
„Diversität liegt uns am Herzen.“
Seit 2012 stetig gewachsen, erweist sich das Golden Leaves Festival (GLF) mit einer Mischung aus etablierten Größen und ausgewählten Newcomer:innen der Pop- und Indie-Szene als stetiger Publikumsmagnet. Im Hinblick auf den Tourplan einiger verheißungsvoller Künstler:innen und Bands zog man zur 13. Ausgabe den diesjährigen Termin auf das vorletzte Augustwochenende (Samstag, 22., und Sonntag, 23. August) praktisch eine Woche vor. Was als schnuckeliges Musikfestival an geheimen Orten auf Spendenbasis im Stil der „Bedroomdisco“-Konzerte startete, zog zuletzt an der gewohnt idyllischen Location am Steinbrücker Teich bis zu 4.500 Besucher:innen pro Tag an. Da konnte es besonders am Samstagnachmittag an Getränketheken und Essenständen schon zu längeren Wartezeiten kommen. Dem soll in diesem Jahr entgegengesteuert werden.
Neben prominenten Namen wie Mine, Holly Humberstone, Noga Erez und Hundreds darf man sich auf gefragte Newcomerinnen wie Ellur oder Nxdia freuen. Neben Polly Mackay alias Art School Girlfriend, die 2024 noch absagen musste, konnte das Team mit Agnes Obel, Kat Frankies A-cappella-Projekt „Bodies“ und Poliça drei Acts aus dem pandemiebedingt entfallenen Line-up 2020 verpflichten. Noch stärker als zuvor stellt man FLINTA*-Artists in den Mittelpunkt. Erstmals wurde eine Kooperation mit dem französischen Streaming-Service Qobuz eingetütet. Der Anbieter wirft stets einen Blick auf Independent-Labels und zahlt Künstler:innen eine höhere Vergütung als andere Streaming-Dienste. Auch darüber sprachen wir mit Crew-Managerin Eva Marggraf und Pressesprecherin Saskia van Eerd, die beide dem Vorstand des Live at Bedroomdisco e. V. angehören.
Das Golden Leaves wächst ja mit seinen Aufgaben. Wie groß ist Euer Team eigentlich inzwischen?
Eva: Unser Kernteam besteht aus rund 25 Personen in allen Bereichen, die das ganze Jahr über am Festival arbeiten. Wir haben einen Vorstand aus fünf Personen, und um sie herum gibt es ein Team aus etwa zwanzig Orga-Leuten. Beim Festival selbst inklusive Auf- und Abbau waren wir letztes Jahr erstmals bei 350 Helfer:innen angelangt. Das streben wir auch dieses Jahr an, da wir bei einem Gelände von dieser Größe wieder so viele Leute benötigen.
Ihr scheint Euch mit dem GLF nun am Oberwaldhaus eingenistet zu haben. Die Ausgangssituation mit Konzerten an zuvor nicht benannten Orten war aber ja ähnlich wie bei den Bedroomdisco-Veranstaltungen.
Eva: Genau, aber das konnten wir irgendwann nicht mehr weiterführen. Im ersten Jahr waren wir so verrückt, dass wir nachts noch die Bühne abgebaut und an einem anderen Ort wieder aufgebaut haben, um das Konzept durchzuziehen. Das können wir heute natürlich nicht mehr machen – das würde definitiv den Rahmen sprengen. Aber die ursprüngliche Struktur hinter dem Golden Leaves ist noch vorhanden: Dominik Schmidt hat das Projekt gegründet und ist immer noch unser Hauptverantwortlicher.
Wie kam die diesjährige Auswahl zustande? Habt Ihr alle Interpreten bekommen, die Ihr gerne verpflichten wolltet?
Saskia: Das Golden Leaves war schon immer ein sehr fein kuratiertes Festival. Wir schauen, welche Künstler:innen uns musikalisch begeistern und versuchen, eine Mischung zu treffen – internationale Acts nach Darmstadt zu holen, aber auch spannenden Newcomer:innen eine Bühne zu bieten. Seit letztem Jahr haben wir eine dritte Bühne, die eine besondere, intime Atmosphäre schafft. Natürlich war auch in jedem Jahr die Überlegung, wer zu uns passen könnte, wer unterwegs ist und Lust hat, bei uns zu spielen. Zudem muss die Gage zu unseren finanziellen Strukturen passen. Wir freuen uns aber, dass wir inzwischen so etabliert sind, dass Künstler:innen gerne zu uns wollen. Es ist toll, dass wir inzwischen ein solches Standing besitzen.
Wird es – neben der einen großen – bei zwei kleineren Bühnen bleiben, bei denen man sich unter den Interpret:innen jeweils entscheiden muss?
