Foto: Angelina-Dalinger

Mai 2011. Ich bin auf dem Weg in die Centralstation. Im Schlepptau habe ich fünf aufgeregte 12-Jährige und ein Monstrum auf Rädern. Wir besuchen die erste Ausgabe von „Huch, ein Buch!“, das Darmstädter Jugend- und Kinderliteraturfestival. Das Monstrum ist unser Beitrag für den Wettbewerb „Mein coolster Lesesessel“.

Später äußert sich Tobias Elsässer, auftretender Autor dieses ersten Mals, wie folgt: „Backstage: warten, umdichten, prüfen, ob die Gesichter zu jung sind.“ Zum Buch, aus dem er und sein Kollege Jaromir Konecny lesen, heißt es auf der Verlagsseite: „Nachts. Am Tag. Nackt. Heiß. Erregt. Ohne Tabus. Voller Lust. Sechzehn Mal das Thema Nr. 1“.

Natürlich sind die Gesichter zwischen den gespitzten Öhrchen zu jung. Die Lesung daraus wird für die Besucher:innen also eine ganz besondere – extra umgedichtet nur für sie.

Auf dem Heimweg glühen Augen und Wangen meiner kleinen Meute. Den Preis für den coolsten Sessel haben sie nicht gewonnen, aber Adidas-Taschen voller Bücher und einen überaus spannenden Nachmittag voller Geschichten und aufregender Aussichten. „Mama, das war toll!“, schwärmt mein Töchterchen. „Und das ganze Festival nur für uns.“

Ich befürchtete damals, dass genau dieses Häufchen beseelter Kids das Aus für das Lesefestival hätte sein können. Denn Kulturveranstaltungen werden leider nicht am Begeisterungsgrad der einzelnen Besucher:innen bemessen, sondern an deren Anzahl. Doch die Veranstalter:innen Meike Heinigk (Kulturmanagerin), Ilona Einwohlt (Autorin) und Alfred Hofmann (Buchhändler) waren eine ideale Besetzung für den Job und ließen sich nicht beirren: Die Jugendlichen und Kinder Darmstadts und Umgebung brauchten ein Lesefest – und das sollten sie bekommen.

Im folgenden Jahr durfte ich das Festival gemeinsam mit Milena Baisch („Anton taucht ab“) eröffnen. Nach unseren Lesungen signierte Milena (Trägerin des Deutschen Jugendliteraturpreises) Autogrammkarten – und ich (Debütantin) kleine Handrücken in einem im Carree geparkten Lesebus, während Kinder draußen Buchstabensuppe schlürften.

Denn im zweiten Jahr verfestigte sich das Konzept des Festivals, Jugendlichen und Kindern das Erlebnis Buch besonders schmackhaft zu machen. Darum findet „Huch, ein Buch!“ unter einem besonderen Motto mit besonderen Büchern an besonderen Orten statt. In diesem Jahr zum 15. Mal.

Zielgruppe: Menschen zwischen 3 und 20 Jahren

Inzwischen richtet sich das einwöchige Lesefest an 2.000 Menschen zwischen 3 und 20 Jahren. 40 Seiten ist das Programmheft 2026 dick, das die Lesungen, Wettbewerbe und Workshops rund um das Buch und das Schreiben vorstellt. Unter dem Motto „Gemeinsame Sache“ werden Demokratie, Gleichberechtigung und Menschenrechte mit humorvollen Kinderbuchlesungen und literarischen, gesellschaftlich relevanten Jugendformaten, aber vor allem mit Freude, Spaß und einem Training für den „Mut-Muskel“ in den Fokus gerückt. „Das Festival ist wie ein Organismus gewachsen. Aus den Ideen und durch die Zusammenarbeit aller, die daran beteiligt waren“, erzählt Meike Heinigk, die hauptberuflich Künstlerische Leiterin der Centralstation ist.

Den großartigen Namen „Huch, ein Buch!“ schüttelte eine Kollegin der Centralstation aus dem Ärmel. Ein witziger Trailer wurde mit einer Schauspielerin des Staatstheaters gedreht. Das jeweilige Motto erspüren die Veranstalterinnen (inzwischen nur noch zu zweit) in der Zeit. „Wir fragen uns, was brauchen die Kinder und Jugendlichen in diesem Jahr?“, sagt Meike Heinigk. Auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt finden entsprechende Gespräche zu Neuerscheinungen statt. Viele Bücher werden gelesen. Lieblingsbücher zur Not ins Motto „hineininterpretiert“. Auch vor unbequemen Geschichten scheuen die Autorin und die Kulturmanagerin nicht zurück. Unvergessen ist die Lesung zum Thema Tod in der beeindruckenden Atmosphäre des Krematoriums auf dem Waldfriedhof.

