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Foto: Cem Tevetoglu

Es ist die Nacht vom 23. auf den 24. November 1992. Das Haus der Familie Arslan in der Mühlenstraße in Mölln brennt lichterloh. Wenige Minuten zuvor haben zwei ortsbekannte Neonazis Molotow-Cocktails angezündet und ins Treppenhaus geworfen. Der einzige Fluchtweg ist eine Feuerwand. Großmutter Bahide wickelt den 7-jährigen Ibrahim geistesgegenwärtig in nasse Tücher und bringt ihn in die Küche. Sie rettet Ibrahim damit das Leben. Im Flammen-Inferno kommen die 51 Jahre alte Großmutter Bahide, Ibrahims 10-jährige Schwester Yeliz und seine 14 Jahre alte Cousine Ayse Yilmaz, die für zwei Wochen zu Besuch in Mölln war, ums Leben. Ibrahim überlebt wie durch ein Wunder.

Wenn auf dem Herd etwas anbrennt, er Böller knallen hört oder ein Feuerwerk am Himmel sieht, kommen die Erinnerungen hoch, erklärt Ibrahim, als wir ihn im Rahmen einer Veranstaltung der städtischen Reihe „25 Jahre Hoyerswerda. Gedenken – Sensibilisieren – Informieren“ im Programmkino Rex treffen. Ein trockener Husten ist zu seinem chronischen Begleiter geworden. Das traumabedingte Räuspern ist seltener, seit er an der frischen Luft arbeitet. Ibrahim Arslan, heute 31 Jahre alt, ist sehr klar in seinen Aussagen. Seine Mission: den Opfern und Überlebenden rassistisch motivierter Gewalttaten eine starke und nicht zu leise Stimme zu verleihen. Ständig ist er an Schulen und in Vortragssälen in ganz Deutschland unterwegs, um die Perspektive der Opfer und Überlebenden in den Vordergrund zu rücken. Denn die ist in der Öffentlichkeit kaum präsent.

Ibrahim ist im Jahr 2000 aus Mölln weggezogen. Mit Mölln verbindet er die schlimmen Erlebnisse des Anschlags – aber auch die Anfeindungen und das Unverständnis ihm und seiner Familie gegenüber danach. „Nicht die Nazis, wir waren der Schandfleck von Mölln“, sagt Ibrahim. Mölln – „die Eulenspiegelstadt“ – ist nur noch der Ort, den er einmal im Jahr zum Gedenken an den Anschlag besucht. Aus Deutschland wegzuziehen, habe er nie ernsthaft erwogen: „Es gibt ja auch viele Menschen, die solidarisch mit uns sind. Außerdem: Wenn ich auswandere, wandert meine Geschichte aus.“ Wir sprachen mit ihm über grassierende Fremdenfeindlichkeit, die Verantwortung von Politik und Gesellschaft sowie respektvolles Gedenken.

 

Ibrahim, kannst Du Dir die aktuellen Wahlerfolge der AfD erklären?

Ich vergleich das immer mit den 90ern. Die Problematik ist ähnlich: Früher gab es Hetzkampagnen von rechten Parteien. Die Sätze wiederholen sich. „Das Boot ist voll“ hieß es damals. Ein Satz, der sich in unsere Köpfen eingebrannt hat. Und auch heute heißt es, wir könnten keinen mehr aufnehmen. Damals haben sie die Parole gegen Asylanten benutzt, heute sind die Flüchlinge Schuld. Was mich echt in Furcht versetzt: Teilweise sind es Migranten, die die AfD wählen. Es gibt sogar einen Vorsitzenden in der AfD [im Stadtverband Winsen, Landkreis Harburg], der türkische Wurzeln hat. Fatih Sarikaya heißt er.

Glaubst Du, der Erfolg der AfD ist nur ein Zeitgeist-Phänomen, das vorübergeht?