Eva: Wir sind stets bestrebt, mehr Künstler:innen zu zeigen. Mit der Newcomer-Bühne können wir noch mehr Programm bieten. Daher wird es sich nicht vermeiden lassen, sich zu entscheiden. Aber unsere Besucher:innen schätzen es, dass wir ihnen ein so vielfältiges Programm bieten. Natürlich achten wir darauf, dass sich die Programme ergänzen und unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Bei der Geländegröße lässt es sich nicht vermeiden, dass zwei Bühnen parallel bespielt werden.
Manchmal ist es schon schade, wenn man gern beide Acts anhören möchte.
Saskia: Das können wir als Musikliebhaber:innen absolut verstehen. Aber das Golden Leaves ist so gewachsen, dass es nicht mehr anders umzusetzen ist.
Eva: Geblieben ist aber der Timetable, den wir erst vor Ort veröffentlichen, damit es für alle Acts auf unseren Bühnen ein breites Publikum gibt und man nicht sagt: „Ich komme nur für meine Lieblingsband.“ Alle können hier ihre neue Liebhaberband entdecken. Es bleiben bei uns viele Dinge, die ganz besonders sind.
… wie zum Bespiel die spezielle Deko. Ist das wieder eingeplant?
Saskia: Ja, wir verstehen das Golden Leaves nicht nur als reine Musikveranstaltung, sondern als kleiner Erlebniskosmos, den wir am Steinbrücker Teich entwerfen und gestalten. Wir haben ein fantastisches, kreatives Team, das sich vor Ort tolle Installationen einfallen lässt, sodass es nicht nur etwas auf die Ohren, sondern auch für die Augen gibt. Das führt zu einem sehens- und hörenswerten Gesamtbild.
Eva: Wir reagieren sehr auf das Feedback unserer Besucher:innen. Da die Deko stets sehr geschätzt wird, ist es uns total wichtig, dies beizubehalten und weiter daran zu feilen. Aus Nachhaltigkeitsgründen nutzen wir bereits bestehende Deko-Elemente, die uns gefallen, aber jedes Jahr gibt es auch wieder Neues zu entdecken.
Aufgrund der langen Wartezeiten am Getränkezelt am Samstag letztes Jahr war zu vernehmen, dass eine neue Theke eingerichtet wird.
Eva: Genau. Bei Stoßzeiten ist dies nichts Ungewöhnliches. Wie eben gesagt, ist es uns aber wichtig, das Feedback der Besucher:innen ernst zu nehmen und daran zu arbeiten. Dazu gehört der Gastrobereich. Daher wird es eine zweite Bar geben, damit die Besucher:innen keine Zeit verlieren. Trotzdem ist es uns wichtig, dass sich die Bar optisch in das bestehende Konzept einpasst und wir mit lokalen Partner:innen zusammenarbeiten, die schon unsere frühere Bar entworfen haben. Das ist das „social.form“-Studio. Es war uns wichtig, sie wieder ins Boot zu holen.
Saskia: Es ist cool, dass wir in Darmstadt diese Basis aus Architekturveranstaltern und Büros haben, auf die man zurückgreifen kann. Davon profitiert das Festival enorm.
Neu ist in diesem Jahr die Kooperation mit dem Streamingdienst Qobuz. Wie kam sie zustande?
Eva: Mit Qobuz verbindet uns ein ähnliches Verständnis von Musikkultur. Es handelt sich um einen Anbieter, der sehr auf faire Artists-Vergütung achtet. Das liegt uns ebenfalls sehr am Herzen, ebenso wie deren Idee von kuratierter Musikentdeckung und Förderung von Independent-Künstler:innen. Die Kooperation hat sich organisch entwickelt.
Saskia: Unsere Festival-Playlist findet sich übrigens schon bei Qobuz. Wer Lust hat, sich schon einen Vorgeschmack aufs Golden Leaves 2026 zu holen – es lohnt sich auf jeden Fall, da mal reinzuhören.
Eva: Es gab vorher unsere Festival-Playlist nur bei anderen Anbietern. Auch hier gab es zuletzt Rückmeldungen unserer Follower:innen, dass es schön wäre, bei Streaming-Plattformen vertreten zu sein, die mehr unserem Kulturverständnis entsprechen. Daher war es für uns ein ganz logischer Schritt.
Den Hintergrund des FLINTA*-Line-ups mit ausschließlich weiblichen und weiblich gelesenen Künstler:innen sollte man an dieser Stelle auch noch ansprechen. War das geplant oder hat es sich praktisch so ergeben?
