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Foto: Stefan Holtzem

Sport, der in Darmstadt betrieben wird und – Trommelwirbel – nicht Fußball ist? Vor lauter Lilienfieber ist’s ein bisschen in den Hintergrund geraten, aber: Jawohl, das gibt’s. Hier stellen wir sie vor, die Sportarten, die (noch) nicht von einem großen Publikum bejubelt werden. Zum Beispiel, weil sie bislang kaum wer kennt. Oder weil sie eben einfach zu speziell sind, um die Massen zu überzeugen. Oder vielleicht, weil man lieber unter sich bleibt? Wir gucken uns das für Euch aus der Nähe an. In dieser Ausgabe: die Ruckstars, Darmstadts erstes Damen-Rugby-Team.

Ich beim Rugby also, zum ersten Mal. Entsprechend uffgereschd bin ich und habe eine Handvoll elementarer Fragen im Kopf: Was trägt die Rugby-Spielerin zum Training (im Januar, abends, draußen)? Lässt mich meine Kondition im Stich? Werde ich mich im Matsch wälzen? Ob wohl alle auf den Boden rotzen, wie es das Klischee für derart roughe Sportarten vorgibt? Wie zum Teufel funktioniert dieses Spiel überhaupt? Wird sich jemand die Mühe machen, es mir zu erklären, oder wird man mich einfach belächeln – und umtackeln (einer der wenigen mir bekannten Rugby-Begriffe)? Entsprechend: Werde ich mir wehtun? Außerdem: Sollte es dazu kommen, dass der Ball in meinem Besitz ist und ich falle hin … Erlauben die Regeln, dass ich meinem Instinkt folge, mich schützend über ihm zusammenkauere, um dafür zu sorgen, dass die Gegnerinnen ihn nicht bekommen? Und überhaupt: Hilfe, ein Ball!

Rennen, werfen, tackeln!

Dass das Training mit einem lockeren Zuwerf-Spiel anfängt, ist zwar bei einem Ballsport wenig überraschend, trägt aber zugegeben noch nicht zu meiner persönlichen Lockerung bei. Die setzt dann aber langsam ein, als ich merke, dass hier wirklich niemand mit dem Finger auf einen zeigt, weil man sich dumm anstellt. Die Rugby-Mädchen sind ein netter und hilfsbereiter Haufen. Mindestens ebenso wichtiger Trainingsbestandteil wie der Ball und besagte Rugby-Mädchen: Ausdauer! Mit reichlich Laufen, Sprinten und Hüpfen wird das Thema Kondition ordentlich abgefrühstückt. Dann Laufen und Werfen in Kombination. Für mich zwar eine große Herausforderung, aber in echt gar nicht so schrecklich, wie ich es aus meinen Albträumen kenne.

Mein persönliches Highlight macht dann aber sowieso alles wett: die Tackle Bags. Mit denen wird geübt, wie man ordentlich in die Gegnerinnen reinwummst. Das ist im Spiel dann relevant, wenn die andere den Ball hat und man ihn ihr wegnehmen will. Damit sich im Training niemand unnötig verletzt, wird im Übungsspiel das „Tackeln“ durch „Touchen“, also ein Antippen, ersetzt. Vermutlich besser so. Denn als zum Trainingsabschluss tatsächlich gespielt wird, wäre ich sonst sicher noch ordentlich umgeholzt worden: Das wilde Treiben sorgt nämlich für zahlreiche „Häää?“-Momente. Es gibt einfach wirklich viele Regeln. Ich kenne zu diesem Zeitpunkt kaum eine. Und trotzdem bekomme ich durchaus eine Ahnung davon, wie viel Freude mir dieser Sport machen könnte, würde ich irgendwann verstehen, wann was warum passiert.

Freizeitspaß mit Vollkontakt

Die Freude am Spiel ist es auch, die bei den Ruckstars im Vordergrund steht. Knapp 20 Mädels gehören inzwischen zum Team. Einige von ihnen haben vorher schon Fußball, Handball oder Basketball gespielt, sind Teamsport, Ball und taffes Training also gewohnt – und darum auch vom Vollkontakt, der beim Rugby noch dazu kommt, nicht total geschockt. Viele stoßen aber auch ganz unbedarft zu den Ruckstars, vor allem Studentinnen, die über das Unisport-Angebot der TU auf Damen-Rugby aufmerksam geworden sind. Eine super Möglichkeit, einfach mal reinzuschnuppern. Die, die angefixt sind, bleiben. Dabei ist es auch kein Problem, dass manche es nicht zu jedem Trainingstermin schaffen und eben kommen, wenn sie Lust und Zeit haben. Inzwischen gibt es aber einen Kern an Stammspielerinnen, die den Ehrgeiz entwickelt haben, sich gegen andere Teams zu behaupten. Mit Erfolg: In der Regionalliga haben die Ruckstars sich in der Abteilung West (insgesamt zehn Teams) auf den vierten Platz gespielt. Saison für Saison sind die Darmstädterinnen ein bisschen besser geworden, haben hart gearbeitet und sind stolz auf ihre Leistung. Das dürfen sie auch sein!

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Foto: Stefan Holtzem

Einmal Rugby, immer Rugby!

Denn die Ruckstars wurden erst 2011 gegründet. Jennifer Reingruber, die heute Kapitänin des Teams ist, kam damals zum Studieren nach Darmstadt. Rugby hatte sie bereits zwei Jahre lang in ihrer Heimatstadt Heilbronn gespielt. Und natürlich schon vor ihrem Umzug gecheckt, was Darmstadt rugbymäßig zu bieten hat. Das Ergebnis: Herren-Mannschaft ja, Damen – Fehlanzeige. Darum hat sie sich erstmal mit den Jungs von der TG 1875 zusammengetan und schnell Anschluss gefunden. In deren Dunstkreis fanden sich dann einige Mädels, die ebenfalls Lust auf den Sport hatten. Ein Großteil war neu im Rugby-Business. Aber: Der Grundstein der Ruckstars war gelegt.

