Foto: Mathias Hill

Nach ersten Gehversuchen unter den Namen Dodge Durango und „Wir sind’s“ öffnete 2006 der Salon Erika. Damals im P noch als Frankfurter Band mit Darmstädter Hintergrund bezeichnet, hat es einige Erikas doch wieder zurück nach Darmstadt verschlagen. Da der Proberaum aber nach wie vor in Kelsterbach steht, kann man Boris Halva (Gesang, Akkordeon), Markus Hettler (Bass), Matthias Sistig (Gitarre, Gesang), Rainer Stang (Drums und Percussion) und Thomas Wolff (Gitarre, Gesang, Banjo) wohl mit Fug und Recht als Rhein-Main-Gebiets-Country-And-Polka-Tango-Band bezeichnen. Mal schauen, was Boris und Thomas im großen Hörspiel zu Artverwandtem zu sagen haben.

Depeche Mode „A Question Of Time (New Town Mix)“

86er-Hit-Single der vor allem in Deutschland heiß geliebten Techno-Pop-Heroen. Auch wenn der Sound weit entfernt von dem der Erikas ist, gibt es doch eine Connection …

Boris [pikiert]: Also, sooo Eighties wie das hier sind wir nicht!

Thomas [leicht naserümpfend]: Gegen den Beat würde sich unser Schlagzeuger mit Händen und Füßen wehren – das klingt doch sehr robotisch.

B: Ich warte mal auf den Menschen, der da singt. Hmm … Es fühlt sich an wie Depeche Mode.

T: Ah, Depeche Mode! Dave Gahan ist ein Riesensänger und einer der wenigen, die im Laufe der Zeit immer besser werden.

Gut erkannt! Das ist „A Question Of Time“. Eine schöne Anlehnung daran findet sich in Eurem „Gewinner-Tango“, aber mit deutschem Text und anderem Thema. Wie kam’s?

T: Die paar Coverversionen, die wir machen, sind ganz freie Improvisationen. In diesem Fall war ich beim Umsteigen im Flughafen von Valencia, hatte viel Zeit und viele Ideen … Zu diesem Song hatte ich gleich ein Akkordeon im Ohr, und von dort kam ich auch schnell zum Tango-Rhythmus. Ich hab mit all dem, was ich von dem Depeche-Mode-Song noch im Ohr hatte, den Text geschrieben. [Diese Idee haben die Dirty Projectors aus New York übrigens 2007 auf die Spitze getrieben, indem sie das komplette „Rise Above“-Album von Black Flag aus der Erinnerung nachgespielt und das Ergebnis als Album veröffentlicht haben.]

Worum geht es denn bei Deinem Text? Jemanden, der einem eine Geldanlage aufschwatzen will?

T: Es geht um einen ekligen, öligen Typen; einen Dreckskerl, der ein Mädchen anmacht und ihr verspricht, dass er sie groß rausbringen wird. Aber erst einmal muss sie ihm ein bisschen Startkapital leihen – eine große Seifenblase!

B: … und trotzdem hast Du große Sympathien für ihn.

T: Shame on me!!

 

Bernd Begemann „Bist Du dabei?“

Der frisch gebackene Bundesverdienstkreuzträger mit einer frühen Hymne aufs Ins-Auto-steigen-und-einfach-mal-Abhauen.

B [stirnrunzelnd]: Klingt nach Blumfeld.

Gleiche Stadt, anderer Künstler …

T: Das Lied ist schön frisch und geht geradeaus. Aufbrechen, losfahren …

Ich sehe da Parallelen zu Eurem Song „Die Nacht“ vom Album „Schöner langer Tag“: Das Auto ist vollgetankt, die Stooges werden laut im Radio aufgedreht … Aber bei diesem Song hier scheint es eine der ersten Fahrten zu sein, bei Euch eine der letzten.

T: Interessanterweise ist das einer der wenigen Texte, die Boris und ich zusammen geschrieben haben.

Das ist übrigens Bernd Begemann.

B: Den kenn‘ ich nur als Solokünstler, deshalb hab ich ihn in Bandbesetzung nicht erkannt.

T: Die Hamburger Jungs haben einen guten Humor, einen guten Schnack und guten Drive … Vom Sprachwitz her haben wir uns da was abgeschaut … Ich find‘ ja sogar Blumfeld gut, obwohl man das ja nicht laut sagen darf.

