Foto: Andreas Zierhut (Lieferrad Juwelier Münzer)

Darmstadt und die Lastenräder, das klingt nach einer ziemlichen Liebesgeschichte. Im Martinsviertel könnte man längst meinen, die Pro-Kopf-Dichte der imposanten wie praktischen Gefährte überstiege die der Kraftfahrzeuge (was natürlich nach wie vor romantisches Wunschdenken ist). In Mühltal sitzt einer der größten Hersteller des Landes. Und seit mehreren Jahren gibt es dank der Initiative „Heinerbike“ über die Stadt verteilt diverse Lastenräder mit Elektroantrieb zum kostenlosen Ausleihen für bis zu drei Tage.

Im Oktober 2020 (P #128) haben wir bereits über Heinerbike sowie über andere, kostenpflichtige örtliche Lastenrad-Angebote berichtet. Während der Corona-Pandemie startete die Initiative „LieferradDA“, um dem lokalen Einzelhandel Kundenlieferungen vor Ort zu erleichtern. Und selbst yours truly, das P Stadtkulturmagazin, wird zu großen Teilen per Lastenrad zu den rund 450 Auslagestellen ausgefahren.

Die meisten Lastenräder befinden sich allerdings nach wie vor im Privatbesitz – und es werden immer mehr: Wurden in Deutschland 2016 gerade 15.125 Lastenräder verkauft, waren es im vergangenen Jahr ganze 167.000. Diverse Förderprogramme hatten ihren Anteil daran. Doch auch und gerade für diejenigen, die sich kein eigenes Lastenrad leisten können oder wollen, bieten die erwähnten Anbieter viele Möglichkeiten, die eigene Mobilität dennoch nachhaltiger zu gestalten.

Die Verkehrswende voranbringen – nachhaltig, gesund und mit Spaß

„Heinerbike ist eine absolute Erfolgsgeschichte aus Darmstadt. Sie zeigt, wie das gemeinsame Engagement aus Zivilgesellschaft und Verwaltung die Verkehrswende voranbringen und für die Menschen in der Stadt einen ganz praktischen Nutzen haben kann. Das beweist auch die jüngste Flottenerweiterung. Weiter so!“, findet Mobilitätsdezernent Michael Kolmer. Die Flotte der Heinerbikes war schon im April 2021 in Kooperation mit einem bekannten Natursupermarkt und dem bereits erwähnten lokalen Hersteller um acht weitere Räder gewachsen. Jörn Strüber vom VCD Darmstadt-Dieburg, der sich neben der Initiative Transition Town stark für die Heinerbikes engagiert, bestätigt: „Im Privatbereich sind die Räder auf jeden Fall angekommen.“ In diesem Sommer gab es nun weiteren Zuwachs, der auch die gewerbliche Nutzung von Lastenrädern in Darmstadt stärken soll.

Die Flotte wird bunter

Anfang Juli wurden auf dem Karolinenplatz die neuen Heinerbikes präsentiert, die im Rahmen des Integrierten Klimaschutzplans Hessen 2025 mit 56.000 Euro gefördert und von Grafikdesignerin Lisa Beck mit tollen Motiven verschönert wurden: Vom „Paprika-Pickup“ (Standort: Edeka Patschull Arheilgen) über den „Outdoor-Olbrich“ (mit Kindersitzen) und die besonders kinderfreundliche „Herrngarten-Hummel“ (Standort: Eeemotion) sind wieder einige „klassische“ Long-John-Lastenräder dabei.

Doch die Flotte ist diverser geworden! Der „Baumarkt-Brummi“ (Standort: Farbenkrauth) und das „Rosenhöhen-Ross“ (Standort: Weltladen) sind Lastendreiräder, die noch mehr Stabilität bieten. Der „Sprudel-Sprinter“ ist ein Lastenroller, der allen, die ohnehin schon gerne durch die Stadt scootern, besonders gut gefallen wird. „Carla-Cargo“ ist ein Lastenanhänger und wird der Initiative Foodsharing dabei helfen, Lebensmittel zu retten – der Lastenanhänger „Brentano-Biene“ wird unter anderem das Theaterprojekt „Darmstadt_Speakers“ durch den Verein INKA (In Kranichstein aktiv) beim Transport ihres Materials unterstützen. In Zukunft sollen aber auch diese Lastenräder den Bürger:innen zur Ausleihe zur Verfügung stehen.

Foto: Jörn Strüber

Besonders cool für mobilitätseingeschränkte Personen: die „Karolinen-Kutsche“ und die „Post-Kutsche“ – zwei Rikschas, die Spazierfahrten etwa für und mit Senior:innen möglich machen. Eine davon wird zunächst an die Initiative „Radeln ohne Alter“ verliehen und kommt damit älteren Menschen in Kranichstein und Arheilgen zugute. Auch das Tandem „Mathilden-Mobil“ macht alternative Ausfahrten, etwa für eine in ihrer Sehkraft eingeschränkte Person, möglich.

Die ursprünglichen Heinerbikes wie der „Schoppe-Schlepper“ wurden im Zuge der Flottenerneuerung aus dem Verkehr genommen. „Die sind ja jetzt schon extrem viel im Einsatz gewesen und weisen dementsprechende Gebrauchserscheinungen auf“, erklärt Jörn Strüber. Sie alle werden aber sinnvoll weiter genutzt – fünf der älteren Heinerbikes gingen etwa in den städtischen Besitz über und stehen nun dem Jugendamt, Umweltamt und Mobilitätsamt zur Verfügung. Die Alnatura-Heinerbikes wie das „Grafen-Cabrio“ können weiterhin frei gebucht werden. Insgesamt sind nun 20 Räder über Heinerbike frei mietbar.

