nicht. Vielleicht ist aber auch alles nur eine „Ente“, die irgendwann baden geht.

 

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