Das Abendlied
Illustration: Rocky Beach Studio

Vergesst das Genöle von Nick Cave, das Gejammer von Fall Out Boy und das Gekreische von Tokio Hotel! Wenn ihre Verse schon längst keiner mehr hören mag, werden Matthias Claudius’ Reime aus dem „Abendlied“ (1776) noch oder wieder im Gedächtnis sein. Zumindest jene der ersten Strophen, die das christliche Zweifeln am menschlichen Betragen hier unten auf Erden einleiten. Doch weil das über eine so zeitlose wie glaubensübergreifende schöne Naturbetrachtung geschieht, fand das Lied nicht nur den Weg in die Gesangsbücher der Kirchengemeinden, sondern wurde auch als Volkslied sehr beliebt.

Und es ist aller Wahrscheinlichkeit nach „made in Darmstadt“: Im Jahr 1776 weilte der Dichter in Darmstadt und verdingte sich als Redakteur der „Hessen-Darmstädtischen privilegirten Land-Zeitung“. Entspannung fand er lustwandelnd an der Lichtwiese, die schon zu jener Zeit ein beliebtes Ausflugsziel war. Vom Beine vertreten unweit des Botanischen Gartens, am Waldesrand, den dahinplätschernden Darmbach vor sich, ruhte sich Claudius am heutigen Schnampelweg aus. An eben dieser Stelle erinnert eine ihm gewidmete Bank an sein Dichten jenes berühmten Liedtextes. An Orten, an denen man solche, allem Weltlichen entsagende Verse dichtet, verweilt niemand all zu lange. Und so zog es auch den frei denkenden Freimaurer schon nach einem Jahr aus der damals nicht so weltoffenen Residenzstadt fort ins hamburgische Wandsbek.

Den langweiligen Titel wählte Claudius nicht, weil er so bescheiden wie einfallslos war, sondern, weil es in der damaligen Dichterriege zum guten Ton gehörte, ein „Abendlied“ zu schreiben. Seines überdauerte die Jahrhunderte und Kirchenaustritte; trotz oder vielleicht sogar wegen der teilweise angsteinflößenden Stimmung mauserte es sich zum beliebten Schlaflied.

Axel Hacke zufolge kann das bei müden Kindern heute schon mal zu amüsanten Verhörern führen, wovon er in seiner Geschichte „Der weiße Neger Wumbaba“ erzählt. Ein echter Evergreen von der Lichtwiese also, deren weißer Nebel tatsächlich unheimlich wunderbar sein kann!

Zum lokalpatriotischen Auswendiglernen drucken wir für Euch den gesamten Text ab.

 

Abendlied

Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar;
der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.
Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt.
Sehr ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht sehn.
Wir stolze Menschenkinder
sind eitel arme Sünder
und wissen gar nicht viel;
wir spinnen Luftgespinste
und suchen viele Künste
und kommen weiter von dem Ziel.
Gott, laß uns Dein Heil schauen,
auf nichts Vergänglichs trauen,
nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden
und vor Dir hier auf Erden
wie Kinder fromm und fröhlich sein!
Wollst endlich sonder Grämen
aus dieser Welt uns nehmen
durch einen sanften Tod,
und wenn Du uns genommen,
laß uns in Himmel kommen,
Du, unser Herr und unser Gott!
So legt euch denn, ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder!
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen;
und laß uns ruhig schlafen
und unsern kranken Nachbar auch!

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