Foto: Boris Redlich

Szenekenner sprechen gerne von der Location mit dem schönsten Sonnenuntergang Darmstadts. Und nicht wenige Gäste erleben dort nach durchtanzter Nacht auch den Sonnenaufgang. Die Rede ist vom Weststadtcafé, abgekürzt liebevoll „Wessi“ genannt. Die Mischung aus Szenebar, mediterranem Biergarten und Event-Location befindet sich in einem ehemaligen Eisenbahn-Schuppen an den Gleisen nördlich des Hauptbahnhofs. Wir sprachen mit dem Inhaber Boris Redlich (55) und seiner langjährigen Mitarbeiterin Anna Chirico (30) über Höhen und Tiefen in 22 Jahren Cafébetrieb, über anstehende Veränderungen und Zukunftspläne sowie ihren Blick auf Darmstadt. Treffpunkt für den Schnack war das kleine schnucklige Café Bellevue im Martinsviertel, von dem später auch noch die Rede sein wird.

Das Weststadtcafé wurde 1998 von den beiden Gastronomie- und Klub-Konzeptentwicklern Michael Bode-Böckenhauer und Alexander Marschall eröffnet. Boris, wann kamst Du dazu und was war damals konzeptuell anders als heute?

Boris: Ich stieß 1999 als Geschäftsführer dazu, weil Michi und Alexander mit der gerade eröffneten Centralstation voll ausgelastet waren. Vorher hatte ich hier im Café Bellevue Gastronomie-Erfahrung gesammelt, weil meine Mutter zu einer der Gründerinnen dieses Kollektivprojekts gehört. Im Jahr 2010 wurde ich dann auch Inhaber der „Wessi“. Anfangs war der Ansatz noch sehr schlicht, es gab nur wenig Essensauswahl und wenige Veranstaltungen. Es war eher ein reiner Biergarten. Aber als einer der ersten größeren Open-Air-Spots in der Stadt sprach es sich schnell herum, obwohl es vermeintlich abgelegen liegt. Eine Marktlücke.

Was waren die ersten größeren Veranstaltungen und wie hat sich das Konzept im Laufe der Zeit verändert?

Boris: Damals gab es erst mal nur eine monatliche Reihe namens „Hotter than July“, benannt nach einer Platte von Stevie Wonder. Das hat auch wunderbar funktioniert, bis 2003 als Konkurrent das 603qm [Vorgänger-Klub vom 806qm] aufmachte und alle anderen Locations etwas erstickte. Das spürten wir massiv.

Anna: Wir fahren ja auch zweigleisig, um mal bildlich passend zu bleiben: einerseits die speziellen Partyreihen bis tief in die Nacht, andererseits der normale Café-/Biergarten-Betrieb jeden Tag von 17 Uhr, sonntags sogar ab 15 Uhr. Letzteres wissen die meisten gar nicht, weil sie uns nur als Party-Location wahrnehmen. Gerade jüngere Studenten. Das ist sehr schade.

Für alteingesessene Darmstädter wie uns vom P ist dagegen auch tagsüber klar: schönes Wetter → ab in die Wessi!

Boris: Ja, genau! Wir haben ja auch den schönen Steingrill draußen, den alle frei für mitgebrachtes Essen nutzen dürfen. Wir geben für Gruppen bis acht Personen Besteck und Geschirr aus. Man kann sich auch Pizza in die Wessi kommen lassen und wir haben natürlich einen freien WLAN-Hotspot. Es gibt uns also auch tagsüber und nicht nur bei schönem Wetter! Im Inneren des ehemaligen Eisenbahnschuppens ist man regengeschützt, außerdem haben wir gerade neue große Schirme gegen Regen oder zu viel Sonne angeschafft. Der Normalbetrieb ist schon zurückgegangen, da wir so abgelegen keine Laufkundschaft haben. Da wünsche ich mir schon mehr Gäste, die gezielt kommen und genießen. Man kann ja für bis zu 80 Personen an normalen Tagen reservieren lassen und Catering vorbestellen. Das nutzen noch zu wenige.

