Foto: Jan Nouki Ehlers
Foto: Jan Ehlers

Am Start: Der Darmstädter Rapper Mädness mit seinem „Kollege Schnürschuh“- Produzententeam Phonk D und Iron. Das Dreigespann macht seit 2005 erfolgreich gemeinsame Sache, wie das von der Presse und der HipHop-Szene hochgelobte Debütalbum „Unikat“ und der Nachfolger „Zuckerbrot & Peitsche“ beweisen. Es folgten: MTV-Airplay des Videos „Cool“, Festival-Moderation auf dem „Splash!“, das neue Album „Als hätt ich nix getan 2“, eine Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz mit Morlockk Dilemma und Kamp sowie der Support-Gig bei Public Enemy in der Centralstation im November. Aktuell stehen eineinhalb Beiträge auf dem P-Sampler und die Teilnahme an der Darmstädter „Nacht der Clubs“ im Dezember zu Buche. Mehr als genug Anlass, die drei Herren auf der Couch mit einem breiten „Guuude“ zu begrüßen.


P: Mädness, bist Du jetzt in der deutschen HipHop-Bundesliga angekommen?

Mädness: Nee, bin ich nicht. Noch nicht. Die Frage ist überhaupt erstmal, was die HipHop-Bundesliga ist? Bundesliga hat was mit „Geld verdienen“ zu tun, „davon leben können“, „’ne Modell-Freundin haben“ … also: Nein!

Mit Bundesliga meinen wir auch, dass ihr Euch mittlerweile in Deutschland einen Namen gemacht habt und Anerkennung erfahrt.

Mädness: Ja, das auf jeden Fall. Wir haben uns das aber auch alles selbst erarbeitet – ohne Major-Deal, alles über die Independent-Schiene. Ich glaube, das Ganze ist relativ gesund gewachsen. Wir haben unsere Ziele immer recht klein gesteckt.

Wie kommt Deine hessische Mundart in anderen Bundesländern an?

Mädness: Es ist ganz komisch, dass die Leute kein „Gude“ kennen. Bin auch ein bisschen sauer. Jeder Depp kennt „Moin Moin“ oder „Servus“ oder sonst irgendwas. Hessisch soll ja ein eher unbeliebter Dialekt sein, kann ich gar net nachvollziehen. Das ist der schönste Dialekt überhaupt! Aber wir prügeln es den Leuten immer wieder ein und ich werde in der deutschen HipHop-Presse schon als „Der Gude“ angesprochen. Die haben das schön aufs Brot geschmiert bekommen von uns.

Was macht für Dich den Reiz einer Live-Show aus?

Mädness: Das umsetzen zu können, was man sich zuhause im Kämmerchen erarbeitet hat, und dabei zu sehen, welches Feedback kommt. Ich glaube, das ist bei jedem Künstler so. Keiner will seine Musik nur zuhause rumliegen haben – der Musiker will wissen, wie sie live funktioniert, die Leute während des Konzerts anschauen und merken: „den oder die haste gerade erwischt“. Das ist das Beste am „Musik machen“.

Dennis Lisk aka Denyo von den Absoluten Beginnern sagte kürzlich in einem Interview, dass deutscher HipHop nicht mehr so relevant wie früher sei, zur Zeit stagniere und an Qualität, Relevanz und an Inhalt verloren habe. Deine Meinung?

Mädness: Ja und nein. Der Deutscher Rap 2010 ist auf der einen Seite superbreit gefächert, weil es endlich geschafft wurde, verschiedenste Stile einzubinden. Es haben sich Rap-Genres gebildet, ähnlich wie es bei Punk und Metal auch schon lange funktioniert. Wir machen zum Beispiel den elektronisch harten und cleanen Sound, während andere eher den sample-basierten machen. Auch inhaltlich gibt es große Unterschiede. Auf der anderen Seite jedoch habe ich das Gefühl, dass es dem HipHop momentan nicht erbärmlicher gehen könnte. Obwohl sie sich so viel raussuchen könnten, nehmen viele Leute nur den „Dumm-Fick-HipHop“ wahr, der andauernd nach außen getragen wird. Es gibt im HipHop aber auch viele gescheite Acts wie Dendemann, Blumentopf oder Samy Deluxe. Wir sind eher eine „Ich höre ja keinen HipHop – aber Euch find’ ich gut“ -Band. Das habe ich schon oft von Leuten gehört, die mit HipHop an sich gar nichts zu tun haben. Aber daran sieht man, dass es viel zu entdecken gibt im HipHop, man muss es eben nur suchen.

Was unterscheidet den HipHop aus Darmstadt von dem aus anderen deutschen Städten?

Mädness: Die Künstler, die für den „Darmstädter HipHop“ stehen und standen, haben sich nie dem Rap angepasst, der außenrum passierte. Es war immer eine sehr eigene individuelle Schiene, die gefahren wurde und die nicht vergleichbar ist mit anderen Stilen. Nimm nur „Kehlkopf Records“ mit Manges, Baggefudda und ElRay. Was da früher rausgekommen ist, war immer sehr eigen und vor allem einzigartig in Deutschland.

Phonk D: Die Darmstädter Szene stagniert leider momentan. Es kommt kein Nachwuchs nach. Daher eine ganz klare Ansage: Kollege Schnürschuh ist offen für neue Talente. Schickt uns Eure Sachen, schreibt uns oder kommt auf uns zu!

Darmstadts Musikszene verbindet. Ihr kollaboriert mit der Hardcore-Band 47 Million Dollars und covert den Song „U.F.F.B.A.S.S.E.“ der Punk-Band Kackophonia – beide Songs sind auf dem aktuellen P-Sampler zu hören. Musikalisches Neuland oder musikalische Vergangenheit?

Mädness: Musikalische Vergangenheit. Ich habe früher schon mal in so einer Art Rock-Band gespielt. Wir haben aber nur gecovert – Megavier, Bodycount und so‘n Kram. Ich war immer der klassische Rap-Hörer, hatte aber Freunde, die Rock oder Metal gehört haben. In Eppertshausen, wo ich aufgewachsen bin, gab es auch eine starke Hardcore-Szene. Mit 16 Jahren war ich auf meinem ersten Hardcore-Konzert. So habe ich schon einen Bezug zu dieser Musik. Den Kackophonia-Song haben wir als Beitrag ausgewählt, da wir ihn für einen sehr wichtigen Darmstädter Song halten. Ein Statement!

Welche Künstler haben Euch am meisten beeinflusst?

Alle einstimmig: Public Enemy!

Mädness: Da schließt sich echt so ein bisschen der Kreis. Die haben mich damals so richtig vom Hocker gehauen. War auch damals mein erstes Konzert.

Phonk D: Ich hatte damals in der Schule immer die cooleren Shirts von Public Enemy an. Da war der Mädness neidisch.

Iron: Du hast doch noch die Capri-Sonne vom Flavor Flav!?

Mädness: Richtig. Die habe ich 1994 – da war ich 14 Jahre alt – auf einem Konzert von Public Enemy in Hanau vom Boden aufgesammelt. Flavor Flav hatte die zuvor leer getrunken und zwischen Bühne und Absperrung geworfen.

Danke für das Gespräch!

www.myspace.com/maedness

www.myspace.com/kollegeschnuerschuh

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