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Foto: Jan Ehlers

Im Oktober-P 2015 haben wir Mohammad (18) und Shukur (20) vorgestellt, die aus Afghanistan geflüchtet waren und nun in Darmstadt leben. Seit mehr als einem halben Jahr werden sie von Ulrike Liebig und Navid Neschat-Mobini betreut, einem Darmstädter Ehepaar, das eine Patenschaft für beide übernommen hat. Shukur, der ältere der beiden Geflüchteten, hat jüngst ein Praktikum in einem Eberstädter Betrieb absolviert.

Anfang Januar bis Ende März 2016: Shukur ist unter der Woche fast jeden Tag bei Holzbau Dächert beschäftigt und packt mit an, um Dachdecker-, Zimmerei- und Bauspengler-Arbeiten im Raum Darmstadt zu erledigen. Vor dem Büro der Firma sieht man Shukur hin- und herwuseln. Die Mitarbeiter kommen gerade von einer Baustelle, räumen einen Lastwagen aus. Shukur steigt auf eine hohe Leiter und verstaut Arbeitsgeräte. Fragt man Firmenchef Peter Dächert, wie ein Arbeitstag mit Shukur aussieht, lacht der erst einmal: „Ja, normal sieht der aus.“ Morgens um sieben Uhr ist Lagebesprechung: Wer macht was, wer arbeitet mit wem zusammen. Dann wird der Lastwagen mit Maschinen, Holz und allem beladen, wobei Shukur kräftig mithilft. Für die ersten Arbeitstage hatte Regine Dächert, Peters Frau, Piktogramme mit Werkzeugen und deren Bezeichnung ausgedruckt, damit Shukur einen schnellen sprachlichen Einstieg findet. Ist alles verstaut, geht es auf die Baustellen. Auch dort hilft Shukur mit: „Er trägt Sachen von A nach B, räumt auf, streicht, schraubt mit dem Akkuschrauber, alles selbstständig. Als würde er schon ein Jahr Praktikum machen. Er ist total unterstützend. Nur mit der Handkreissäge machen sie noch ein bisschen langsam“, sagt Peter Dächert und lacht: „Aber das kommt alles.“

Regine Dächert, erzählt davon, wie es zum Praktikum kam: „Ulrike, die Shukur betreut, hat uns angeschrieben. Sie hat zusammen mit Peter studiert. Ich habe schon in der Niersteiner Straße geholfen, wo Kleiderspenden gesammelt wurden. Deshalb habe ich gedacht: Das ist doch genau die Chance für ihn. Wir haben einen Betrieb, wir können etwas tun.“ Nach der Entscheidung, Shukur einen Praktikumsplatz zu geben, wurde mit den Mitarbeitern gesprochen. „Sie sind schließlich die, die den ganzen Tag mit ihm zusammen sind. Und da hieß es schnell: Klar, das machen wir“, erinnert sich Peter Dächert. Ulrike, die Patin von Shukur, erzählt, dass vor allem Regine Dächert sofort Feuer und Flamme gewesen sei: „Sie hatte auch den Artikel über uns im P gelesen und gedacht, das sei doch super, dann könne sie auch endlich was machen.“

Die Mühlen der Behörden

Etwas komplizierter war das Thema Versicherung. Sowohl den Paten, als auch dem Betrieb war klar, dass ein Praktikum nur funktioniert, wenn Shukur ausreichend krankenversichert ist. Die Frage war: Was passiert, wenn ihm zum Beispiel ein Holzklotz auf den Fuß fällt? Patin Ulrike musste lange herumtelefonieren, beim Sozialkritischen Arbeitskreis (SKA), der Krankenkasse und weiteren Stationen, bis sie einen Tipp von einer Bekannten bekam, die ebenfalls einen Flüchtling betreut. So landete sie beim Bildungswerk der hessischen Wirtschaft, das Shukur nun versichert hat. Auch einen Fahrkartenzuschuss haben die Vier organisiert. Aber: „Man muss sich durchkämpfen, man hat bei allem deutsche Bürokratie, es dauert alles sehr lang.“ Mittlerweile scheinen sich Behörden auf die Nachfrage und den Bedarf eingestellt zu haben, es gibt eine hilfreiche Broschüre und eine konkrete Anlaufstelle in Darmstadt (siehe Infobox).

Shukurs Deutsch hat sich seit unserem ersten Treffen im Oktober deutlich verbessert. Er versucht, viel zu lernen und möglichst viele Deutschkurse zu absolvieren. Die Arbeit im Handwerksbetrieb hat ihm Spaß gemacht, auch wenn er zugibt, dass die Sprache für ihn manchmal noch ein Hindernis ist. Auch körperlich gibt es einen großen Unterschied zu seiner Arbeit in Afghanistan. Dort hat er unter anderem als Schneider sein Geld verdient. Insgesamt sieht er die Zeit bei Holzbau Dächert aber positiv: „Ich habe dadurch mehr Integration in die deutsche Gesellschaft.“ Vorher war ihm oft langweilig, er hatte bis auf die Sprachkurse kaum etwas zu tun. Die Beschäftigung hat ihm gut getan, das sieht man: Shukur wirkt viel offener als noch vor ein paar Monaten. Er lacht viel und scheint auch mit den Kollegen gut klar zu kommen. Peter Dächert bestätigt diesen Eindruck: „Er lächelt immer, ist immer freundlich und gibt jedem die Hand.“

