Felix Hotz in der Werkstatt | Foto: Nouki

Dass die Comedy Hall wieder fast jeden Abend auf ein ausverkauftes Haus blicken kann, war nur eine Zeit lang keine Selbstverständlichkeit. Die coroneske Pandemie und ihre Nachwirkungen unterbrachen die Erfolgsgeschichte der hessisch babbelnden Puppenspieler nur temporär. Seit 30 Jahren nehmen Gründer Roland Bendo Hotz, seine Mitstreiter und Nachfolger von Bessungen aus alles Spießbürgerliche und Irrsinnige dieser Welt mit derbem Humor aufs Korn. Wer’s noch nie erlebt hat, sollte es schnellstens nachholen – und sich früh „um Kadde kümmern“.

Anfang 2022 war es, als Roland Hotz – anstatt einer Feier zu seinem 70. Geburtstag – mit „Hotzkopp“ ein Buch aus Erinnerungen, Kerbreden und Zeichnungen verfasste. Darin erfährt man auch, wie alles bereits im Jahr 1979 nebenberuflich begann, dann immer professioneller, beliebter und beengter wurde. Zur Eröffnung der Comedy Hall, des eigenen Hauses samt Gastronomie, am 1. März 1996 in der ehemaligen Bessunger Turnhalle erinnert er sich: „Endlich konnten wir durchstarten, und jährlich über 300 Vorstellungen vor über 50.000 Besuchern geben. (…) Man macht so viele Menschen glücklich und lernt dabei so viele Menschen kennen. (…) Nur vom Darmstädter Kulturamt haben wir niemand kennengelernt.“ Der typische Hotz-Humor.

2,5 Millionen Zuschauer, fast immer ausverkauft

Stolz können die Selfmade-Kulturschaffenden durchaus sein, im Laufe der Jahrzehnte ohne städtische Förderung ausgekommen zu sein. Seit der Eröffnung durfte das Team des Kikeriki Theaters in seiner festen Spielstätte an der Heidelberger Straße 131 (sowie bei Gastspielen auf Tournee durch Hallen von Gießen bis Karlsruhe) sage und schreibe 2,5 Millionen Zuschauer in 12.000 Vorstellungen begrüßen. Mit Stab- und Handpuppenspiel für Kinder und Erwachsene – teils respektlose Neufassungen von Märchen, Bühnen- und Filmklassikern samt hessischem Gebabbel – begeisterten Hotz und sein Team die Massen. „Wir sehen unsere Puppen als Werkzeug, Skurrilität und Humor zu transportieren“, erklärt Roland Hotz. Das ganze Haus erinnert mit Ausstellungs-Sehenswürdigkeiten nicht nur an verschiedene Stücke, sondern ebenso an die Tradition des historischen Papiertheaters.

Dass sich die einstigen Pläne einer samstäglichen Varieté- und Tanzveranstaltung auf Dauer nicht realisieren ließen, sieht er heute mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Auf der einen Seite muss der Saal nicht mehr jedes Mal umgeräumt werden, um Platz für Swing und Jazz zu bieten. Andererseits gehörte der „Cotton Club“ zu seinen damaligen Herzensprojekten. Roland Hotz rückblickend: „Der ‚Cotton Club‘ lief sehr gut an. Doch nach kurzer Zeit war die Sache schon ermüdet – nicht wegen uns, sondern weil der Zuspruch fehlte. Wir dachten, es gibt doch reichlich Tänzer, die schön ausgehen wollen, doch das sind alles Sparbrötchen. Nach einem Jahr haben wir es wieder eingestellt!“ Das Konzept könne in Frankfurt funktionieren, mutmaßt sein Sohn Felix, aber hier in Darmstadt finde sich dafür kaum Publikum.

Heute existieren zwei Kikeriki-Teams aus erster Generation und Nachwuchs. Dies macht es möglich, Gastspiele in anderen Städten zu absolvieren, während der Spielbetrieb im eigenen Haus aufrechterhalten werden kann. Mancher Besucher bedauerte es anfangs, dass Roland Hotz nicht mehr bei jeder Vorstellung präsent ist. Seine respektlosen Anmoderationen samt Seitenhiebe auf aktuelle Ereignisse, anwesende Besucher (besonders gerne: die Roßdörfer) und – bei Tourneeveranstaltungen – die Location gehören zur Tradition. Doch die Zeit entwickelt sich weiter. Zudem trifft Sohn Felix längst den spöttischen Tonfall seines Vaters, ohne ihn zu imitieren. Als Puppenbauer, Co-Autor und Co-Regisseur neben Lidija Zambelli hält der Gründer weiterhin die Fäden der skurrilen Kreaturen in der Hand.

