Foto: Jan Ehlers
Foto: Jan Ehlers

Eine größere und reine Männertruppe kommt von der Firmenweihnachtsfeier angetrunken in die Disco. Einige entdecken, dass unglaublicherweise eine Frau auflegt – daraus resultieren die unterschiedlichsten Reaktionen.

In Bezug auf die Wechselwirkung zwischen mir beim Auflegen und männlichen Neugästen bin ich mittlerweile in der Lage, mehrere klassische Verhaltensweisen und „Typen Mann“ voneinander zu unterscheiden. Ähnlich wie in der Chemie sind hier positiv und negativ geladene Teilchen zu finden. Frauen, die sich beruflich in Männerdomänen bewegen, werden meine Eindrücke auf andere Bereiche übertragen können und mir beipflichten.

Der High-five-/Daumen-hoch-Typ: Haben diese Jungs die Frau hinterm DJ-Pult entdeckt, wird die Sensation gleich freudig aufgeregt an alle Kumpels und die Freundin weitergegeben. Sie sind euphorisiert, idealisieren und feiern die Frau hinter den Decks und kommen früher oder später auf ein High-five oder Daumen-hoch vorbei. Ich mag das, vielleicht kommt das vom Sport, ich schlage unheimlich gern ein. Die sind nett, tanzen viel und verbreiten gute Partystimmung. Cool, weiter so!

Die Hinterweltler: Die ignoranten Hinterweltler interessieren sich sehr für den DJ – besonders, weil sie sich ständig Lieder wünschen wollen. Frauen werden jedoch von ihnen in erster Linie nicht als DJ autorisiert, sondern erstmal beispielsweise als Freundin des DJs identifiziert. Frauen sind keine DJs oder Personen, die was zu melden haben. Es kann also nur der Typ sein, der neben ihr steht. Lichtmänner werden von den Hinterweltlern als DJ angesprochen und ich werde gefragt, wo die Bar ist. Dass ich, um sie zu verstehen, meinen Kopfhörer absetzen muss, kommt ihnen nicht verdächtig vor. Nun gut, so läuft die Sozialisation: Männer tragen blaue Strampler, weinen nicht, sind stark und legen auf. Mädchen tragen rosa, sind lieb, bringen Bier und legen eben nicht auf.

Der Hosen-an-Typ: Diese zum Glück sehr seltenen Exemplare können schlecht damit umgehen, dass eine Frau die Fäden des Abends in der Hand hält. Sie sind zwar nicht sonderlich begeistert darüber, zugleich aber auch unheimlich neugierig, halten sich griesgrämig in Pultnähe auf und suchen den ganzen Abend die Kassette, die heimlich unterm DJ-Pult à la Paris Hilton eingelegt wird (Danke hierfür, Paris. Ganz groß!). Sie tun zwar so, haben aber in aller Regel null Ahnung von der Auflegerei und würden nicht mal erkennen, ob das Mischpult ein- oder ausgeschaltet ist. Nach zuviel Booze werden sie mutig, damit zugleich sehr anstrengend und versuchen, die hierarchische Geschlechterordnung wieder herzustellen, indem sie „dem Dingelchen hinterm Pult“ mal einen Tipp geben und beratend zur Seite stehen. Für alle Fälle. Die Frau würde das ja sonst alleine gar nicht schaffen. Zum Glück sind sie da, um die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Später, nachdem ich sie bereits dreimal auflaufen ließ und scheinbar gar nichts mehr hilft, starren sie bewusst auffällig und ungeniert auf meinen Arsch, um ihre Männlichkeit innerhalb ihrer Freundesclique wieder herzustellen und mir zu signalisieren, dass ich nicht in der Lage sein werde, dieser Erniedrigung zu entgehen. Sehr interessant. Eigentlich mag ich das auch, es unterhält mich.

Die Tänzer: Sie sind ganz in ihrer Welt, tanzen häufig stundenlang nur für sich, ohne sich aufzuplustern oder um krampfhaft Mädels anzulabern. Niemand kann ihre Aufmerksamkeit erregen. Ihre T-Shirts sind patschnass, wenn sie es bis ganz zum Schluss geschafft haben und das Licht angeht. Dann kann es sein, dass sie kurz applaudieren, erschöpft „Good bye“ winken oder schlicht „Danke“ sagen. Ich habe Euch zu danken!

Die Provokateure: Vor einiger Zeit musste ich mal wieder in Mainz die Bekanntschaft mit einem sogenannten Elektron machen. Ganz ehrlich, wäre ich etwas größer und stärker, hätte es eine waschechte Schlägerei gegeben. Der Herr konnte einfach nicht akzeptieren, dass ich ihm verbat, seinen Vodkaredbull am DJ-Pult abzustellen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er sein Getränk am liebsten direkt auf das Mischpult gestellt. Was er im Prinzip auch tat. Rotzfrech und einfach nur auf Krawall aus! Aber Frauen schlagen sich nicht, sind lieb und lachen alles weg. Denken die. Ich bin eine Frau, die da aus der Rolle fällt und dann für große Irritation sorgt, wenn ich mir überraschend nicht alles gefallen lasse. Provokateure lassen sich jedoch davon nicht abschrecken. Im Gegenteil: Ring frei! Möge der oder die Stärkere gewinnen.

Der Party- oder „Pff, na und“-Typ: Der Tänzer-Typ, ebenso wie die unzähligen weitere Typen – beispielsweise der Schüchterne-, der Trinker- oder der Kumpel-Typ – sind häufig in dieser Kategorie verortet. Sie sind gut drauf, tanzen, schwätzen, trinken, machen einfach Party. Wenn ein gutes Lied kommt, pfeifen sie zu meiner großen Freude. Ihnen ist es nicht wichtig, wer auflegt, und auch nicht ob es sich dabei um einen Mann oder eine Frau handelt. In ihrer Welt ist es selbstverständlich, dass Frauen auflegen. Wieso denn auch nicht? Doch selbst bei Frauen scheint diese Message noch nicht ganz durchgedrungen zu sein. Zu den Frauentypen deshalb bald mehr. Gleichberechtigung muss sein.

Ihr lest den Montagsgedanken: Tagebuch eines DJs. Mein Name ist Doris Vöglin.

 

Wer ist eigentlich Doris?

Doris Vöglin ist die eine Hälfte des DJ-Duos „DontCanDJ“ – bekannt aus Schlosskeller („Elektroschule“), 603qm und Centralstation. Seit einiger Zeit schreibt sie ihre „Montagsgedanken“ für den Blog www.bedroomdisco.de nieder. Seit November 2012 erscheint ihre Kolumne auch im P.

www.facebook.com/DontCanDJ

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