Saskia: Das ist natürlich die am meisten gestellte Frage. Ehrlich gesagt fanden wir die eigentliche Frage spannender als die Antwort: In der Live-Branche wird ja seit Jahren diskutiert, wie man vielfältiger werden kann. Bei Branchentreffs wird regelmäßig über das Problem diskutiert, dass so wenig FLINTA*-Artists auf der Bühne stehen, es aber zugleich nicht genügend FLINTA*-Artists gibt, um ein komplettes Line-up zu füllen. Irgendwann hatten wir den Eindruck, dass es nichts mehr bringt, darüber zu reden, sondern dass wir es einfach jetzt einmal machen müssen. Das Ergebnis sieht man nun – für mich persönlich eines der besten Line-ups, das wir in den letzten Jahren hatten. Das ist nichts, was wir auf einmal aus dem Boden gestampft haben, sondern wir hatten schon seit Jahren eine hohe Quote an Acts mit weiblicher und weiblich gelesener Beteiligung. Letztes Jahr waren wir bei sechzig Prozent. Das ist nicht nur etwas, was bei uns auf der Bühne stattfindet, sondern ebenso hinter der Bühne. Unser Vorstandsteam etwa besteht aus fünf Personen, davon sind drei Frauen. Diversität liegt uns am Herzen. In der aktuellen Zeit ist es uns besonders wichtig, dass wir uns demokratisch und diskriminierungsfrei zeigen.
Eva: Es war aus Booking-Sicht wichtig zu zeigen: Es geht! Und zum anderen, wie Saskia schon sagte, wir leben es auch hinter den Kulissen. Daher war es für uns keine große Frage.
Auch die Frage nach der Finanzierung kann nicht ausbleiben, denn Gagen oder Technik werden stets teurer. Letztlich muss noch etwas als Puffer für das nächste Festival übrig bleiben.
Saskia: Das ist richtig, die Produktionskosten sind in den letzten Jahren massiv gestiegen. Es ist echt schwierig. Gleichzeitig ist es uns extrem wichtig, faire Gagen für die Künstler:innen zu zahlen. Die Finanzierung eines unabhängigen Festivals ist deshalb heute deutlich anspruchsvoller als noch vor einigen Jahren. Wir freuen uns sehr, dieses Jahr durch die „Initiative Musik“ [gemeinnützige Fördereinrichtung der Musikwirtschaft in Deutschland mit Sitz in Berlin] gefördert zu werden, das ist echt eine Anerkennung. Auf kommunaler und Landes-Ebene hoffen wir noch auf positive Nachrichten. Die Stadt Darmstadt hat uns ja schon die letzten Jahre unterstützt und begleitet. Dafür sind wir sehr dankbar und hoffen sehr, dass die Förderung dieses Jahr noch ausgebaut wird, wir würden uns wünschen, da auch mehr gesehen zu werden.
Eva: Gleichzeitig müssen wir schon sagen, dass Kulturförderung derzeit auf einem All-Time-Low-Level ist. Wir bemerken schon die politischen Sparmaßnahmen besonders auf dem (pop-)musikalischen Bereich. Wir sind daher extrem von den Ticket-, Merch- und Getränkeverkäufen vor Ort abhängig – und am Ende auch vom Einsatz der zahlreichen, teils unermüdlichen ehrenamtlichen Helfer:innen, die das Festival möglich machen.
Werdet Ihr dem Steinbrücker Teich künftig die Treue halten?
Eva: Planungssicherheit finden wir super. In den ersten Jahren sind wir genug umgezogen. Beim jetzigen Stand sind wir dort sehr zufrieden, wo wir sind.
Saskia: Die Entwicklung des Festivals macht einen Wechsel auch immer komplizierter, da wir wahnsinnig gewachsen sind.
Eva: Man darf nicht vergessen: Wir suchen wenn, dann auch immer ein Gelände in der Natur, da wir so grün und so besonders sein wollen, wie wir sind. Irgendwann hatten wir alles ausgereizt, was es gibt. Wir wollen ja auch nicht aus Darmstadt weg – wir verstehen uns als Darmstädter Kulturprojekt. Wir hatten schon Angebote aus anderen Städten, haben aber dankend abgelehnt. Wir sind Darmstädter:innen und machen hier unser Festival!
Golden Leaves Festival
Sa, 22. + So, 23. August 2026
Das Festival mit fein kuratiertem Indie-Line-up präsentiert wieder mal ein Programm der Extraklasse. Erlebt zeitgenössische Popmusik in all ihren Facetten in wunderschöner Waldkulisse. Wieder am Start: eine dritte Bühne für leise Töne, Solo- und Duo-Acts.
Location: Steinbrücker Teich (am Oberwaldhaus), Darmstadt
Line-up: Agnes Obel, Noga Erez, Mine, Kat Frankie Bodies, Holly Humberstone, Austra, HVOB, Mola, Pale Waves, Hundreds und mehr
Eintritt: Festivalticket 92,20 €, Tagesticket ab 54,20 € (es gibt Ermäßigungen für Kinder)
Camping: nein
Win! Win! 1 x 2 Tickets auf p-stadtkultur.de