Foto: Nouki
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Schon der Opa war Zirkusclown, Komiker und Conférencier

Wie einst bei Roland Hotz selbst traten seine Söhne Felix, inzwischen Geschäftsführer des Hauses, und Lukas in seine Fußstapfen. Mit seinem eigenen Vater hatte der kleine Roland ein weniger entspanntes Verhältnis. Dessen Laufbahn als Zirkusclown, Komiker und Conférencier prägte ihn jedoch. „Irgendwann kaufte er ein altes Puppentheater, da er im Bereich Kinderunterhaltung einsteigen wollte. Als Kind kam ich mit der Materie zusammen, spielte und kasperte selbst viel herum. Es entwickelte sich dahin, dass ich viel malte, schrieb und bastelte. Langsam fügte sich dann alles zusammen“, erinnert sich Roland Hotz an seine Anfänge.

Eigentlich sollte das Puppenspiel als Unterhaltung für die Jüngsten ein reines Hobby bleiben. 1980 startete Roland Hotz mit „Wie Kasper den traurigen Clown August wieder glücklich macht“ sein erstes Kikeriki-Programm. Spätere Dauerbrenner wie „Petzi und der Pfannkuchenräuber“ oder „Der kleine Bär Nein-Nein“ gehören heute noch zum beliebten Repertoire.

Zu Beginn gingen die Puppendompteure noch ihren regulären Jobs nach. „Es war der Erfolg, der uns allen den Rücken hochgekrochen ist. Wir hatten anfangs keinen Druck, und es konnte sich langsam entwickeln. Doch es wurde immer mehr und mehr. Du erkennst dann, wie das Ganze ein Eigenleben bekommt“, fasst Hotz den Übergang zum Erwachsenentheater (ab 1984) und dem eigenen Haus zusammen, 1993 konnte man in Bessungen eine Spielstätte neben dem Jagdhofkeller anmieten [dort, wo heute das „Stage“ Kultur macht]. Teile des ersten Stücks „Narrenhände leben hoch“ flossen später in das Programm „Schräge Vögel“ ein (das ab 1. April 2026 übrigens wieder auf dem Programm steht).

Foto: Nouki
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Ein Programm aus Spaß und Musik

Der Nachfrage vermochte man mit der Zeit kaum Herr werden. Schon ab 1994 schaute sich das Kikeriki-Ensemble nach einer größeren Location um. „Wir haben ein paar Mal Glück gehabt“, resümiert Hotz. „Zufällig wurde die Bessunger Turnhalle vakant, da sie dem Betrieb nicht mehr gerecht wurde.“ Der Name Comedy Hall zielte darauf ab, ein wechselndes Programm aus Spaß und Musik anzubieten. Anfangs war die Konzentration auf reine Puppenunterhaltung noch nicht vorgesehen. Der Name lasse laut Hotz jedoch weiterhin Spielraum für Angebote jeder Couleur. Dass Walter Renneisen hier am 19. Mai eine Variante seines Erfolgsprogramms „Deutschland, Deine Hessen“ präsentieren wird, sei laut Felix Hotz aber mehr der Unterstützung des Fördervereins Darmstädter Heiner als Benefizabend geschuldet.

Mit der Zeit wurden Stücke wie „Alleweil“, „Der Glöckner Teil 2“ oder „Ein Hahn dreht auf“ aussortiert. Roland Hotz findet dies weniger tragisch: „Man kann nicht immer nur Treffer landen. Das merkt man nicht beim Schreiben oder Proben, sondern erst, wenn man es Abend für Abend spielt!“ Aber: „Erfolgreich waren sie eigentlich alle“, ergänzt Sohn Felix. „Manchmal kommt man zehn Jahre später an den Kulissen vorbei, und sagt sich: Lass uns das noch einmal neu andenken. Vielleicht gibt es dazu einen frischen Ansatz. Und es ist aktueller denn je.“ Andere Stücke wie „Siegfrieds Nibelungenentzündung“ (ab 1. Juli im Programm). „Erwin – Ein Schweineleben“ oder „Nosferatu – Eine Ironie des Grauens“ (ab Herbst wieder in der Comedy Hall) erwiesen sich als stete Hits. „Am liebsten nehmen wir irgendwelche alten Schinken. Die werden niemals unmodern, weil sie nie modern waren“, kommentiert Roland Hotz die Stoffauswahl.