B: Wieso denn nicht?

T: Na, der Jochen Distelmeyer ist doch … ähm … Münchener-Freiheit-Fan.

B: Was hast Du denn gegen die Münchener Freiheit? Ich hab‘ Blumfeld zu Zeiten von „Old Nobody“ [1999, Anm. d. Red.] im Café Kesselhaus gesehen … das war ähnlich wie bei uns: Live ist es dreckiger und lustiger …

T: Ich würd‘ mal sagen, bei uns bestehen 70 Prozent des Auftritts aus „Dummes-Zeug-Labern“, oder zumindest 30. In der Krone-Kneipe haben wir deshalb auch vier Zugaben gespielt. Wir mussten danach ins Sauerstoff-Zelt!

B: Das ist es eigentlich: Das Live-Spielen macht uns so großen Spaß. Wir sind zum Glück an dem Punkt, dass die Musik für uns ein Hobby ist. Und so haben wir auch über die Jahre alles vom Equipment her ein bisschen runtergefahren …

T: … aber nicht die Ansprüche [lacht]! Ganz früher hießen wir Dodge Durango und haben Englisch gesungen. Seit wir Deutsch singen, sind wir näher an den Leuten.

 

Element of Crime „Der Mann vom Gericht“

Ein Frühwerk der Melancholie-Kapelle um Sänger und Trompeter Sven Regener. Gesungen wird aus der Perspektive eines hartherzigen Gerichtsvollziehers: „Niemand da? Da lach ich ja …!“

T: Die Trompete ist sehr schön, deshalb sind wir auch alle große Sven-Regener-Verehrer.

B: Das hat was Diabolisches. Das ist schon Herbstwind.

T: Aber was ist es? Es ist ein Stück von uns, das jemand sehr plump gecovert hat … [lacht]

Das ist „Der Mann vom Gericht“, der erste deutschsprachige Song von Element Of Crime. Das passt ja jetzt wegen des Sprachwechsels von Englisch zu Deutsch auch wieder sehr gut zu Euch, oder?

T: Ich bin mit den ganzen englischen und amerikanischen Helden aufgewachsen. Genesis und so. Englisch war damals Ausdruck von Internationalität und Coolness. Und man wollte sich ja von der Musik seiner Eltern abgrenzen. Deutsch war ja entweder Schlager oder doof oder beides! Bei mir kam ein Umdenken erst mit der Beschäftigung mit Americana-Bands wie Calexico oder Giant Sand. Deren Einstellung ist ja: Auch wenn Country heute eigentlich scheiße ist … das ist trotzdem mein Land, meine Heimat, das lass‘ ich mir von den Nashville-Leuten doch nicht kaputtmachen! Und deshalb denke ich heute, dass man genauso gut auf Deutsch singen kann, ohne dass es einem peinlich ist.

B: Man baut ja, wenn man Englisch singt, erst mal eine Distanz zum Publikum auf, eine Coolness auf der Bühne … und im Verlauf der Jahre kann man die wieder abbauen.

T: Die Leute gehen auch viel mehr mit, wenn man ihnen sagt, worum es geht. Wenn wir zum Beispiel ansagen, dass es beim Song „Villa Sonnenschein“ um Sex im hohen Alter geht, dann giggeln im Publikum auch die ganz Jungen. Also: Wir können alle Bands nur ermutigen, mehr Deutsch zu singen!

B: Und es ist ein Mambo – es macht einfach Spaß, sich da einzufinden und sich reinzugrooven!

 

Manfred Krug „Die fegen hier schon auf“

Der Sinatra der DDR siedelte 1977 nach West-Berlin über. Sein erstes West-Album 1979 hieß dann sinnigerweise „Da bist du ja“ und enthält diesen Tränenzieher voller verrauchter Kneipenromantik.

B [hat eine dunkle Ahnung]: Das könnt‘ ein sehr junger Udo Lindenberg sein …

T: … oder Rocker Schomani … äh … Rocko Schamoni. Auf jeden Fall eine wunderbare Säufernummer, da finden wir uns gut rein.

Ich geb Euch einen Tipp: Ähnliche Zeit wie der junge Lindenberg, aber ein anderer Staat.

T: Hm, aus der DDR kennen wir aus der Zeit eigentlich nur Manfred Krug. Das ist er? Hups – der konnt‘ ja richtig singen! Klasse, das covern wir!

