Illustration: Hans-Jörg Brehm
Illustration: Hans-Jörg Brehm

Schlecht geht’s jedem mal, auch mental. Das Ende einer langjährigen Beziehung, familiäre Streitigkeiten, ein Rückschlag im Beruf oder der Bruch einer Freundschaft: Alles definitiv nicht schön. Wenn man aber merkt, dass eine Alltagsgestaltung in gewohntem Maße nicht mehr möglich ist, sollte man sich Hilfe suchen.

Eigene negative Gefühle zu äußern und sich anderen gegenüber zu öffnen, ist heutzutage akzeptiert und auch völlig normal. Wenn aber eine Person nicht mehr im Sinne der vorherrschenden Leistungsgesellschaft funktioniert, besteht schnell die Gefahr einer Stigmatisierung. Oft geschieht das unbewusst. „Der Informationsstand über das ehemalige Tabuthema psychische Erkrankungen ist zwar gewachsen, die Scheu davor aber noch lange nicht überwunden“, erklärt Prof. Martin Hambrecht, Chefarzt der psychiatrischen Klinik im Agaplesion Elisabethenstift in Darmstadt.

Häufig wird aus Scham und Angst vor der Meinung anderer die eigene Situation nicht ausreichend ernst oder gar nicht erst wahrgenommen. Denn verständlicher Weise will niemand vor sich selbst oder anderen als „verrückt“ gelten. So wird oft erst Hilfe gesucht, wenn Betroffene (oder ihnen Nahestehende) keine andere Möglichkeit mehr sehen.

Woran merke ich, dass ich Hilfe benötige?

Wenn sich heftige und neuartige körperliche Schmerzen bemerkbar machen, weiß man relativ eindeutig, dass ein Arzt aufgesucht werden sollte. Bei seelischen Beschwerden ist der eigene Zustand schwieriger einzuschätzen. Prof. Hambrecht stellt folgende Faustregel auf: Hilfe-suchen sollte man sich, „wenn sich jemand oder etwas unerklärlich über mehr als zwei Wochen deutlich ändert.“

Auf seine Erfahrungen in Bezug auf Darmstadt befragt, hat Hambrecht festgestellt, dass die Behandlungsbereitschaft Betroffener in den vergangenen zehn Jahren gestiegen sei – vor allem bei jungen Männern mit Depression. Der Zugang werde auch durch die neuerdings weit verbreitete Diagnose „Burnout“ erleichtert.

Hausarzt erster Ansprechpartner

Ein stationärer Klinikaufenthalt ist allerdings nur bei akuten Lebenskrisen erforderlich. Zudem gibt es viele ambulante Hilfsangebote in Darmstadt, um einen solchen Klinikaufenthalt gar nicht erst notwendig zu machen (siehe Infobox). Aufgrund der hohen Nachfrage sind Ersttermine bei psychiatrischen und neurologischen Arztpraxen jedoch oft erst nach längerer Wartezeit zu bekommen. Daher ist in jedem Fall der Hausarzt der primäre Ansprechpartner. Er kann erste Hilfestellungen geben und bei Bedarf weitervermitteln.

Oft hilft schon, mit einem Experten telefonisch über seine Probleme zu sprechen. Dies ist auch anonym möglich. So gibt es neben der 24 Stunden erreichbaren Telefonseelsorge in Darmstadt auch einen telefonischen psychiatrischen Notdienst. Wichtig zu erwähnen ist auch das Angebot des Projekts „Anna“ („Alles, nur nicht aufgeben!“) der Kinderklinken Prinzessin Margaret, das sich speziell an Kinder und Jugendliche in Krisen richtet.

Um sich allgemein zu informieren und (auch als Angehöriger oder Freund) Ratschläge einzuholen, empfiehlt sich eine Kontaktaufnahme mit den Beratungsstellen der Caritas oder des Gesundheitsamtes Darmstadt. Zusätzlich gibt es für Studierende der TU und Hochschule Darmstadt eine psychotherapeutische Beratungsstelle des Studentenwerks.