Anna: Wir wollen jetzt auch eine Art „Studenten-Tag“ einführen, also ermäßigte Preis für Pfeffi und so. Aber nur wirklich mit Studentenausweis. Welchen Tag wir dafür nehmen, überlegen wir gerade. Und wir haben mittlerweile ein großes Essensangebot mit Salaten mit hausgemachten Dressings, hausgemachtem Kochkäs’ oder – besonders lecker – die portugiesische Spezialität Chouriço, die man in kleinen Tonschalen und Schnaps am Tisch selbst grillen kann und dazu das portugiesische Sagres-Bier. Außerdem haben wir demnächst neue Tischgruppen aus Portugal im Kaffeehaus-Stil, die sehr schick sind. Ach ja, die neue Webseite dürfen wir auch nicht vergessen, die zu Saisonbeginn an den Start geht. Vieles also neu dieses Jahr.

Foto: Jan Ehlers

Boris, der traditionell drei bis vier Monate im Winter in Portugal an der Algarve verbringt, denkt seit mehreren Jahren auch über eine Zukunft der Wessi ohne ihn nach. Auch wenn das – hoffentlich – noch länger dauert, ist ein erster Schritt gemacht: Seine langjährige Mitarbeiterin Anna Chirico wird Mitinhaberin und die beiden teilen sich künftig die Verantwortung für das Tages- und Nachtgeschäft.

Wie kam es dazu? Wird es bald eine Wessi ohne Boris geben?

Boris: Na ja, wir werden alle nicht jünger. Und das Geschäft alleinverantwortlich über die ganze halbjährige Saison zu stemmen, schlaucht auf Dauer. Außerdem will ich perspektivisch als Mitbetreiber im Kollektiv wieder ins Café Bellevue einsteigen. Anna ist bereits seit 2008 dabei und wir arbeiten eh schon so eng zusammen. Da war der Schritt logisch. Vielleicht ist dadurch auch eine verlängerte Saison möglich. Mal sehen. Ich werde auch nicht sofort aufhören, aber irgendwann wird auch dieser Schritt kommen. Aber ich habe so viele Läden hier in Darmstadt kommen und gehen sehen, da bin ich einfach glücklich, dass wir uns 22 Jahre gehalten haben.

Wie gestaltet sich der Schritt für Dich, Anna?

Anna: Für mich ist das wunderbar. [Mit grinsendem Blick zu Boris] Er hatte ja auch zwölf Jahre Zeit für die Entscheidung. Aber es war auch als Angestellte immer super unter ihm. Er ist der fairste Chef, den man sich vorstellen kann. Ich habe zwar zwei andere Ausbildungen abgeschlossen, aber Gastronomie liegt mir einfach im Blut. Mit Hanna Weber hatte ich einige Jahre lang auch in den Wintermonaten die Partyreihe „8 x 12“ außerhalb der Saison und ohne Boris veranstaltet. Neue Konzepte entwickeln finde ich auch sehr spannend für die Zukunft. Vielleicht mal was mit Streetfood oder so. Und ich mag die Atmosphäre bei uns sehr. Das ist so familiär, im Team und unter den Gästen. Wir haben ja auch fast nie Stress, nur einmal gab es eine blöde Situation und seitdem haben wir sicherheitshalber Türsteher bei größeren Events.

Boris: Ja, schreib bitte mal, dass wir wirklich ein super Publikum haben. Das ist mir ganz wichtig, das mal zu betonen. So etwas ist nicht selbstverständlich.

Anna: Oh ja, das ist so schön, wenn man sich nach dem Arbeitsstress umschaut und alle haben Spaß und Thomas Hammann spielt ein letztes Lied. Ich freue mich dann immer und der ganze Stress ist verflogen.

Was macht für Euch Darmstadt aus – positiv wie negativ?

Boris: Also ich freue mich nach einem halben Jahr Portugal immer auf Darmstadt. Wir sind hier wirtschaftlich und politisch insgesamt schon heile Welt und privilegiert. Ein liberales Pflaster und relativ international. Das finde ich sehr gut.

