Hilde Roths Darmstadt-Fotografien der Jahre 1950 bis 1990 lassen uns auf sieben Plätzen und in drei Schaufenstern der Innenstadt in Nostalgie baden – noch bis Oktober open air für alle zugänglich | Foto: Albrecht Haag

Die im vorigen Jahr verstorbene Hilde Roth hatte den wachen Blick einer Reportagefotografin für Situationen – und ganz offensichtlich verband diese Darmstädterin auch emotional viel mit ihrer Stadt und deren Menschen. Nur so erklärt sich, wie treffsicher und dabei immer wieder auch humorvoll sie zwischen 1950 und 1990 für das Darmstädter Tagblatt und das Darmstädter Echo festgehalten hat, was sich auf den Straßen, bei Festen, Modeschauen, den 98ern oder an der Tür zu einem Wahllokal abgespielt hat, um nur wenige ihrer zahllosen Szenerien zu nennen: Sie war ganz Zeitzeugin und zugleich so perfekt in Motiv und Ausschnitt, dass diese Bilder Jahrzehnte überdauern konnten, ohne an Reiz zu verlieren.

Das ist jetzt an den zehn Stationen einer Ausstellung in der Innenstadt zu sehen, die das Kunstforum der TU Darmstadt präsentiert. Kuratorin Julia Reichelt lädt dabei laut dem Titel der Schau zu einer „Zeitreise“ ein, die freilich bei einem Spaziergang durch die City zu erleben ist. Danach dürfte der Blick auf Darmstadt und die großen Veränderungen, die es in den Nachkriegsjahrzehnten erlebt hat, ein neuer sein, aber man wird auch erlebt haben, wie ähnlich Menschen sich doch in ihren Gesten, ihrem Lachen und der Freude an Gemeinschaft geblieben sind: „Es sind zeitlose Klassiker, humane Schätze“, wie Reichelt sagt.

„Zeitlose Klassiker, humane Schätze“

Der Kanzler der TU, Manfred Efinger, erzählte beim Presserundgang Ende Mai, wie die Idee zu einer Ausstellung vor ein paar Jahren geboren wurde: „Ich habe den Namen Hilde Roth auf Bildern von TU-Bauten der Nachkriegsjahrzehnte gefunden und mich daraufhin an Hilde Roths Tochter Corinna Hochrein gewandt, ob es noch mehr solcher Aufnahmen gebe.” Gedacht war an eine Kabinett-Schau im TU-Kunstforum. Doch dann kam nicht nur die Corona-Schließung der Ausstellungshäuser im vorigen Jahr, die nun zur zweiten Schau des TU-Kunstforums im Außenraum geführt hat.

Foto: Albrecht Haag
Foto: Albrecht Haag

Sondern tatsächlich wurde die schiere Menge der Bilder immer größer, die sich im Nachlass der 1927 in der Darmstädter Altstadt geborenen Fotografin fanden. Julia Reichelt und ihre Mitarbeiter konnten schließlich 115.000 Aufnahmen aus dem Nachlass Hilde Roths zur Digitalisierung geben, danach wurde gesichtet und ausgewählt. Jetzt kann man – auch dank der finanziellen Unterstützung vieler Partner vom Kulturfonds Frankfurt-Rhein-Main bis hin zu Privatstiftungen – 206 der Fotografien auf großen Metallgerüsten an sieben Stationen zwischen dem Georg-Büchner-Platz vorm Staatstheater und dem Alexander-von-Humboldt-Platz vor der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) bestaunen sowie weitere 300 Bilder auf Monitoren, die an drei Orten in Schaufenstern postiert sind, dazu gibt es einen dicken Katalog.

Aufbruchstimmung am Friedensplatz

Das Konzept der Schau überzeugt. Julia Reichelt lässt die Bilder gegliedert nach Jahrzehnten für sich selbst sprechen, denn sie spiegeln die sehr unterschiedlichen Lebensgefühle dieser vierzig Jahre. Auf dem Friedensplatz kommt die Aufbruchstimmung der Fünfzigerjahre dem Betrachter sehr nah, obwohl vielerorts noch Kriegszerstörungen die Stadt bestimmten und ein Hufschmied noch seines Handwerks nachging. Im Schlossgraben geht es um „Lifestyle und Lilien”, wobei die gezeigten Fußballer gerade aus heutiger Sicht in ihren schlichten Trikots, aber mit offenen Gesichtern nicht vom Sport als Business, sondern als Leidenschaft erzählen.

Foto: Albrecht Haag
Foto: Albrecht Haag

Die wilden Sechziger in einer doch eher „braven” Stadt haben ihren Ort auf der Schlossbastion und auf dem Plateau am „karo5“ gefunden, denn öffentlich protestiert wurde erst in den Achtzigern, wie vor der ULB zu sehen ist. Dazwischen lag als gravierender baulicher Einschnitt ins Stadtgefüge in den Siebzigerjahren beispielsweise der Neubau des Staatstheaters – nun im Rückblick zu erleben vorm Theater. Und fast könnte man meinen: Die allzeit streitbaren Darmstädter sind auf ihre Heiner-Art doch irgendwie eins. Schließlich treffen sich die Schriftstellerin Gabriele Wohmann und eine unbekannte hochbetagte Seniorin in ihren Porträts doch fast dörflich bei der Kastanie am Herrngarten.

Foto: Albrecht Haag

An zehn Orten – und in einem bildgewaltigen Katalog

„Hilde Roth – Eine Zeitreise durch Darmstadt 1950–1990“ ist bis 03. Oktober an zehn Stationen in der Innenstadt zu erleben: Bildwände stehen am Friedensplatz, Schlossgraben und -bastion, Plateau am „karo5“, Kastanie am Herrngarten, Alexander-von-Humboldt-Platz und Georg-Büchner-Platz beim Staatstheater. Dazu kommen digitale Fotoalben in den Schaufenstern der Buchhandlung am Markt, des Instituts für Neue Technische Form am Friedensplatz und im Luisencenter. Die Ausstellung ist ein Partnerprojekt der internationalen Fotografie-Triennale RAY Fotografieprojekte Frankfurt/Rhein-Main.

Bildgewaltig (ohne Bildlegenden) und fast 300 Seiten stark ist der Katalog zur Hilde-Roth-Schau. Gedruckt wurde der nostalgische Bildband – wie das P Magazin – von der in Roßdorf bei Darmstadt ansässigen TZ-Verlag & Print GmbH. Der Katalog ist für 32,90 Euro erhältlich bei der Buchhandlung am Markt, im Darmstadt Shop und in der Georg Büchner Buchhandlung.

 

Inspirierendes Echo

Diesen Artikel hat unsere Kollegin Annette Krämer-Alig, erfahrene Kulturredakteurin beim Darmstädter Echo, verfasst. Er ist bereits am 28. Mai 2021 „im Echo“ erschienen. Wir fanden und finden ihn inspirierend. Deshalb drucken wir ihn gerne auch hier im P ab. Garniert haben wir den Text mit aktuellen Bildern der Hilde-Roth-Ausstellung im Stadtraum von Albrecht Haag (Kunstforum der TU Darmstadt und Darmstädter Tage der Fotografie).

echo-online.de/kultur

tu-darmstadt.de/kunstforum

 

Video-Reportage zur Ausstellung

Einen Rundgang durch die Hilde-Roth-Ausstellung inklusive Interview mit Kuratorin Julia Reichelt hat P-Videoristi Jan Mangelsdorf gefilmt.

 

 

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