Foto: Jan Nouki Ehlers
Foto: Jan Ehlers

„Hanekamp? Wer zum…?“ Keine Angst, den Namen unseres heutigen Black-Boxers nicht zu kennen, ist (noch) keine große Wissenslücke, mied er doch bislang das Rampenlicht. Aber er gab schon zahlreichen guten Bands die Chance, in selbigem Lichte zu glänzen, schuf der gebürtige Sachsen-Anhaltiner doch als Mitbegründer und Programmgestalter des „Uebel & Gefährlich“ in Hamburg einen der besten Konzertveranstaltungsorte Deutschlands. Oder gar den vermeintlich besten Musikclub der … äh … Welt, wie sein Verlag Kiepenheuer & Witsch (KiWi) behauptet?

„Hä? Clubbetreiber? Verlag? Wieso das jetzt?“ Doch, doch, lieber Leser, das hat schon alles seine Richtigkeit: Die KiWi-Leute schmieren dem Kulturschaffenden den Honig nicht etwa ums Maul, weil sie auf die Gästeliste wollen, sondern weil er ihnen mit „So was von da“ ein Stück atemlose Popliteratur geschrieben hat, das sie für den musikalischsten und schnellsten Bildungsroman aller Zeiten halten. Hauptfigur ist – vermutlich nicht ganz zufällig – der hoch verschuldete Clubbetreiber Oskar, der das Ende seines improvisierten Etablissements mit der rauschhaftesten Silvesterparty feiern will, die Hamburg je gesehen hat. Und überhaupt: die Superlative – die coolsten Musiker! Die besten Drogen! Die gefährlichsten Kiez-Kredithaie! Die größte Liebe! Drunter geht’s nicht in den knapp 20 Stunden der Romanhandlung. Dass vor lauter Atemlosigkeit zwischen dem Wechselgeldzählen und dem defekten Aufzug die Tiefenschärfe der einen oder anderen Figur unter den Tisch fällt, dass diese mitunter Namen wie „Ratte“, „Erbse“ oder „Rocky Rockmann“ tragen, … geschenkt – so lange der Autor immer mal wieder Momente der Wahrhaftigkeit aufblitzen lässt.


Das P: Zunächst einmal die Frage, die unsere Leser am brennendsten interessiert: Ist die Gebrauchsanweisung zur Clubführung für die Praxis brauchbar?

Tino: Selbstverständlich! Sonst wäre sie ja nicht im Buch. Ich möchte die geneigten Leser auf keinen Fall in die Irre führen, sondern an der Verbesserung ihrer Lebenssituation mitwirken. Und zu Abenteuern anstiften. Denn ruckzuck ist das Leben vorbei.

Welche Wege zur Finanzierung würdest Du aus Deiner Erfahrung empfehlen? Kiez-Größe oder Sparkasse?

Beide haben ihre Vor- und Nachteile. Jedoch ist bei der Kiez-Größe die Wahrscheinlichkeit größer, dass man überhaupt einen Kredit bekommt! Allerdings auch das gesundheitliche Risiko. Lieber Kontopfändung als Fingerbruch… Aber manchmal hat man keine Wahl.

Wo Du es gerade ansprichst: Einige Szenen im Roman, zum Beispiel der Beinahe-Fingerbruch an der Kieztanke, schreien ja geradezu nach einer Verfilmung. Gibt es Pläne in dieser Hinsicht?

Gute Idee eigentlich! Mal gucken, was geht.

Welche Figuren sind Dir im Laufe des Schreibens besonders ans Herz gewachsen und warum?

Leo, der schweigsame russische Türsteher, weil er einfach mal die Klappe hält. Er ist ein weiser Mann. Nina, die Künstlerin, mag ich auch sehr gern, weil sie so tapfer und mutig ist.

Außenstehende könnten bei der fiktiven Band Kidd Kommander den Vergleich zu Tomte ziehen, dann wäre logischerweise deren Sänger Rocky sehr nahe an Thees Uhlmann (minus Politikermutter und Rockstarvater). Ist diese Parallele rein zufällig?

Ist sie – ja. Rocky ist ganz und gar ausgedacht, inspiriert von verschiedenen Musikern und Erlebnissen.

Im Roman tauchen unter anderem auf: Rocky Rockmann, Kidd Kommander, Jimi und Mense von Egoexpress, DJ Patex, das Jeans Team, die Musikgruppe Interpol: Nach welchen Kriterien hast Du entschieden, welche Namen fiktiv sein sollten und welche nicht?

Jene Personen, die ich mir nicht ausgedacht habe, haben ihre echten Namen behalten. Ausgedachte Personen haben ausgedachte Namen.

Nach dem „Doktor Faustus“ war Adorno nicht mehr gut auf Thomas Mann zu sprechen, weil der sich für seinen Roman fleißig am Inhalt privater Gespräche mit dem Philosophen bedient hatte. Gab es solche „Dass Du das einfach in die Öffentlichkeit zerren kannst“-Momente auch in Deinem Bekanntenkreis, insbesondere bei den namentlich genannten Musikern?

Nö. Noch keine Beschwerden. Aber ich habe ja auch mit Liebe im Herzen über all das geschrieben. Die sollten mir eher Blumen schicken!

Die Erlebnisse wie vieler Nächte sind in diese eine Silvesternacht komprimiert worden?

Zwei? Zwanzig? Zweihundert? Ich weiß es nicht…

Meiner Meinung nach sind viele spannende Ansätze des Romans – vor allem Fragen nach Selbstverwirklichung, Lebensentwürfen, auch Gentrifizierung – ein wenig der Silvesterhektik zum Opfer gefallen. Blieb es – beispielsweise beim Gespräch Oskars mit der Innensenatorin – bewusst beim Anreißen der politischen Fragen? Werden die im nächsten Roman vertieft?

Na ja, der Tag und die Nacht ist für den Helden der Geschichte ja eine einzige Raserei. Da blieb nicht viel Zeit für tiefsinniges Sinnieren. Zudem: Anreißen ist super, dann ist da nämlich ein Riss, und durch den kann sich der Leser dann selber tiefer ‚reingraben in das Thema, Stichwort: Anregung zum Selberdenken! Nächster Roman? Keine Ahnung.

Und zum Schluss noch eins: Wie kamst Du darauf, das charmante Fehlfarben-Zitat „Ich habe Angst, aber leider keine Zeit dafür“ in den Roman einzubauen? Weiß die Band von ihrem Glück?

Ich habe damals einen Text für die Band über deren Platte geschrieben, so eine Art Infotext. Und dieser Satz geisterte immer so bei mir ’rum. Und zack, war er in der Geschichte drin. Weil er passte. Ob die Fehlfarben das wissen, weiß ich nicht. Ich hoffe aber, der wunderbare Peter Hein [Sänger der Fehlfarben, Anm. d. Red.] liest mein Buch – wenigstens auf dem Klo!

Das P sagt: Vielen Dank für das Gespräch!

 www.tinohanekamp.de

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