Egal, welche seelische Erkrankung: Therapieplätze sind in Darmstadt nicht in ausreichender Zahl vorhanden. Wer im Internet in den lokalen Gelben Seiten nach dem Begriff „Psychotherapie“ sucht, bekommt zwar über 90 Treffer angezeigt. Nachdem die ersten fünf Anrufbeantworter mit der Info „Derzeit leider keine freien Plätze“ anspringen, tritt allerdings schnell Ernüchterung ein. Der Hilfesuchende muss also zumeist darauf hoffen, dass just zum Zeitpunkt seines Anrufs ein Platz vorhanden beziehungsweise frei geworden ist. Oft hilft nur Beharrlichkeit und Ausdauer – leider.

In Deutschland haben erst die Outings prominenter Sportler wie Sven Hannawald und Sebastian Deisler sowie der Suizid von Fußball-Nationaltorhüter Robert Enke die Diskussion über seelische Probleme angestoßen. Dass erst ein solch tragisches Unglück einer öffentlichen Person dazu geführt hat, ist bitter. Gleichzeitig ist daran aber gut zu erkennen, wie schwierig der gesellschaftliche Umgang mit diesem Thema selbst in einem modernen, weltoffenen Sozialstaat noch immer ist.

Abschließend ein Appell an alle Betroffenen: Überwindet die Angst davor, abgestempelt zu werden. Eure Gesundheit und Eure Lebensqualität stehen auf dem Spiel. Es gibt umfassende Hilfsangebote in Darmstadt – nutzt sie!

 

Telefonische Krisenhilfe

Telefon-Seelsorge Darmstadt
(0800) 111 0 111 und (0800) 111 0 222
Erreichbarkeit: 24 Stunden täglich, auch an Sonn- und Feiertagen

Psychiatrischer Notdienst Darmstadt
(06151) 159 49 00
Erreichbarkeit: Fr bis So und an Feiertagen von 18 bis 23 Uhr

Krisentelefon Projekt „Anna“
(0800) 6 68 81 00
Erreichbarkeit: Mo bis Fr von 13 bis 15 Uhr, außerhalb dieser Zeiten: Weiterleitung an die Telefonseelsorge Darmstadt (siehe oben)

 

Beratende (Erst-) Anlaufstellen

Sozialpsychiatrischer Verein Darmstadt
Erbacher Straße 57
(06151) 2794100
www.sozialpsychiatrischer-verein.de

Gemeindepsychiatrisches Zentrum der Caritas
Wilhelminenplatz 7
(06151) 60 96 0
www.caritas-darmstadt.de/darmstadt/gemeindepsychiatrisches-zentrum

Sozialpsychiatrischer Dienst des Gesundheitsamtes
Niersteiner Straße 3
(06151) 33 09 29
www.gesundheitsamt-dadi.de/psyche/sozialpsychiatrischer-dienst

Psychotherapeutische Beratungsstelle für Studierende der TU und der Hochschule Darmstadt
Nieder-Ramstädter-Straße 191, in der Wohnanlage
(06151) 16-3210 / -3110 / -3860 / -3896
www.studentenwerkdarmstadt.de/index.php/de/beratung/psychotherapeutische-beratungsstelle

 

Im Notfall

Notfallamublanz des evangelischen Krankenhauses AGAPLESION Elisabethenstift
Langraf-Georg-Straße 100 (in der zentralen Notaufnahme)
(06151) 403-0
rund um die Uhr besetzt

 

Weiterführende Infos

Alle Selbsthilfegruppen in Stadt und Landkreis Darmstadt-Dieburg findet Ihr als PDF-Dokument HIER!

Alle Adressen und Institutionen, die Hilfsangebote für seelisch Erkrankte anbieten, finden Sie (ebenfalls als PDF) in dem vom Gesundheitsamt Darmstadt herausgegebenen Sozialpsychiatrischen Wegweiser

Eine auch vom Gesundheitsamt herausgegebene Übersicht über in Darmstadt praktizierende Psychotherapeuten gibt’s HIER!

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