Freundlich und motiviert

Auch sein Mitarbeiter Dieter Ihrig spricht gut über Shukur: „Auf einer Skala von eins bis zehn bekommt er eine gute neun. Er guckt immer, ob er Sachen machen kann, obwohl er diese Arbeit nicht gelernt hat, und er sieht, wo die Arbeit ist, und führt sie gut aus.“ Dieter hat mit Shukur auch über seine Herkunft gesprochen. „Es ist aber ganz egal, wo er herkommt, das macht keinen Unterschied. Ein Kollege hat zu mir gesagt: Wenn sie wollen, versetzen sie Berge. Und das stimmt, das trifft auf Shukur zu.“ Auch sein Kollege Kevin [auf dem Foto links] äußert sich ähnlich: „Er arbeitet besser, als die meisten Praktikanten, die wir bislang hatten. Er ist williger, er will das alles auf jeden Fall. Ein Problem ist natürlich die Sprache, da stößt man an Grenzen, aber Shukur ist ein Glücksgriff.“

Und wie geht es für Shukur nach den drei Monaten Praktikum weiter? Als Asylbewerber, der weder eine Ablehnung noch Aufenthaltsgenehmigung hat, darf man nach mindestens drei Monaten in Deutschland arbeiten, sofern die Ausländerbehörde dies genehmigt. Für Peter Dächert ist es noch nicht klar: „Es kommt auch darauf an, wie sein Status ist. Das Thema ist wichtig für uns, aber am Ende weiß ich auch nicht, ob er so gut Deutsch versteht, dass man einfach weiter machen kann. Man muss dann schauen, welche Möglichkeiten bestehen.“ Er fügt an, dass Shukur natürlich selbst wissen muss, ob er im Handwerk bleiben oder etwas anderes lernen will. Shukur selbst weiß auch noch nicht, was kommt. Er würde gern in seinem alten Job als Schneider arbeiten, ausgeschlossen ist eine Zukunft im Bau-Handwerk für ihn aber nicht. Regine Dächert sieht das Praktikum nicht rein als Karriere-Element: „Es ist erst einmal ein Einstieg, um zu gucken, was er will und wo es hingeht. Um integriert und dabei zu sein, zu arbeiten und mit den Leuten zu sprechen. Ich denke, dass das die Hauptbasis ist, die man schaffen kann.“

Die Stimmung gegenüber Flüchtlingen in Darmstadt empfindet sie als positiv: „Hier sind die Leute bereit, etwas zu geben, weil es ihnen gut geht. Man hat das Gefühl, dass die Leute froh sind, dass sie nicht nur schreckliche Sachen im TV sehen und dann den Fernseher wieder ausmachen. Sondern auch, dass sie einfach etwas tun können, auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist.“ Was kann man also tun? „Offen sein!“, sagt sie. Und sie rät denen, die Flüchtlinge betreuen, an Firmen heranzutreten und einfach nachzufragen. Gerade Paten wissen oft, was wem liegt und was nicht.

Wenn jeder etwas in seinem kleinen Bereich tue, funktioniere Integration und der Umgang mit Flüchtlingen, glaubt Regine Dächert: „Gerade als Firma hat man die Möglichkeit, etwas Integratives zu bieten wie Selbstwertgefühl und Selbstbestätigung durch Arbeiten. Auch Peter Dächert hat eine klare Meinung: „Man muss offen mit dem Thema umgehen und jedem die Chance geben, etwas zu machen.“

 

Broschüre für Unternehmen, Arbeitsmarktbüro für Geflüchtete

„Sie möchten einen Flüchtling einstellen? Bei uns sind Sie richtig!“: Unter diesem etwas sperrigen Titel hat die Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion Hessen, Projektgruppe „Asyl und Flüchtlinge“ im Februar 2106 eine Broschüre herausgegeben. Sie verschafft einen Überblick über die Möglichkeiten, Praktika und Ausbildungsplätze anzubieten, sowie über angebotene Zuschüsse.

Erhältlich ist diese Broschüre, die ständig aktualisiert und vor Ort ausgedruckt wird, auch in der Darmstädter Agentur für Arbeit im Groß-Gerauer Weg 7. Dort ist seit Dezember 2015 im Erdgeschoss (Büros A 021 und A 022) ein Arbeitsmarktbüro – Integration Point für Asylsuchende und Flüchtlinge eingerichtet. Es handelt sich dabei in erster Linie um eine Anlauf- und Informationsstelle für alle Menschen mit Fluchthintergrund, die Personen mit Aufenthaltsgestattung (im laufenden Asylverfahren) und „Geduldeten“ Informationen vermittelt. Besetzt ist dieses Büro aktuell mit drei Mitarbeitern mit guten arabischen Sprachkenntnissen, die täglich zwischen 9 und 12 Uhr eine offene Sprechstunde anbieten. Erreichbar sind die Ansprechpartner Bahareh Hollmann, Ismail Idrissi Belkasmi und Abdulrahman Scheikh Obeid auch telefonisch unter (06151) 304 190 oder per E-Mail an: Darmstadt.Arbeitsmarktbuero-Fluechtlinge@arbeitsagentur.de.

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