Darmstädter Unternehmer:innen mit Lastenrad

Doch wie sieht es mit den Darmstädter Unternehmer:innen aus? Wie viele von ihnen nutzen Lastenräder für ihre gewerblichen Zwecke? Bekannt ist vielen das Vinocentral am Hauptbahnhof, das seit einem dreimonatigen Testlauf im Rahmen des bundesweiten Projekts „Ich entlaste Städte“ vollends überzeugt ist: „Wir haben mittlerweile gar kein Auto mehr, sondern machen wirklich alles mit unseren vier Lastenrädern“, erzählt Inhaber Alexander Marschall stolz. Hauptsächlich nutzen die Mitarbeitenden des Weinhändlers die Räder, um die Weine vom Hauptlager ins Ladengeschäft am Hauptbahnhof oder zu den Gastronomiekund:innen zu transportieren. Lieferungen an Kund:innen in Darmstadt werden von „LieferradDA“ ausgeführt – einem Service, den mittlerweile diverse Darmstädter Einzelhändler:innen in Anspruch nehmen, darunter die Buchhandlung Lesezeichen (die außerdem ein eigenes Lastenrad zum Beliefern einsetzt) und der Bessunger Buchladen.

Claudia Thierbach von Optik Thierbach war 2015 eine der Ersten, die in Darmstadt geschäftlich per Lastenrad unterwegs war. „Man hat als Selbstständige einfach immer so viel zu transportieren, und das geht im Lastenrad super. Auch für Hausbesuche eignet es sich perfekt“, sagt die Optikerin. Jörn Strüber vom VCD kennt einige weitere Betriebe, die für Lieferungen und Besorgungen aufs Lastenrad setzen: „Auch Yrongrill besitzt ein Lastenrad und hat erkannt, dass sich das auch hervorragend zu Werbezwecken eignet. Und Imke Karrock von der Büchergilde am Markt nutzt seit Corona ebenfalls ein Lastenrad für Lieferungen.“

Foto: Nouki Ehlers, nouki.co (Lieferrad Vinocentral)

Doch nicht nur zu Lieferzwecken und als Werbefläche werden Lastenräder in Darmstadt eingesetzt: Schornsteinfeger Ralf Heusingfeld hat mit seinen Kolleg:innen gleich mehrere Räder im Einsatz, um die benötigte Ausrüstung zu Kund:innen zu transportieren. Juwelier Markus Münzer nutzt sein Lastenrad zum Warentransport der besonderen Art: „Während des Lockdowns haben wir schon mal Musterkisten von Eheringen mit dem Lastenrad kontaktlos zu Kunden gebracht“, erzählt er. Auch sein Lastenrad ist natürlich mit Logo und Firmenfarben gekennzeichnet. Neben innerstädtischen Lieferwegen (für die der Juwelier im Zweifel auch auf den Service von „LieferradDA“ setzt) nutzt er es auch einfach für den täglichen Arbeitsweg. Dank Regenausrüstung im Laderaum selbst bei Wind und Wetter. Die Eheringe mit dem Lastenrad geliefert bekommen – das hat doch was?!

Die gewerbliche Nutzung von Lastenrädern kann sich auf jeden Fall nicht nur persönlich und wirtschaftlich lohnen, sie lohnt sich vor allem auch für unsere Umwelt: Mindestens 400 Kilogramm Kohlendioxid kann ein Lastenrad laut Berechnungen des Instituts für Verkehrsforschung und Wirtschaftsverkehr des DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt) jährlich einsparen. Ob und wie die vielfältigen Transportmittel im eigenen Unternehmen Sinn machen, muss natürlich jede:r für sich entscheiden. Fest steht: Es gibt viele gute Beispiele und einige Möglichkeiten, das Lastenrad vor dem Kauf durch Leihangebote ausgiebig zu testen. Auch – oder sogar besonders – in Darmstadt.

 

Wie komme ich an so ein Rad – und an noch mehr Infos?

Weitere Informationen zu Heinerbike sowie den Buchungskalender gibt es online auf heinerbike.de.

„Null Emission auf der letzten Meile – Betriebslogistik mit Seilwinde, Container & Lastenrad“: So lautet der Titel der Info-Veranstaltung im Rahmen des 7. Hessischen Tages der Nachhaltigkeit, an der das Vinocentral teilnimmt. Eingeladen sind alle Interessierten am Donnerstag, 29. September, von 14 bis 17 Uhr ins „vinoRiserva“-Lager in der Wittichstraße 7a. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Mehr über die kostenfreie Nutzung von Lastenrädern auch in anderen Städten kann man beim Forum Freie Lastenräder erfahren: online auf dein-lastenrad.de. Das Netzwerk arbeitet seit zehn Jahren daran, die Verkehrswende deutschlandweit voranzutreiben. Mehr als 160 Initiativen bieten Bürger:innen kostenlose Leihräder, die für den Transport von kleinen Kindern und Einkäufen hervorragend geeignet sind.

Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Selbstständige können sich unter anderem auf bikeleasing.de oder auf jobrad.org über weitere Möglichkeiten der gewerblichen Nutzung von Lasten- und E-Rädern informieren.

 

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