Man muss sich fragen: Wer sind die Feinde für die Rassisten, wenn die Flüchtlinge weg sind? Das Problem ist der latente Rassismus und die Vorurteile. Eine zwölfjährige Schülerin, Türkin, sagte mir neulich bei einem meiner Vorträge: „Die Flüchtlinge nehmen uns unsere Arbeitsplätze weg. Mein Vater arbeitet seit 50 Jahren hier und ich habe Angst, dass er bald keine Arbeit mehr hat und ich auch keine finden werde.“ Als ich ihr erklärt habe, dass Flüchtlinge gar nicht so einfach arbeiten können, hat sie mich angeguckt wie ein Auto, das wusste sie nicht. Die Leute kennen die Probleme der Flüchtlinge nicht, sie argumentieren mit Vorurteilen. Wir müssen an unseren Vorurteilen arbeiten.

Du sagst bewusst: Wir?

Ja, wir Deutschen. Ich fühle mich als Deutscher, ich bin ein Teil dieses Landes, weil ich hier geboren und aufgewachsen bin. Ich habe mein ganzes Leben in Deutschland verbracht, habe den deutschen Pass. Wir solidarischen Menschen müssen unsere Augen aufmachen und andere Menschen, die noch nicht solidarisch sind, auffordern, solidarisch zu werden mit diesen Flüchtlingen. Sie wurden verfolgt, haben Schlimmes erlebt. Dann kommen sie zu uns und müssen gegen Rassismus ankämpfen, werden Opfer von rassistisch motivierter Gewalt. Es ist kein Zufall, dass aktuell so häufig Flüchtlingsunterkünfte brennen – jetzt, wo die AfD solch einen Höhenflug hat. Solche Arten von Parteien, solche Denkweisen, haben dieses Land sehr oft in den Ruin getrieben. Wir dürfen das nicht noch einmal haben.

Das klingt nicht sehr hoffnungsvoll.

Nein. Besonders schlimm ist für mich, dass sich viele Migranten solidarisch mit den AfD-Leuten fühlen. Was aber Hoffnung macht: Die Solidarität gegen Rassismus ist viel stärker geworden als beispielsweise in den 90ern. Wenn die AfD mit 1.000 Leuten demonstriert, kommen 10.000 Gegendemonstranten. Es ist auch unsere Pflicht, uns dem entgegenzustellen. Wir müssen nicht erst warten, bis wir selbst davon betroffen sind. Indirekt sind wir sowieso alle betroffen von Rassismus.

Sind die sogenannten Sozialen Medien Teil des Problems? Über sie kann ja jeder nach wie vor ziemlich unkontrolliert Hetze und Vorurteile verbreiten.

Die Rassisten nutzen die Neuen Medien aus, das stimmt. Sie hetzen und bekommen darüber neue Mitstreiter, gerade bei den jungen Menschen. Das macht mir Furcht.

Die Täter sind also sehr präsent …

Ja. Im Gegensatz zu den Opfern. Die Opfer-Perspektive fehlt. Ein Beispiel: Wenn Du einen Doku-Fernsehsender einschaltest, laufen dort jeden Tag Dokumentationen über Adolf Hitler. Wenn man sich die ganze Zeit mit der Täter-Perspektive auseinandersetzt, empfindet man irgendwann automatisch eine Sympathie für die Täter, das ist die menschliche Biologie. Jeder Jugendliche, der sich das anschaut, denkt: „Na, so schlimm war er ja gar nicht. Es gab auch gute Sachen“ und so weiter. Das müssen wir vermeiden, genau da müssen wir die Jugendlichen holen. Wir müssen die Opfer-Perspektive in den Vordergrund stellen.

Das tust Du ja unter anderem bei Deinen zahlreichen Vorträgen in Schulen deutschlandweit. Findest Du dort ausreichend Gehör?

Ich arbeite daran. Das Problem ist auch dort: Wenn ich frage: „Wer von Euch kennt Enver Şimşek und Süleyman Taşköprü?“, gehen nur wenige Finger hoch. Die Namen der Mordopfer des NSU-Terrors sind vielen unbekannt. Beate Zschäpe dagegen kennen alle. Es reicht nicht, einmal im Jahr, zum Gedenktag, an die Opfer zu erinnern. Die Opfer und Überlebenden rassistischer Gewalt müssen präsent sein, damit die Menschen Sympathie zu ihnen entwickeln können, sich stärker mit ihnen identifizieren als mit den Tätern und sich dadurch solidarisch mit den Opfern zeigen. Wenn die Solidarität stark genug wird, können solche Taten aufhören.