Denn die besonderen Leseorte tragen die Bücher mit. So durfte ich aus meinem Abenteuer in der Kanalisation („Letzten Donnerstag habe ich die Welt gerettet“) im schaurigen Dämmer des gewölbten Künstlerkellers lesen. Franziska Gehm („Die Vampirschwestern“) warf im Schlosskeller mit signiertem Knoblauch um sich. Auf einem Hof in Brandau wurde Tanja Stewners Lesung („Liliane Susewind“) über das Gerenne einer Henne vom Gackern derselben begleitet. Gebannte Jugendliche lauschten einer Lesung über den ersten Sex und eine Teenagerschwangerschaft (Christiane Féher: „Elfte Woche“) unter den gestrengen Augen einer Wächterin des Schlossmuseums, die eigentlich darauf achten sollte, dass niemand die alten Wandteppiche anfasst.

„Bei den Autor:innen ist uns die Bühnenpräsenz wichtig, sie soll unbedingt auf Augenhöhe sein“, sagt Ilona Einwohlt. Denn hinter jedem Buch steckt ein Mensch und diesen in einem spannenden, lustigen und ehrlichen Gespräch kennenzulernen, ist für jedes Kind und jeden Heranwachsenden ein ganz besonderes Erlebnis: „Magie findet bei unseren Veranstaltungen immer statt.“

20.000 bis 25.000 Jugendliche und Kinder erlebten bis heute über das Festival Lesungen, Workshops, Theater, Konzerte und Begegnungen. Die ganz „Großen“ wie Paul Maar („Das Sams“), Peter Härtling („Ben liebt Anna“) und Grudrun Pausewang („Die Wolke“) waren dabei. Die „Berühmten“ wie Andreas Steinhöfel („Rico und Oskar“), Ingo Siegner („Ritter Rost“) und Finn Ole Heinrich („Frerk, du Zwerg“) kamen nach Darmstadt. Oder auch die „Wichtigen“ wie Kirsten Boje („Dunkelnacht“), Necati Öziri („Vatermal“) und Kirsten Fuchs („Mädchenmeute“). Insgesamt beehrten über 150 großartige Autor:innen das Lesefest.

Foto: Aziz Wakim

Eine Erfolgsgeschichte. Doch:

„Lehrer:innen schreiben uns in diesem Jahr, die Kinder hätten keine Lust zu lesen, darum würden sie nicht kommen“, erzählt Meike Heinigk. „Die täglichen Hürden im Schulablauf werden immer höher, sodass unser tolles Angebot weniger genutzt wird, als gedacht“, formuliert es Ilona Einwohlt weniger drastisch.

Dabei lösen die Ergebnisse der letzten IGLU-Studie (Internationale-Grundschul-Leseuntersuchung von 2023) die allerhöchste Alarmstufe aus: Jedes vierte Kind kann nicht ausreichend lesen, um eine weiterführende Schule zu besuchen. Das ist nicht nur für die persönliche Entwicklung dieser Kinder fatal, sondern auch für unsere Gesellschaft.

Untersuchungen der Freien Universität Berlin haben ergeben, dass beim Lesen freigesetzte Emotionen denen realer Erlebnisse entsprechen. Freude, die wir lesend empfinden, ist also eine wirkliche – ebenso Furcht, Grusel, Wut oder Liebe. Während unsere Augen den Zeilen folgen, entstehen Filme im Kopf. Lesend fliegen wir ins All, tanzen auf Bühnen, schwimmen mit Kraken in der Tiefsee oder verspeisen köstlichste Törtchen.

Foto: Eva Arnold
Foto: Eva Arnold

Lesen ist: Leben!

Über das Lesen können soziale Situationen eingeschätzt oder geübt werden. Kinder können sich durch Bücher und Geschichten in andere Menschen (und andere Wesen) hineinversetzen. Das wird auch Empathie genannt.

Zudem finden junge Menschen lesend ihren Platz in der Welt. So kann sich ein introvertiertes Kind sozialen Situationen aussetzen, ohne etwas riskieren zu müssen. Das empfundene Glück, mit Freunden ein Abenteuer (im Buch) bestanden zu haben, ist nachhaltig. Es macht Mut für Schritte im echten Leben.

Und: Kinder wollen lesen! Auch das wird durch Untersuchungen bestätigt. Allerdings nimmt die Leselust ab, wenn es keine Lesemöglichkeiten gibt. Bücher müssen eine selbstverständliche Präsenz im Leben haben – idealerweise von Anfang an in der Familie und in der Kita, spätestens jedoch in der Grundschule. Wer keinen Zugang zu Büchern hat, lernt schwerer lesen. Wer nicht lesen kann, verliert die Lust und das Interesse daran. Umgekehrt wächst die Leselust mit zunehmender Lesekompetenz. Auch dieser Zusammenhang ist gut erforscht.

