Foto: Franz-Michael-Felder-Archiv der Vorarlberger Landesbibliothek, Bregenz

Auf der Webseite der Wissenschaftsstadt Darmstadt sind 57 Ehrengräber aufgelistet. Gerade einmal fünf von ihnen sind Gräber von Frauen. Eines davon ist die letzte Ruhestätte der Schriftstellerin und Malerin Paula Ludwig. Darmstadt war die letzte Station im kurvenreichen Leben der Künstlerin. Es lohnt, sich auf Spurensuche zu begeben und damit einer Frau nachzuspüren, die stets einen selbstbestimmten Weg einschlug, viele Schicksalsschläge erlitt, ihre Stimme dabei immer wieder beinahe verlor – und doch nie ganz verstummte. An der Mathildenhöhe ist ein Platz nach ihr benannt, doch in der Darmstädter Stadtbibliothek sucht man vergeblich nach ihrem Werk.

Paula Ludwig wird am 05. Januar 1900 im österreichischen Feldkirch-Altenstadt geboren. Sie ist das zweite Kind ihrer Eltern, dem Sargtischler Paul Ludwig und der Kammerdienerin Maria Amerstorfer. Obwohl die Lebensverhältnisse der Familie bescheiden sind, wächst Paula in ihrer frühen Kindheit weitestgehend unbeschwert auf: „Vielleicht war es die Armut meiner Eltern und der Reichtum der Blumenwiesen, Vogelstimmen, Quellen und Früchte des Waldes, welche die Waagschale meines Lebens früh mit ihren ausgleichenden Gewichten beschwerten.“ Sie ist die Anführerin und die „Spielwütigste“ unter ihren Freundinnen, in der Schule glänzt sie und interessiert sich besonders für biblische Geschichten. Nach der Trennung der Eltern 1907 geht der Vater mit der ältesten Tochter Martha nach Breslau, die Mutter bleibt mit Paula, ihrem jüngeren Bruder Alfred und der Großmutter allein zurück. Die Großmutter, der „gute Geist der Familie“, lehrt Paula, die Natur zu schätzen: „Von jedem Blumennamen wusste sie den Ursprung – jede Speise stellte sie uns dar wie das gelungene Werk einer Zauberei.“ Zwei Jahre später zieht die kleine Familie nach Linz, den Geburtsort der Mutter. Hier sucht Paula sich Vorbilder in ihren Lehrerinnen, die sie schwärmerisch verehrt. Einige von ihnen ermuntern sie zu ersten literarischen Gehversuchen, und Paula gewinnt einen Dichtwettbewerb. Paulas Kindheit ist von der langen Krankheit ihrer Mutter geprägt, deren letzte Lebensmonate besonders belastend sind: „Das Warten auf den Tod lähmte uns. Bei jedem Gang aus dem Haus zitterten wir, zu spät nach Hause zu kommen.“ Maria Amerstorfer stirbt, als Paula 14 Jahre alt ist. Paula bleibt ihr beinahe prophetischer Satz: „Um Dich habe ich keine Sorge. Du gehst schon Deinen Weg.“

Nur kurze Zeit später werden Paula und Alfred zu ihrem Vater nach Breslau geschickt. Ihr Vater und seine Lebensweise als sozialpolitischer Kämpfer sind Paula fremd, und auch in Breslau ist ihr Leben erneut von Armut geprägt: „Sobald es dunkel war, wagte ich nicht mehr aufzustehen, bei jedem Tritt krachte es widerwärtig, das waren die riesigen Schaben, die da herumkrochen.“ Noch 1914 nimmt Paula eine Arbeit als Dienstmädchen an. Sie nutzt – auch während ihrer Arbeitszeit – jede Minute, um zu schreiben; das bleibt ihrer Arbeitgeberin jedoch nicht verborgen, und so ist Paula ihre Stelle schnell wieder los. Der Zufall führt sie in eine Malschule, wo sie Modell steht, Tee kocht und putzt. In dieser Zeit lernt Paula den Verleger Walter Rose kennen, mit dem sie eine Affäre beginnt, aus der 1917 der gemeinsame Sohn Karl Siegfried, genannt „Friedel“, hervorgeht. Walter Rose trägt nur durch gelegentliche Unterhaltszahlungen zu Paulas und Friedels Wohlergehen bei. Paula ist schwer enttäuscht, denn sie hatte sich ein gemeinsames Familienleben gewünscht. Mit gerade einmal 18 Jahren zieht sie mit dem wenige Monate alten Friedel im Wäschekörbchen in ein Heim für alleinstehende Mütter in die vielversprechende Kunstmetropole München, wo sie anfängt, als Aktmodell und Tellerwäscherin zu arbeiten.

