Claudia Kadow vom Darmstädter Tierheim und Tierschutzverein TSV | Foto: Nouki Ehlers, nouki.co

Als ich sechs Jahre alt war, habe ich mir vom Christkind eine Katze zu Weihnachten gewünscht. Eine weiße, flauschige oder eine gestreifte, so wie der Kater meiner Kinderbuchheldin Conni. Die weiß-flauschige Traumkatze lag tatsächlich für mich unterm Weihnachtsbaum – in Form eines Kuscheltiers. Und ich bin dankbar, denn 17 Jahre später sehe ich mich immer noch nicht der Verantwortung gewachsen, ein Tier zu besitzen, es zu halten und zu versorgen. Außerdem habe ich gemerkt, dass man ein Tier nicht besitzen muss, um ihm Nähe und Wärme zu spenden. Während ich im Darmstädter Tierheim mit Katzen kuscheln kann, können diese auf ein weitaus besseres Zuhause hoffen, als ich es ihnen bieten könnte.

In der Vorweihnachtszeit ist stets zu beobachten, wie die Hilfsbereitschaft der Menschen mit jedem geöffneten Adventskalendertürchen steigt. Das schlechte Gewissen darüber, dass es an vielen Stellen der Gesellschaft der Hilfe bedarf, wächst wie der mit Plätzchen gefüllte Bauch, wenn es auf den Tag zugeht, an dem man selbst reich beschenkt wird. Und während es in den nach Glühwein duftenden Dezembertagen schwerfällt, sich mit Themen wie häuslicher Gewalt oder Obdachlosigkeit auseinanderzusetzen, sei es doch wenigstens eine gute Tat, einem Tier aus dem Heim ein Zuhause zu schenken. Aber das ist – wie eingangs beschrieben – auch mit der Übernahme von Verantwortung verbunden.

Worauf es bei einer Tieradoption ankommt, habe ich Claudia Kadow vom Darmstädter Tierheim und Tierschutzverein TSV gefragt. Sie erklärt mir, warum Tierheime deutschlandweit trotz weihnachtlicher Gutmütigkeit so überfüllt sind, und warum man trotz überfüllter Heime lieber zögern sollte, bevor man einem Tier ein festlich geschmücktes, neues Zuhause schenkt.

Deutschlandweit sind Tierheime und Auffangstationen überfüllt, der Deutsche Tierschutzbund bezeichnete die Lage der Tierheime diesen Sommer als „so schlimm wie noch nie“. Wie sieht es in Darmstadt aus?

Wir sind übervoll – da geht es uns nicht anders als anderen Tierheimen. Im Moment können wir keine Tiere mehr aufnehmen und haben lange Wartelisten. Ich erkläre mir das immer noch mit der Corona-Zeit: Ganz viele Menschen haben sich Hunde aus dem Ausland oder über Ebay geholt. Die sind jetzt groß geworden, und das überfordert die Menschen. Aber natürlich gibt es auch Leute, die einfach finanzielle Probleme haben, Tiere zu halten.

Wie wirkt sich das auf die Tiere aus?

Wir tun unser Bestes, dass die Hunde beschäftigt werden, zum Beispiel dadurch, dass es genügend Gassi-Gehende gibt. Aber natürlich wünscht sich jeder Hund ein Zuhause. Gerade bei schwierigen Hunden müssen wir die richtigen Menschen finden – Menschen die bereit sind, Zeit, Geduld und auch Geld zu investieren.

Wie kommen Tiere überhaupt ins Heim?

Die meisten Tiere werden abgegeben, weil die Menschen nicht mehr mit ihnen zurechtkommen. Manche Tiere kommen als Fundtiere zu uns und manche sind sichergestellte Tiere – es haben also Behörden festgestellt, dass ihre Haltung nicht mehr tragbar ist. Ein großes Problem sind Auslandshunde, die im Sommerurlaub gekauft und hier halbwegs illegal eingeführt werden. Und Käufe über das Internet, etwa Ebay-Kleinanzeigen.

Foto: Nouki Ehlers, nouki.co
Foto: Nouki Ehlers, nouki.co

Wie kann ich mir denn sicher sein, dass es für mich die richtige Entscheidung ist, einen Hund aufzunehmen?

Ich rate ganz klar von Käufen übers Internet ab. Wer ein Tier möchte, kann sich an das örtliche Tierheim wenden. Wir beraten und ermitteln in langen Gesprächen gemeinsam, was Du suchst und welches Tier zu Dir passt. Es finden in jedem Fall mehrere Besuche statt, bei denen Du den Hund beim Gassi gehen kennenlernst, dazu machen wir Vor- und Nachkontrollen. Wenn alles passt, findet ein Probewohnen für etwa drei bis fünf Tage statt. Und erst dann steht der Adoption nichts mehr im Weg.

Und bei Katzen?

