Fotos: Christoph Kelber
Fotos: Christoph Kelber

„ABC-Verlagshaus“ stand einst in Neonbuchstaben über dem Eingang. Buchstabe für Buchstabe wurde nun abmontiert: „… lagshaus“, „… haus“, „… aus“! Aus für das Gebäude mit den bronzefarben verglasten Fenstern in der Berliner Allee, Aus für das Druckereigebäude dahinter, in dem sich eines der größten Darmstädter Architekturbüros niedergelassen hat, Aus für den alten Baumbestand mit der zartrosa blühenden Magnolie, die man dort vom Schreibtisch aus betrachten konnte. Aus für einen Architekturstil, über den wir uns an dieser Stelle noch einmal Gedanken machen möchten, um ihn gebührend zu verabschieden.

Das „Graphische Viertel“, entstanden in der Nachkriegszeit, heute bekannt als „Verlagsviertel“, zwischen Haardtring und Landgraf-Philipps-Anlage, erfährt aktuell einen baulichen Wandel. Auf dem ehemaligen Exerzierplatz entstand nach dem Krieg am Stadteingang und damit als Aushängeschild ein neues Gewerbegebiet mit einer Ansiedlung „rauchloser und sauberer“ Industriebetriebe.

Die 1949 gegründete Wiederaufbau GmbH unter Kurt Jahn lockte viele wichtige Unternehmen nach Darmstadt: die Dugena, die Reproanstalt Haußmann, die Deutsche Buchgemeinschaft, die Firma Nähr-Engel, die Getreidehandelsbank und auch den ABC-Verlag, zusammen als das „Graphische Viertel“ benannt. Es durchmischte sich mit Wohnbauten der Nassauischen Heimstätte und des Bauvereins, durchwebt von vielen Grünflächen. „Wohnen im umweltfreundlichen, grünen Gewerbegebiet“, war der Slogan des Bauvereins, der für eine bis dahin in Deutschland unbekannte Wohnweise warb.

Kunst am Bau

Das ABC-Verlagsgebäude fällt dem Laien eher nicht durch seine außergewöhnliche und interessante Architektur ins Auge. Und doch vereint es viele typische Elemente der 50er-Jahre-Architektur: ein ausladendes, den Eingang prägendes Vordach, liebevolle Details wie wunderschön geformte Türgriffe oder filigrane Treppengeländer, große Rasenflächen und Ziersträucher. Ein echter Blickfang ist die Brunnenanlage im Vorgarten des Verlagshauses, ein aus drei Betonellipsen zusammengesetztes Atommodell in einem Wasserbecken. Um in den armen Nachkriegsjahren Kosten zu sparen, wurde gerne mit vorgefertigten, genormten Bauteilen gearbeitet, woraus sich streng gegliederte Lochfassaden mit symmetrischer Fenstereinteilung ergaben, die ebenfalls charakteristisch sind für das auf den Abriss wartende Gebäude.

Um die strengen Gebäudekörper der 50er Jahre mit einfachen Mitteln aufzulockern, betrieb man oft „Kunst am Bau“. Beim ABC-Verlagsgebäude zählen beispielsweise die aufwendig verzierten Betonsäulen am Eingangsportal dazu, deren Qualität sich einem erst bei genauem Hinsehen erschließt. Bei anderen Gebäuden sind es Fassadenmosaiken und -malereien. Filigraner Schnörkel und gleichzeitig Werbung war die Neonschrift am Eingang, deren demontierte Lettern nun als „BAR“, „EGAL“ oder „CASH“ in Wohnzimmern des angebrochenen Jahrtausends erstrahlen – gerettet durch einen etwas intensiveren Blick auf fast schon vergessene Architektur.

Darmstadt besitzt zahlreiche, das Stadtbild prägende Gebäude aus den Nachkriegsjahren, die baukulturell besonders und damit historisch wertvoll sind. Vorzeigecharakter besitzen die statischen Glanzleistungen wie die Wasserbauhalle der TU Darmstadt oder das ehemalige Prüfgebäude des Darmstädter TÜV mit seiner gewagten Betonschalenkonstruktion.

Fünf Meisterbauten der 50er Jahre

Insbesondere seien jedoch noch die fünf Meisterbauten erwähnt, die 1951 aus einer Ausstellung auf der Mathildenhöhe hervorgingen. Fünfzig Jahre nach der viel beachteten Ausstellung „Ein Dokument deutscher Kunst“ ging es dabei nicht um opulente Villen, sondern um kommunale Bauten wie Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser und Wohnungen. Von den elf Entwürfen namhafter Architekten wurden fünf umgesetzt, die ihre architektonische Qualität bis heute erhalten haben:

die Georg-Büchner-Schule von Hans Schwippert, das Ludwig-Georgs-Gymnasium von Max Taut, die Frauenklinik von Otto Bartning und Otto Dörzbach, das Ledigenheim, ein Apartment-Haus von Ernst Neufert sowie die Kinderwelt von Franz Schuster.

Es lohnt sich also, mit offenen Augen durch unsere Stadt zu gehen und Ausschau nach dem ein oder anderen versteckten Schatz aus den 50er Jahren zu halten. Ob das Wohnbauprojekt, welches nach Abriss des ABC-Verlagshauses an selbiger Stelle realisiert wird, ebenfalls eine architektonisch nachhaltige Glanzleistung wird, bleibt zu hoffen …

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