In München hat sie viel Kontakt zu Künstlern und Dichtern ihrer Zeit und nimmt Schauspielunterricht. Ihre Kontakte erweisen sich als fruchtbar und ermöglichen ihr 1919 die Veröffentlichung ihres ersten Gedichtbands. Trotzdem ist Paula in ihren Münchner Jahren bitterarm, und es wechseln sich Phasen des intensiven lyrischen und künstlerischen Schaffens mit Phasen der Depression ab. Gleichzeitig bewegt sie sich in schillernden Künstlerkreisen und trifft Literaten wie Stefan George, Bertolt Brecht, die Geschwister Klaus und Erika Mann und Waldemar Bonsels, den Autor der „Biene Maja“, mit dem sie eine heftige „Schriftstellerliebe und -freundschaft“ führt. In abendlichen Salons werden Gedichte vorgetragen und Paula verschafft sich erstmals ein Publikum – und eine gewisse Bekanntheit.

Foto: Franz-Michael-Felder-Archiv der Vorarlberger Landesbibliothek, Bregenz

„Berlin wird unheimlich“

1923 zieht es sie wie viele Künstler und Künstlerinnen dieser Zeit nach Berlin. Zunächst ist sie dort so mittellos, dass der kleine Friedel kurzzeitig in einem Asyl für arme Kinder leben muss und Paula selbst zuweilen sogar obdachlos ist. Dennoch gelingt es ihr immer wieder, eine Unterkunft für sich und ihren Sohn zu finden. Das unmittelbare Überleben sichern in den Berliner Jahren die Honorare für eifrig gemalte Bilder, Gedichte und gelegentliche Rundfunklesungen. 1931 verliebt sich Paula in den Dichter Iwan Goll. Die Beziehung muss wegen Iwans Ehe mit Claire Goll zumeist im Heimlichen stattfinden. Als sich die politische Situation in Deutschland in den frühen 1930er-Jahren verschärft, wird Paula unruhig. Ihre Freundschaft mit Waldemar Bonsels erleidet einen Schlag, als dieser „Warum ich Antisemit bin“ in einer Zeitung publiziert. Paula Ludwig wird „Berlin unheimlich“, wie sie später sagt. So zieht sie 1934 ins österreichische Ehrwald, wo sie bei einer Freundin unterkommt. Immer wieder kommt Iwan Goll zu Besuch, oder die beiden treffen sich in Italien und verbringen inspirierende Wochen miteinander. Manuskripte gehen zwischen den beiden hin und her, es wird kritisiert, gelobt, angespornt und gebremst. Lange hofft Paula auf eine Trennung Iwans von Claire, die dieser jedoch vor sich herschiebt und die ihm zuletzt durch einen Selbstmordversuch Claires, für den sie Paula die Schuld gibt, unmöglich erscheint.

1938 zieht Paula nach Paris. Hier wird sie finanziell von Freunden unterstützt, doch die Zeit wird von der großen Sorge um Friedel überschattet. Er ist mittlerweile Fotograf und Industriekaufmann und hält sich weiterhin in Deutschland auf, wo die politische Lage immer ernster wird. Frankreich ist von Unruhen und vielen Regierungswechseln geprägt, sodass die Idee, ins Exil nach Brasilien zu gehen, wo die ältere Schwester Martha bereits seit 1936 lebt, immer näher rückt. Briefe der NSDAP aus den Jahren 1938 und 1939 bescheinigen Paula, „politisch nicht zuverlässig“ und „Kommunistin“ zu sein, sodass eine Rückkehr nach Deutschland endgültig unmöglich erscheint.

Mit den Bemühungen um die Ausreise nach Südamerika beginnt eine Odyssee, die jahrelang andauern soll. Die Kriegserklärung Frankreichs am 03. September 1939 bringt die Internierung „politisch verdächtiger“ Personen mit sich und trennt Paula und Friedel erneut voneinander. 1940 befindet sich Paula in einem Internierungslager am Fuße der Pyrenäen, in dem zeitgleich prominente Zeitgenossinnen wie Hannah Arendt interniert sind. Als Deutschland in Paris einmarschiert, werden sämtliche Gefangene des Lagers freigelassen, darunter auch Paula. Sie versucht vergeblich, auf ein Schiff zu gelangen und landet schließlich in Marseille, wo sie mit anderen Menschen, die ebenfalls auf der Flucht sind, in einem Schulgebäude untergebracht wird. Hier bricht die Ruhr aus, an der auch sie selbst erkrankt. Per Telegramm erhält Paula Auskunft über Friedels Aufenthaltsort, mittlerweile in einem Lager im spanischen Portbou, und macht sich im September 1940 auf den Weg zu ihm – zu Fuß über die Pyrenäen! Sie erreicht Portbou, kann die Freilassung ihres Sohnes jedoch nicht erwirken und reist schließlich ohne ihn nach Lissabon. Hier gelingt es ihr, eine Überfahrt mit dem Schiff zu organisieren, am 19. Dezember 1940 kommt Paula endlich in Rio de Janeiro an. Friedel wird ihr erst sechs Jahre später dorthin folgen.