Anna: Und trotzdem sehr familiär und klein. Man kennt sich. Es ist für mich Heimat.

Nichts Negatives?

Anna [überlegt lange]: Ich finde manche Läden etwas zu durchgestylt und zu wenig verschieden. Das liegt wohl daran, dass wir hier so viele Architekten und Designer haben. Da ist manches nicht organisch gewachsen, sondern sofort perfekt. Das kann auch schön sein, aber da ist keine Entwicklung mehr.

Boris: Ja, manches ist ein bisschen elitär und zu verkopft hier. Aber ich fühle mich trotzdem sehr wohl hier.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Foto: Jan Ehlers

Von der Wagenhalle zum Szene-Biergarten

Eröffnet wurde das Weststadtcafé 1998 von Michael Bode-Böckenhauer und Alexander Marschall, die beide zuvor das Café Kesselhaus und danach die Centralstation betrieben – und Darmstadt nach wie vor im Rahmen des Vinocentral kulinarisch bereichern. Architekten des Umbaus von der Wagenhalle zum Szene-Biergarten mit Bar und Tanzfläche war das Büro Liquid Architekten (Kerstin Schultz und Werner Schulz) mit Philipp Schiffer, dafür ausgezeichnet mit dem Bauweltpreis „Das erste Haus“ 1998. 2007 dann: Übergabe an Boris Redlich, der aber vorher dort schon als Geschäftsführer tätig war.

Wir zitieren aus dem anschaulichen Projekttext von Janne Bode-Böckenhauer: „Signallampen, Weichen, vorbeigleitende Züge und der Blick auf den Darmstädter Hauptbahnhof aus ungewohnter Perspektive sind die Kulisse des Weststadtcafés. In der leichten und durch ihre Einfachheit bestechenden Atmosphäre einer ehemaligen Wagenhalle der Bundesbahn können nun schon im dreiundzwanzigsten Jahr von April bis Oktober Darmstadts laue Sommerabende genossen werden. Ein einfaches, klares Gastronomiekonzept bestehend aus zwei gegenüberliegenden, sich spiegelnden Thekenblocks, einer davon im Freien, der andere im fast vollständig zu öffnenden Innenraum gelegen, sorgt für großstädtisches Ambiente. Ziel war es, eine professionelle Bar zu schaffen, ohne Raum und Umgebung maßgeblich zu verändern. Und es ging auf, denn jedes Jahr zum rauschenden Saison-Auftakt – dem Tanz in den Mai – sind sie plötzlich wieder alle da: die Gleisanbeter! Genießen die lauen Temperaturen, die kühlen Drinks, das Wiedersehen und die einmalige Atmosphäre des Weststadtcafés. Auch die Lokführer sind alljährlich froh, in der dunklen Nacht zwischen Darmstadt und Frankfurt nicht mehr ganz allein zu sein und hupen fröhlich den Cafébesuchern zu.“

 

Partys und Veranstalter

Kulturell bespielt wird das Weststadtcafé die ganze Saison über (von April bis mindestens Oktober). Die Partyformate und Veranstalter sind: Reggae Allstar Yard (Uppercut) | Back 2 Life (Thomas Hammann) | Come To The Dance (DJ Markos/Manges) | Pine & Ginger (Triplet & New Sound Order) | Diggin’ In The Grates (Phonk D) | Soulaboration (Lukas Lehmann) | Soul Allnighter | Asphaltgold | IDC | Das Blumen.

Aufgrund des Corona-Virus wackelt die für den 30. April anvisierte Saisoneröffnung. Schaut auf die Webseite www.weststadtcafe.de für aktuelle Infos.

Wer das Weststadtcafé in Zeiten von Corona unterstützen will, kann das über die unkommerzielle Gutschein-Plattform www.wowshare.de tun. Einfach im Suchfeld nach „Weststadtcafé“ oder „Darmstadt“ suchen – auch weitere „Nette Läden“ sind hier gelistet.

 

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