B: Das ist sehr entspannt – und sehr groovy!

Wenn er Englisch singen würde, könnte es auch von Tom Waits sein, oder?

T: Ich seh‘ schon, wir sollten Bill von Blood Money, der Darmstädter Tom-Waits-Tribute-Band, für diesen Song als Gastsänger dazu holen. Ich hab die mal in der Los Santos Bar gesehen und saß ungefähr einen Meter neben ihm. Seitdem weiß ich, was „singen“ bedeutet – da hat alles um mich herum gewackelt!

B: Also, das sollten wir machen. Schreib‘ das mal auf, wir kümmern uns! [Wird gemacht!]

Zurück zur Kneipenromantik: Ich würde gern mal aus Eurer Bandinfo zitieren: „Sie huldigen den rastlosen Tagen und all den Nächten, die sie vorzugsweise in von Schweigen umtosten Stammkneipen verbringen.“ Da stellen sich mir zwei Fragen. Erstens: Verbringt Ihr Eure Nächte immer noch vorzugsweise in vom Schweigen umtosten Stammkneipen?

B: Natürlich! [lacht]

Und zweitens: Wie heißen die dazugehörigen Stammkneipen?

B: Wir hatten sie alle! [lacht]

T: In Darmstadt gibt es ja eigentlich nur eine Kneipe, die so eine Pub-Atmosphäre hat. Das ist das Pillhuhn. Wenn ich Songs über Kneipen schreibe, dann denke ich ans Pillhuhn.

B: Und mich, und das ist komisch, inspiriert es überhaupt nicht: Ich geh‘ da nur hin, um mein Bier zu trinken und wieder unbeschadet rauszukommen. Ich find‘ dann eher die Zufallsdinger gut. Solche Kneipen, in denen man noch nie war, in denen man nachts zufällig landet.

T: Wir haben in Kelsterbach, wo der Proberaum ist, eine Stammkneipe: „Zum Anker“. Da bin ich als Exilfriese natürlich besonders gern „vor Anker gegangen“. Wir gehen gern in die Kneipe – vor allem, um dort dummes Zeug zu labern.

B [verschwörerisch]: Das ist natürlich nur Pose. In Wirklichkeit reden wir nur über Persönliches!

T: Wir reden auch gern über Fußball …

B: … denn wir haben drei Eintracht-Dauerkarten-Besitzer in der Band.

Seid Ihr sicher, dass Ihr das in einem Darmstädter Stadtmagazin erwähnt haben wollt? [Alle lachen.]

 

Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV) „Morgen“

Auch die österreichische Musikkabarett- und Blödel-Truppe hat sich mit den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums beschäftigt, zum Beispiel in diesem Song vom 1985er-Album „Geld oder Leben“.

B: Ist bestimmt der Kreisler.

T: Ich kenn‘ nur die Ilse Werner, die so pfeifen kann [deutsche Schauspielerin und Sängerin der Schwarz-Weiß-Ära, die in der Disziplin des Kunstpfeifens sehr bewandert war].

T: Wolfgang Ambros … Georg Danzer?

Nein, es ist eine österreichische Band aus den Achtzigern.

B: Dann ist es die EAV! Das kenn‘ ich noch von damals. Auf der Platte war auch der „Sandlerkönig Eberhard“! Diese Loser-Sympathie fand‘ ich immer sehr nett. Das ist in dem ganzen Kostümkram immer untergegangen, denn das sind eigentlich ganz coole Typen. [Zu Tom:] „Sandlerkönig Eberhard“, das muss ich Dir mal vorspielen.

T: Aber ich glaub‘, ich weiß, worauf Du anspielst.

Ich sehe hier einen Querverweis zu Eurem Song „An jedem anderen Tag“ vom Album „Besser geht immer“.

T: Ja, das ist ein großes Thema bei uns: Das Leben ändern wollen, aber sich einzugestehen, dass man es nicht schafft.

Ihr habt ja sogar zwei Songs zu dem Thema.

T: Nein, mehr! [Lacht.] Es gibt Themen, auf denen kau‘ ich ein bisschen rum. Irgendwann war ich mit den Menschen durch. Da hab‘ ich dann angefangen, über Tiere zu schreiben. Dann haben die anderen dann auch irgendwann gesagt: Tom, jetzt reicht‘s auch! Es gibt sogar ein Stück über den Schabrackentapir.