Foto: Franz-Michael-Felder-Archiv der Vorarlberger Landesbibliothek, Bregenz

Glücksspiel und Alkohol statt Literatur

In Brasilien kann Paula ihren Lebensunterhalt nicht mehr mit ihrer Muttersprache bestreiten und ihre literarische Stimme verstummt. Sie verfällt dem Glücksspiel und dem Alkohol, leidet sehr unter der Sehnsucht nach Friedel und Iwan. Den Lebensunterhalt sichert in Brasilien der Verkauf von Bildern und bemalten Schächtelchen. Hierzu stellt Paula aus der roten Erde Brasiliens Farbe her, denn Malerfarben sind kriegsbedingt Mangelware. 1946 kommt auch Friedel in Rio de Janeiro an. Mutter und Sohn verbringen sieben gemeinsame Jahre in Brasilien. Nach 13 Jahren im Exil sind es die Hoffnungen auf einen österreichischen Pass und auf Tantiemen für eines ihrer Bücher, die Paula 1953 zur Rückkehr nach Europa veranlassen.

Ihre erste Station in Europa ist Paris. Hier erwarten sie traurige Nachrichten, denn Iwan Goll ist nur drei Jahre zuvor an Leukämie gestorben. In den Jahren 1958 und 59 entwickelt sich eine Korrespondenz zwischen Paula Ludwig und Claire Goll, Iwans Witwe, der einstigen Konkurrentin. Claire Goll geht es nun vor allem darum, die Liebesbriefe Paulas, die nach dem Tod Iwans in ihren Besitz übergegangen sind, gegen die Briefe Iwans einzutauschen, die bislang in Paulas Besitz gewesen waren. Das Fußfassen in Europa ist alles andere als einfach. Der Verlag, von dem sich Paula Tantiemen versprochen und über den Atlantik hatte locken lassen, existiert nicht mehr. „Ohne Geld, ohne Wohnung und Freude, und nachforschend, nur Gräber vorfindend“, beschreibt Paula diese Zeit. Wieder ist es schwierig, eine dauerhafte Bleibe zu finden. Das „Herumwohnen“ bei alten Freunden bringt Paula über verschiedene Stationen in Deutschland und durch eine Entzugskur schließlich nach Wetzlar, wo sich Paula und Friedel Ludwig (seit der Flucht aus Europa: „Ludwig Friedel“) 1956 niederlassen. Hier werden auch wieder Texte von ihr veröffentlicht. Zeitlebens empfindet Paula sich als ungebildet im Vergleich zu den Dichterkollegen, die Gymnasium und Universität besucht hatten. Doch 1962 erhält sie endlich die lang ersehnte Anerkennung in Form des in Salzburg verliehenen Georg-Trakl-Preises.

Zweizimmerwohnung in der Karlstraße

Kurz vor ihrem 70. Geburtstag müssen Paula und Friedel ihre Wohnung in Wetzlar aufgeben. Auf Empfehlung eines Freundes ziehen die beiden nach Darmstadt. Doch in ihrer Zweizimmerwohnung in der Karlstraße fühlt Paula sich entmutigt und häufig missverstanden. Ein Lichtblick: 1972 erhält sie den Preis des österreichischen Schriftstellerverbandes, zu dessen Verleihung sie mit Friedel nach Wien aufbricht – zu ihrer letzten Reise, die sie in vollen Zügen genießt: „Ich will das ausdehnen – hinauszögern – weil: es war doch die schönste Fahrt meines Lebens! Und sobald man darüber schreibt – ist sie schon halb vorbei!“

Am 27. Januar 1974 stirbt Paula Ludwig in Darmstadt an den Folgen eines Schlaganfalls. Ihr Grab ist auf dem Waldfriedhof zu finden. Sie mag vielleicht nie reich gewesen sein, zumindest nicht materiell. Und dennoch ist der Satz, mit dem sie ihre Fahrt nach Wien beschrieben hat, wegweisend und sollte als Orientierung dienen: Das Leben ist viel zu kurz und viel zu wertvoll, um es nicht auszukosten, um nicht das Beste aus schwierigen Situationen zu machen, um nicht auch nach Rückschlägen immer und immer wieder aufzustehen.

 

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