Foto: Nouki
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Deftige Scherze, Nonsens, ein wenig Sozialkritik

Seit 2005 tritt die zweite Generation an, deftige Scherze, Nonsens, ein wenig Sozialkritik und satirischen Humor mit hessischem Dialekt zu verknüpfen. Es gehört zur Prämisse, stetig aus der Rolle zu fallen und die Illusion zu zerstören. „Es soll uns selbst nicht langweilig werden“, unterstreicht Roland Hotz das Improvisationsprinzip. Genau dies ist es, was Sohn Felix am Tonfall des eigenen Theaters gefällt: Als er unter Robert Strombergs Regie im „Datterich“ auf der Bühne des Staatstheaters stand, reagierte der Prinzipal empört, als Felix einen Niesanfall im Publikum mit „Gesundheit!“ kommentierte.

Felix findet es gerade amüsant, eigene Missgeschicke auf der Bühne aufzugreifen und daraus neue Pointen zu basteln. Besonders sein Mitwirken an Darmstadts Nationalheiligtum war es, die Vater Roland veranlasste, seinen Nachwuchs zum Mitmischen im eigenen Theaterbetrieb zu animieren. Zum 25-jährigen Jubiläum wollte er damals mit „Erwin“ auf Tour gehen und überredete den Filius problemlos zum Puppenspiel.

Weiterentwickelt werden die Stücke derzeit im Team, nachdem Lidija Zambelli und Roland Hotz ein 30- bis 40-seitiges Konzept entwickelt haben. „Eigentlich stellt die Premiere den Auftakt der wirklichen Probe dar: Dann wird vor echtem Publikum gespielt. Man kann einen Lacher nicht programmieren. Das muss man ausprobieren. Jeder Abend führt das Stück ein wenig weiter“, erklärt Felix. Er selbst kümmert sich um Technik und Verwaltung, während sein Bruder Lukas sowie Florian Harz Gründer Roland Hotz beim Puppenbau und der Konstruktion der Bauten unterstützen. Das Repertoire umfasst aktuell 13 Stücke, alle zwei bis vier Wochen wechselt der Spielplan.

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Kinderstücke als Reminiszenz an die Anfänge

Wert legt das Kikeriki-Team darauf, weiterhin Kinderstücke als Reminiszenz an die Anfänge im Repertoire zu behalten. Mit einem Eintrittspreis von fünf Euro pro Kopf stelle die unsubventionierte Kinderschiene ein absolutes Minusgeschäft dar. Roland Hotz: „Uns ist das Kinder-Puppentheater als alternatives Medium für unsere heutige, verkackte digitale Welt wichtig. Deshalb wollen wir es so lange wie möglich anbieten.“ Lob erhalte man aber dafür von niemandem.

Langsam, aber sicher wird die alte Kikeriki-Garde von der Bühne abtreten. „Die Akte Schneewittchen“ mit Jochen Werner alias Aurora DeMeehl ist längst geschlossen und „Faust – Ein teuflisches Jahrmarktstück“ stand im Januar zum (vermutlich) letzten Mal auf dem Spielplan. „Wir werden uns jetzt alters- und gesundheitsbedingt langsam ausschleichen. Keiner hat Interesse, von heute auf morgen aufzuhören. Aber so ist das Leben eben!“, sagt Roland Hotz. 2025 stand er immerhin noch 200-mal auf der Bühne, was sich in diesem Jahr halbieren soll. Von den älteren Zuschauern werde er möglicherweise vermisst, folgert er. Doch die Hauptsache sei, dass Konzept und Unterhaltung weiterhin stimmten.

Letztlich verbinden die Erwachsenenstücke ebenso alle Generationen. Felix Hotz freut sich: „Wenn man in den Saal schaut, sitzen an den Tischen Oma, Opa, Mutter, Vater und die Kinder. Ich glaube, dass es hier wenige Kulturereignisse gibt, woran die ganze Familie ihren Spaß haben kann.“ Mit „Gränsel und Hetel“ (ab 15. April) sowie einer aufgefrischten Fassung von „Hinterhof-Story“ (ab 2. Mai) finden sich zwei aktuelle Stücke im Repertoire. Und: „Es wird in 2027 auf jeden Fall wieder eine Premiere geben!“, verspricht Felix. Den Puppen wird auch sein Vater Roland auf jeden Fall noch eine Zeit erhalten bleiben, denn: „Mich macht die Bühne genauso glücklich wie das Schreiben oder die Werkstatt.“

comedyhall.de