Bei Katzen machen wir auch Kontrollen, aber die Vermittlung geht in der Regel ein bisschen schneller. Auch da muss klar sein: Katzen kosten Geld, müssen geimpft werden, können Krankheiten bekommen – Tierarztkosten sind seit etwa einem Jahr enorm gestiegen.

Das Problem sind also unüberlegte, spontane Käufe, die nicht einkalkulieren, dass Tiere Zeit, Geduld und auch einen nicht ganz kleinen Geldbeutel erfordern. Was kann denn von politischer Seite getan werden, um Tierheime zu unterstützen?

Es wäre zum Beispiel sehr sinnvoll, einen Hundeführerschein für Hundebesitzende einzuführen: Jede Person, die einen Hund haben will, muss dann erst mal zeigen, dass sie sich der Verantwortung der Situation bewusst ist. Und generell müssen die Tierheime besser unterstützt werden – vor allem finanziell. Futterkosten, Energiekosten, Personalkosten … da sind die Zahlen in den letzten Jahren in die Höhe geschossen. Die Unterstützung, die wir aktuell bekommen, basiert auf alten Verträgen, und das reicht einfach nicht mehr aus.

In einem offenen Brief an die Bundesregierung hat der Deutsche Tierschutzbund diesen Sommer auf die schlimme Lage der Tierheime aufmerksam gemacht („Zu viele Schnauzen für zu wenig Hände, die Tierheime sind am Ende!“). Darin wird der Vorschlag formuliert, zumindest einen Teil der Hundesteuer, mit der die Kommunen jährlich etwa 380 Millionen Euro einnehmen, an die Tierheime abzugeben.

Ja, die Hundesteuer ist eine enorme Summe, die aktuell nicht in den Tierschutz investiert wird. Damit wäre uns sehr geholfen.

Von der Stadt Darmstadt wünschen Sie sich also in erster Linie finanzielle Unterstützung. Wie kann ich als Einzelperson helfen?

Wir freuen uns immer über Menschen, die vorbeikommen und uns unterstützen. Menschen, die sich zu unseren scheuen Katzen setzen und ganz viel Geduld mitbringen, bis sich die Katzen irgendwann anfassen lassen wollen. Man kann auch gerne mit unseren Hunden Gassi gehen, dafür muss man eine etwa zweistündige Schulung machen, die jeden ersten Samstag im Monat stattfindet. Damit ist uns enorm geholfen, da die Hunde so regelmäßig rauskommen und mal was anderes sehen. Wir haben keine Erwartungshaltung, dass man einen Hund irgendwann übernimmt, ganz im Gegenteil: Wir brauchen Menschen, die nicht unbedingt einen eigenen Hund haben möchten, sondern einfach Spaß daran haben, Zeit mit ihnen zu verbringen.

Foto: Nouki Ehlers, nouki.co
Foto: Nouki Ehlers, nouki.co

 

Umbruch im Tierheim und beim Tierschutzverein Darmstadt

Das Tierheim Darmstadt bietet aktuell etwa 80 bis 90 Katzen und 45 Hunden ein temporäres Zuhause. Darunter sind viele kleine Katzen, die dort als Kinder von Wildkatzen geboren wurden. Viele der Hunde warten schon seit mehr als zwei Jahren auf ein neues, längerfristiges Zuhause. 16 festangestellte Mitarbeitende betreuen die Tiere – „365 Tage im Jahr, von morgens bis abends“. Wie stressig der Alltag im Tierheim ist, zeigt mir auch, dass Claudia unser gar nicht so langes Gespräch unterbrechen muss, weil gerade noch mehr Fundtiere im Heim ankommen. Abgesehen von der Fülle an Vierbeinern steht das Darmstädter Tierheim vor einer weiteren Herausforderung: Die neue Schienenstrecke der Deutschen Bahn von Frankfurt nach Mannheim wird so verlaufen, dass der Betreiber, der Tierschutzverein Darmstadt, seinen aktuellen Standort nicht halten kann. Für 2029 muss ein neuer Standort her, aktuell werden Gespräche mit der Stadt geführt. Die Hoffnung: ein größeres und schöneres Heim, das mehr Platz für die abgegebenen Tiere bietet. Denn „weniger werden es nie“, ist Claudia Kadow sich sicher.

Spenden erwünscht!

Im Darmstädter Tierheim ist jede Art von Hilfe willkommen: Wer keine Zeit hat, den Katzen und Hunden Gesellschaft zu leisten, kann Tiere sowie Mitarbeitende in Form von einer Geldspende unterstützen. Mehr Informationen und die Bankverbindung findet Ihr online unter: tsv-darmstadt.de

Ausstellung zum Verhältnis von Mensch und Tier

Wer nicht genug von tierischen Themen bekommen kann, sollte die „Animalia“-Ausstellung in der Kunsthalle auf keinen Fall verpassen. Noch bis 4. Februar 2024 können dort Werke von über 30 internationalen Künstler:innen betrachtet werden, die sich mittels diverser Medien und Materialien mit der – sehr komplexen, teils ambivalenten – Beziehung von Mensch und Tier auseinandersetzen.