Wenn Kinder sagen: „Ich habe keine Lust zu lesen“, dann waren ihre Zugänge zu Büchern eingeschränkt. Das kann und muss man ändern. Denn Lesen bringt nicht nur große Vorteile – Nichtlesen (oder nicht lesen können) hat massive Nachteile.

Menschen, die nicht ausreichend lesen können, sind kaum in der Lage, sich komplexe Informationen und Inhalte eigenständig zu erschließen. Sie sind abhängig von der Vermittlung und Interpretation anderer. Radikaler ausgedrückt: Sie sind leichtere Opfer für Manipulation und Erpressung (beispielsweise über „TikTok“). Wenn wir uns die gegenwärtige Weltlage ansehen, ist das besonders problematisch. Eine demokratische Gesellschaft kann unter solchen Bedingungen nicht stabil funktionieren. Es ist kein Zufall, dass der Wunsch nach autoritärer Führung in unsicheren Zeiten wächst, wenn gleichzeitig die Lesekompetenz sinkt.

Ganz klar eine Aufgabe der Politik, sich dringlichst um Leseförderung zu kümmern. Viele Studien weisen auf die Situation und ihre Gefahren hin und stellen Lösungen vor. Stattdessen in Hessen: minus 70.000 Fördergelder für Schulen, minus 300 Lehrer:innenstellen, minus 10.000 Unterrichtsstunden pro Woche. Ist das nur dumm oder schon böse?

Foto: Aziz Wakim
Foto: Aziz Wakim

Einheitssprech durch Large Language Models

Hinzu kommen die Auswirkungen der KI genannten Large Language Models (LLM), die inzwischen ihre eigenen Auswürfe fressen und das Wiedergekäute wiederkäuen. Das dabei entstehende Einheitssprech filtert nicht nur Realitäten, sondern nimmt auch die Fähigkeit, Gefühle, Situationen und Dinge differenziert zu beschreiben. Letztlich das Vermögen, sich wahrhaftig auszudrücken. Also, der umgekehrte Prozess, der beim Lesen eines guten, Empathie vermittelnden Buches einsetzt. Dennoch wird dieses lauwarme Geschreibsel zwischen zwei Buchdeckel gepresst und rangiert auf den Bestsellerlisten diverser Onlineanbieter ganz oben. Wer macht so etwas? Und warum?

Verzeiht mir Furor und Pathos. Aber man muss keine fantasievolle Autorin sein, um sich bei dieser Sachlage in Geschichten (gar Theorien) zu verheddern. Offensichtlich gelten lesende Menschen (vor allem Frauen und Kinder) und gute Bücher als gefährlich. Warum sonst wurde und wird der Zugang zum Lesen erschwert? Warum sonst wurden und werden Bücher verpönt, verboten und verbrannt?

Vielleicht ist das Quatsch, vielleicht stimmt ein Hauch, vielleicht bin ich einer ganz großen Sache auf der Spur – fest steht: Jugendliche und Kinder müssen (wieder) mit Freude Bücher lesen.

Wir brauchen kluge Töchter und feministische Söhne. Vor allem aber glückliche, empathische Kinder. Sie sind unser Jetzt und unsere Zukunft.

 

„Huch, ein Buch!“-Programm

Das Programm der diesjährigen Ausgabe von „Huch, ein Buch!“ umfasst 28 öffentliche Veranstaltungen an 13 lesetauglichen Kulturorten in 6 Tagen (vom 18. bis 23. Mai). Alle Details – auch zu Eintrittspreisen und Anmeldung – erfahrt Ihr online unter:

huch-ein-buch.de

 

Leselust fördern

Persönliche Tipps für Menschen mit Kindern:

– Niedrigschwelligen Einstieg wählen, zum Beispiel die großartigen „Lustigen Taschenbücher“.

– Vorlesen familiär zelebrieren mit Kuscheln, Gemütlichkeit und Zeit

– Bücher auswählen, die auch für Eltern spannend sind – die unabhängigen Buchhandlungen (Buchhandlung am Markt, Lesezeichen, Bessunger Buchladen, Georg Büchner Buchladen, Naamans Comic Cosmos) beraten gern und gut.

– Nach dem Lesen über die Geschichten sprechen, lachen, diskutieren und gemeinsam tiefer hineingehen.

– Bücher wie Grundnahrungsmittel immer ausreichend verfügbar haben (es gibt auch Stadtbibliotheken!).

– Kindergeburtstage zum Thema Buch ausrichten – zum Beispiel: literarischer Escape Room oder literarische Schnipseljagd, weitere Ideen online auf der Seite der Akademie für Leseförderung Niedersachsen: alf-hannover.de/materialien/praxistipps

– Sich für die aktuelle Literatur der (eigenen) Kinder interessieren. („Was liest du denn gerade? Erzähl mal.“)

Hintergründe, Tipps, Projekte und Initiativen zur Förderung der Sprach- und Lesekompetenz listet die Website des DIPF Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation online auf: lesen-in-deutschland.de/land/hessen