B: Das ist okay, das ist ja wieder konstruktivistisch. Nee, die Tiere waren schon in Ordnung. Sie sollten nur nie zu Schaden kommen!

 

Freddy Quinn „Sie hieß Mary-Anne“

Die deutsch-österreichische Antwort auf „16 Tons“ von Merle Travis, abgeschmeckt mit einer großen Prise Seemannsromantik.

T: Das ist eigentlich ein amerikanischer Folksong … [Nicht ganz: Der Amerikaner Merle Travis bekam 1947 den Auftrag, für die Reihe „Folk Songs Of The Hills“ auch einen Song über den Bergbau aufzunehmen. Da er aber keinen Folksong zum Thema kannte, komponierte er schnell was Eigenes.]

B: Peter Kraus?

T: Peter Alexander?

Nein, es ist wieder ein Österreicher.

B: Freddy Quinn! Um den gut zu finden, müsste man aber wohl das Politische rausnehmen.

T: Freddy Quinn wärmt ja absolut mein Herz. Im Radio lief bei uns zu Hause jeden Sonntag das „NDR-Hafenkonzert“. Was für ein erzkonservativer Typ er war, das hab‘ ich erst hinterher erfahren.

B: Ach, die Seemannsromantik ist so ein Hauch, der an uns vorbeigezogen ist.

T: Das seh‘ ich ganz anders! Das Akkordeon, das hat doch mit der „christlichen Seefahrt“ zu tun … unterwegs auf hoher See mit der Band und so!

B: Ich komm‘ ja aus dem Odenwald, ich bin mehr so der Wanderer.

T: „Lale Lale“ war unser erstes deutschsprachiges Stück, da ist einfach schon alles drin, was uns ausmacht: Lale Andersen, ein Schiff, das niemals kommt, ein Windgebläse.

B: Ach, das ist eigentlich auch das Schönste! [seufzt ergriffen]

 

Dann wohl Sophie „Einer von Euch“

2018er-Single der Darmstädter Indie-Band.

B: So einen Song haben wir auch gerade gemacht, der ist gerade im Werden. Das ist sehr cool!

T: Das ist so Neue-Deutsche-Welle-Zeit, sehr minimalistisch. [Der Noise-Teil beginnt:] Jetzt nicht mehr …

B: Das hat ’ne schöne „Scherben-Energie“.

T: Es wirkt sehr persönlich, sehr ehrlich.

Ich muss ja gestehen, dass ich eine Zeit lang Sophie und Erika immer durcheinander geworfen habe. Wie kam’s denn zu Eurem Bandnamen?

B: Matze hat den „Salon Erika“ erfunden.

T: Ja, dahinter stand der Salon-Gedanke: „Erzähl’s Deinem Friseur“!

B: Und als Du erzählt hast, dass Deine Band Salon Erika heißt, war ich sofort Feuer und Flamme.

Dann hab ich mein Akkordeon Regina eingepackt.

Das heißt echt Regina?

B: Ja! Mein Akkordeonlehrer ist total ausgeflippt, weil er bisher nur von diesem Typ gehört hatte, aber noch nie eine „Regina“ gesehen hatte.

Das Bernsteinzimmer der Akkordeonisten … oder die „Sticky Fingers“-LP mit Original-Reißverschluss-Cover.

B: Genau. Das zweite Akkordeon heißt übrigens Lucia. Wir müssten mal zusammen mit den „Sophies“ spielen: Ein Mädels-Abend … ha, ha!

Habt Ihr eine abschließende Botschaft an die P-Leserinnen und Leser?

B: Mit Botschaften haben wir so unsere Probleme.

T: Zumindest mit den großen.

Aber für ’ne kleine reicht’s doch, oder?

T: Ich würd sagen: Morgen ändern wir die Welt – aber bis morgen ist noch jede Menge Zeit …

 

Win! Win!

Das P verlost 3 x die Salon-Erika-CD „Die Letzten ihrer Art“.

Quizfrage: Wie soll Boris‘ drittes Akkordeon heißen?

Schick‘ Deinen Vorschlag bis 28. Februar 2022 an redaktion@p-verlag.de.

Alle anderen können das Album bei „Musik als Hilfe“ oder „CD-Bessungen“ käuflich erwerben.

 

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