Foto: Jan Ehlers

Der Autor nimmt einen Schluck von seinem Weizenbier. Es ist Sommer, es ist heiß. Er setzt das Glas wieder ab, lächelt versonnen und erklärt, was für ihn das Schreiben von längeren Geschichten so besonders macht: „Es ist einfach ein Traum, ganze Welten mit nur wenigen erfunden Personen erschaffen zu können“, sagt er. „Es fühlt sich fast an, wie damals als Kind mit den Matchbox-Autos auf dem Zimmerboden.“

Stefan Benz heißt der Autor. Vielen Darmstädtern ist er als scharfzüngiger Film- und Theaterkritiker bekannt. Seit über 30 Jahren schreibt er für das „Darmstädter Echo“. Jetzt, mit 53 Jahren, hat er seinen ersten Roman veröffentlicht. „Theaterdurst“ heißt er. Und wie der Titel schon verrät, geht es darin um eine seiner großen Leidenschaften: den Brettern, die die Welt bedeuten. Oder wie es in der Sprache Shakespeares sehr viel schöner heißt: „All the world’s a stage.“

Hauptfigur in dem Buch ist Justus Beck, Theaterkritiker der „Neuen Post“. Dieser wird, ganz im Miss-Marple-Stil unfreiwillig, zum Aufklärer eines Verbrechens. Es geht um einen handfesten Theaterskandal, um ein blutiges Bühnenmassaker, das ein Regisseur angerichtet hat. Sprachlich und inhaltlich ist das Buch kein klassischer Krimi. Es setzt weniger auf Spannung oder Action. Es ist vielmehr eine Satire, die auf den Theater-, aber auch den Medienbetrieb zielt. Die „Neue Post“ kämpft gegen Auflagenschwund und setzt deshalb auf Schnelligkeit und Skandalisierung. Das Feuilleton wird kurzerhand in „Cool-Tour“ umbenannt, der Praktikant twittert live aus dem Theater unter dem Hashtag „theaterchecker“. Mit Kritik der alten Schule, wie sie der sympathische Kauz Beck vertritt, hat das nichts mehr zu tun. Der ist kein Checker, sondern ein Connaisseur. Durch ihn bekommt der Leser en passant einiges Lehrreiches über manchen zu Unrecht als verstaubt geltenden Theaterklassiker mit auf den Weg, darunter Schillers „Kabale und Liebe“ und Shakespeares „Romeo und Julia“.

„Theaterdurst“ ist der Auftakt einer Trilogie um den verschrobenen Bühnendetektiv. Stefan Benz hat schon alle drei Bücher fertig. Der nächste Band erscheint voraussichtlich Anfang 2020. Es wird darin, so viel verrät der Autor, um einen Stadionbau gehen. Da gibt es doch wohl keine Parallelen zu Darmstadt und seinem SV 98? Benz winkt ab. Lokalkrimis schreibe er nicht, auf keinen Fall! Der Ort der Handlung trägt in seinen Krimis fürwahr keinen Namen. Es könnte jede x-beliebige deutsche Stadt sein. Doch aufgrund von Benz‘ Biografie liest man unwillkürlich regionale Bezüge hinein. Einen „Echo“-Kollegen hätten bestimmte Beschreibungen an das Staatstheater in Mainz erinnert, erzählt Benz. Und dann ist da die Sache mit den Nachnamen einiger Nebenfiguren. Die erinnern – mal direkt, mal entfernt – an frühere, teils legendäre Spieler der 98er. Die Lilien sind neben Theater und Film die dritte große Leidenschaft des Autors.

Wie kam es eigentlich dazu, dass er von der journalistischen Kurz- zur belletristischen Langform wechselte? Vor drei Jahren trat Benz beruflich etwas kürzer beim „Echo“. Einen konkreten Plan, wie er fortan die freien Tage füllen wollte, habe er nicht gehabt. „Ich dachte zuerst an ein Sachbuch. Doch dann, im Mai 2016, während eines verregneten Andalusien-Urlaubs, saßen meine Frau und ich am Meer und schauten die Regenwolken an. Plötzlich beobachtete sie eine Veränderung in meinem Gesicht und fragte: ‚Was ist denn los?‘ Ich sagte: ‚Ich hab ‘nen Roman!‘“ Und in den nächsten Monaten füllten sich schnell Hunderte von Seiten mit Ideen an. Eine ganze Welt entstand. Aus nur wenigen erfundenen Personen. Die Welt ist eine Bühne. Oder auch ein Buch.

 

Der Autor

Stefan Benz, Jahrgang 1966, ist Kulturredakteur des „Darmstädter Echo“. Seit Mitte der 1980er-Jahre schreibt er Theater- und Filmkritiken. Er studierte Amerikanistik, Germanistik sowie Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an der Frankfurter Goethe-Universität. Er ist in Darmstadt geboren und im Stadtteil Arheilgen aufgewachsen.

www.tredition.de/autoren/stefan-benz-27111/

Das Buch

„Theaterdurst“, Roman, 2019, Verlag Tredition, 232 Seiten, 10,99 € (Paperback) oder 18,99 € (Hardcover).

Die nächsten Lesungen

Roeders (Rheinstraße 99) | Do, 05.09. | 19.30 Uhr | Eintritt frei

Kunstforum der TU Darmstadt (Hochschulstraße 1) | Do, 31.10. | 18 Uhr | Eintritt frei

 

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