Foto: Jan Ehlers

Darmstadt kann grün, Darmstadt kann bio, Darmstadt kann nachhaltig – mittlerweile sogar ganz schön gut! In unserer Reihe „Das gute Leben“ stellen wir Euch Orte und Menschen vor, die uns im Sinne der Nachhaltigkeit ein gutes Vorbild sein können.

Nachdem es im Mai-P (Ausgabe 114) darum ging, Müll (auch) aufgrund des hiesigen Stadtbildes zu vermeiden oder wenigstens gemeinschaftlich zu sammeln, wollen wir uns dem Thema Abfall jetzt noch einmal verstärkt auf der Ebene des Individuums widmen. Denn: Wo ein Wille ist, ist auch kein Müll! Ein Beispiel dafür ist die Darmstädter Zero-Waste-Bloggerin Sarah Lettmann, die ihren Lebensstil nachhaltig verändert hat.

Der erste Eindruck von Sarah? Freundlich und ein bisschen gehetzt. Sie lächelt offen und ist ein wenig aus der Puste, als wir uns mit ihr treffen. Als TU-Studentin mit Nebenjob (und gerade in der Prüfungsphase) absolut nachvollziehbar. Sarah studiert Informatik, arbeitet nebenbei als Web-Entwicklerin und betreibt einen Blog über ihren Lebensstil. Ihr Lebensstil? Eine Mischung aus Minimalismus und Zero Waste. „Minimalisten lieben leere Oberflächen, weiße Möbel und eine schlichte Ästhetik. Zero Waste passt dazu wirklich gut.“ Schon in der Schule hatte sie ein gewisses Verständnis für Nachhaltigkeit, Markenklamotten waren nie ihr Ding und „kopflos bin ich noch nie durchs Leben gegangen“, lacht Sarah.

Vor drei Jahren entdeckte sie Lauren Singer, eine der bekanntesten Zero-Waste-Bloggerinnen aus den USA. So zogen die ersten Zero-Waste-Alternativen in ihre Wohnung ein: Haarseife ersetzte die Shampoo-Flasche, Leitungswasser die 1,5-Liter-Sixpacks. Heute hat Sarah ihren Müll um 75 Prozent reduziert. „Ich denke, dass es jedem problemlos möglich wäre, seinen Müll zu halbieren, wenn er es will.“

Wo ein Wille ist, ist auch kein Müll

Als Erstes rät sie dazu, den eigenen Müll zu analysieren. Dann weiß man genau, was es in Zukunft zu vermeiden gilt. Dazu gehören Plastiktüten, Verpackungen und vermeintliche Kleinigkeiten wie Kassenbons, Quittungen und andere Belege. Wusstet Ihr zum Beispiel, dass diese oft achtlos in die Hosentasche (und zwei Stunden später in den nächstbesten Mülleimer) gestopften Papierzettelchen mit einer dünnen Plastikschicht überzogen sind, die meist auch noch das giftige (und hormonwirksame!) Bisphenol A enthält? Auch für sogenannte Recycling-Produkte wie Mehrweg-Flaschen gibt es umweltfreundlichere Alternativen: Das Leitungswasser in Deutschland hat eine sehr gute Qualität – auch in Darmstadt (trotz des hohen Härtegrads). Und mit verschiedenen Sirup-Sorten – natürlich aus der Glasflasche – kann man es zusätzlich aufpeppen.

Sarah bereitet es Bauchschmerzen, wenn sie sieht, wie viel Plastik andere Leute leichtfertig verwenden. Seitdem sie sich mit dem Thema auseinandersetzt, stoßen ihr solche Sachen immer mehr auf: „Wenn man das Bewusstsein erst einmal hat, entwickelt sich auch Verantwortung.“ Eines ihrer Ziele ist es, Vorurteile auszuräumen. „Müllvermeidung ist viel zu teuer“ ist so eins. In ihrem Blog hat die gebürtige Idsteinerin Berechnungen veröffentlicht, die zeigen, dass man mit Müllvermeidung sogar Geld sparen kann. Sarah benutzt beispielsweise eine Menstruationstasse und einen Rasierhobel. „Die sind zwar in der Erstanschaffung teurer, rechnen sich aber auf Dauer”, sagt sie. „Wenn man es clever macht, freut sich nicht nur die Umwelt, sondern auch der Geldbeutel.“

Zero Waste heißt also nicht unbedingt Verzicht, sondern in erster Linie bewusstes Einkaufen. Dazu gehört auch, darüber nachzudenken, ob manche plastikfreien Alternativen umweltschonender sind, wenn sie sehr weite Transportwege hinter sich haben. Bambus-Zahnbürsten oder plastikfreie Mascara etwa müssen aus Asien oder Amerika importiert und natürlich online bestellt werden.

Weniger Verzicht, mehr bewusstes Einkaufen

Gegen Onlineshopping gibt es aus der Zero-Waste-Perspektive übrigens grundsätzlich nichts einzuwenden: „Es erfordert nur etwas mehr Recherche, wenn man Plastikverpackungen und Polstermaterial vermeiden möchte.” Eine Alternative seien Onlineshops vor allem für diejenigen, die keine passenden Läden in der Nähe haben. Für Sarah in Darmstadt kein Problem: Obst und Gemüse kauft sie im Obsthaus Rebell, Müsli, Süßigkeiten und Co. findet sie bei Unverpackt Darmstadt (siehe P-Ausgabe 108, Oktober 2018). Sarah mag die Atmosphäre der kleineren Läden, dort kommt sie bei ihrem Einkauf schnell ins Gespräch. Wenn sie mal einen größeren Einkauf im Bio-Supermarkt macht, geht es nicht ganz verpackungsfrei: „Ich mag Kidneybohnen und die gibt’s dort auch in Gläsern, nicht nur in Weißblechdosen.“ Und bei den meisten Bäckern und Metzgern kann man sich die Verpackung sparen, indem man einfach eine Tupperdose oder einen Stoffbeutel mitbringt.

In Zukunft möchte sich Sarah mehr mit dem Thema „do it yourself“ beschäftigen: „Badekugeln oder selbst gemachte Mascara sind ein toller Ersatz für die handelsüblichen Varianten.” Auch an Gemüsebrühe will sie sich rantrauen, um so ihre wenigen Lebensmittelreste vollständig verbrauchen zu können. „Wer sich mit Zero Waste beschäftigt, sollte immer im Hinterkopf haben, dass auch einfach weniger Konsum zu einem nachhaltigeren Lebensstil beiträgt.“

 

Mehr Müllvermeidungstipps online

Sarah Lettmanns Zero-Waste-Blog mit vielen Tipps und Rechenbeispielen findet Ihr unter www.minimalwaste.de.

Blogger-Kollegin Shia hat eine deutschlandweite Karte angelegt, auf der alle Läden, in denen man unverpackt einkaufen kann, eingetragen werden.

 

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