Von den etablierten Rugby-Jungs gab es von Anfang an viele Tipps und Unterstützung in Sachen Training. Auch Martin Roberts und Flavio Diez, die aktuellen Trainer der Ruckstars, sind ehemalige Rugby-Spieler. Mittlerweile selbst nicht mehr aktiv investieren sie viel Zeit und Herzblut in die Ruckstars, entwickeln Trainingspläne, begleiten das Team zu Turnieren – helfen den Mädels dabei, sich spielerisch weiterzuentwickeln. Und scheuchen sie ordentlich übers Feld!

Ein schön schmutziges Vergnügen!

Abschließend noch mal zu den elementaren Fragen: Am besten kleidet man sich im Zwiebel-Look, solange es draußen noch kalt ist. Im Laufe des Trainings ist Frieren dann kein Thema mehr, keine Sorge! Stollenschuhe sind von Vorteil, Schmuck und Piercings nicht. Die Spielregeln habe ich längst nicht alle verstanden. Aber die Mädels waren sehr geduldig und gaben sich Mühe, Neulingen wie mir zu erklären, was zu tun ist. Fun fact: Ein beiläufiges Auf-den-Boden-Rotzen habe ich aus dem Augenwinkel beobachtet. Und mich heimlich gefreut. Zum Thema Kondition: Es war anstrengend, aber ich habe durchgehalten. Ehrlicherweise muss ich aber zugeben, dass es das erste Training nach der Winterpause war und das Team sicher noch nicht in Höchstform. Es wird ordentlich gelaufen und gesprintet, so viel steht fest. Ich kam übrigens mehrfach mit dem Matschboden in Kontakt, was ich ziemlich … ja – aufregend fand, denn als Erwachsene, die keinen Outdoor-Sport betreibt, habe ich mich schon wirklich lange nicht mehr in den Matsch gesetzt oder gelegt. Fazit: Es hat mir großen Spaß gemacht. Ausprobieren!

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Foto: Stefan Holtzem

Mitmachen?!

Trainiert wird immer montags und donnerstags um 19 Uhr, derzeit im Bürgerpark. Einfach mal reinschnuppern kann jede ab 16 Jahren, die Lust hat, sich Rugby mal aus der Nähe anzuschauen. Ihr braucht keine Vorkenntnisse, Neugier langt!

Am besten kündigt Ihr Euer Kommen vorher per Mail an (ladies@rugby-darmstadt.de) oder schreibt eine Nachricht über Facebook. Hier erfahrt Ihr auch, wann Turniere stattfinden und was bei den Ruckstars aktuell so los ist.

Übrigens: Studentinnen können über den Unisport donnerstags umsonst mitmachen. Für Nicht-Studierende beträgt der Vereinsbeitrag monatlich 15 Euro (unter 18 Jahren 10 Euro).

 

Rugby-Regeln, kurz und knapp

Man unterscheidet 15er- und 7er-Rugby. Standardmäßig, beispielsweise in der Bundesliga, wird mit 15 Spielerinnen gespielt. In der Regionalliga der Damen sind allerdings nur sieben Spielerinnen auf dem Feld. Olympisch wird ebenfalls zu siebt gespielt. Das Feld ist genauso groß wie beim Fußball. An den Stirnseiten befinden sich torartige Gebilde, die Malstangen, dahinter die Malfelder der jeweiligen Teams. Weitere Gemeinsamkeit: Es gibt einen Ball, allerdings in Eiform. Der Kampf um den Ball beginnt bei Anpfiff an der Mittellinie. Gespielt wird 2 x 40 Minuten.

Ziel des Spiels: Punkte machen, indem man den Ball am gegnerischen Team vorbei in dessen Malfeld trägt oder kickt. Hierfür gibt es diverse Möglichkeiten:

Versuch („Try“), 5 Punkte: Ball im gegnerischen Malfeld auf dem Boden ablegen.

Erhöhung („Conversion“), 2 Punkte: Nach einem erfolgreichen Versuch darf die angreifende Mannschaft versuchen, den Ball zusätzlich zwischen die H-förmigen Malstangen über die Querstange zu treten.

Sprungtritt („Dropkick“) / Straftritt („Penalty Kick“), 3 Punkte: Erfolgreicher Tritt über die Querstange aus dem Spiel heraus oder nach einem Regelverstoß der Gegnerinnen.

Drumherum gibt’s unzählige Regeln – zum Schutz der Spielerinnen und zur großen Verwirrung der ungeschulten Beobachterin. Eine kleine Auswahl:

– Der Ball darf mit der Hand nur nach hinten geworfen oder übergeben werden. Wenn der Ball nach vorne geworfen wird, gibt’s ein sogenanntes Gedränge („Scrum“), eine Art Neustart, bei dem beide Teams um den Ballbesitz kämpfen.

– Getreten werden darf der Ball wiederum in alle Richtungen.

– Nur die balltragende Spielerin darf angegriffen werden. Es ist erlaubt, diese durch Umklammern („Tackeln“) zu behindern und nach Möglichkeit zu Fall zu bringen.

– Wer mit mehr Körperfläche als den Fußsohlen den Boden berührt, muss den Ball sofort loslassen. (Damit ist dann auch meine Frage beantwortet, ob man sich in Embryonalstellung über dem Ball zusammenkauern darf, um ihn vor den Gegnerinnen zu schützen.)

Noch nicht alles verstanden? Dann am besten mal live anschauen! Oder im Video informieren:

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