Du hast also Hoffnung, dass die Empathie mit den Opfern und Überlebenden wächst?

Ja. Das ist auch das, was mich antreibt. Ich habe vor wenigen Wochen vor 600 Schülern gesprochen. Es kamen dann mehrere Schüler zu mir und haben mir erzählt, dass sie sich in letzter Zeit durch die Berichte der Medien, durch die AfD-Hetze von den Flüchtlingen entfernt haben. Aber durch meinen Auftritt motiviert, möchten sie jetzt etwas für Flüchtlinge tun. Ich bin kein Flüchtling und ich mache auch keine Flüchtlingspolitik. Aber ich sensibilisiere dafür, die Opfer-Perspektive einzunehmen. Und es klappt … immer wieder.

Was kann die Politik dazu beitragen?

Die Opfer und Überlebenden stärker unterstützen, ihnen zuhören und sie einbinden – bei Gedenkveranstaltungen zum Beispiel. Wir organisieren in Mölln mittlerweile unsere eigene Gedenkveranstaltung, weil wir auf der städtischen nur Staffage waren und nicht zu Wort kamen. Dabei sind wir die Experten, wir müssen in den Vordergrund treten und unsere Geschichte wach halten. Es gibt jetzt also zwei Veranstaltungen: die städtische und unsere. Was auch krass ist: Verurteilte Täter bekommen nach dem Gefängnis ohne Weiteres psychologische Betreuung. Opfer müssen darum kämpfen, oft unzählige Anträge stellen. Ich musste elf Jahre vor Gericht darum kämpfen, als Opfer anerkannt zu werden. Jetzt, nach elf Jahren, bekomme ich eine Opfer-Entschädigungs-Rente. Ich musste meine Behinderung – eine posttraumatische Belastungsstörung – nachweisen. Das müssen die Täter nicht.

Es gibt also noch viel in Sachen „Opfer-Politik“ zu verbessern.

Ja, gerade, was Institutionen angeht. Ich baue aktuell ein bundesweites Netzwerk für Opfer und Überlebende auf. Das gibt es noch nicht. Dabei geht es darum, das Erlebte auszutauschen, aber auch darum, wie ich psychologische Beratung bekomme, Opfer-Entschädigungs-Rente, wie Gedenkveranstaltungen respektvoll organisiert werden können und so weiter. Ich verstehe auch nicht, warum in Opferberatungsstellen keine Opfer als Berater im Einsatz sind. Wir können doch am besten und direktesten weiterhelfen.

Politiker versuchen, ihr Mitgefühl durch Gedenkveranstaltungen zu zeigen.

Nein. Die Politik versucht, die Opfer und Überlebenden zu instrumentalisieren. Sie gehen nicht auf Wünsche und Forderungen ein. Sie möchten nicht zuhören. Ich habe Süleyman Taşköprüs Bruder Osman kennengelernt. Er hätte gerne einen „Walk of Fame“-Stern zum Gedenken an seinen Bruder bekommen, weil sein Bruder das geliebt hat. Doch was hat die Stadt gemacht? Sie hat stattdessen eine Straße nach Süleyman Taşköprü benannt. Das kann doch eigentlich nicht so schwer sein, solche Wünsche der Opfer zu erfüllen. Wir lassen uns das nicht mehr gefallen. Dann organisieren wir das Gedenken eben selbst.

Noch skandalöser verhalten sich die Ermittlungsbehörden. Nicht nur bei den NSU-Morden wurden zuallererst Familien und Umfeld der Opfer verdächtigt, auch schon in Mölln 1992 wurde anfangs in diese Richtung ermittelt.

Man muss sich das vorstellen: Bei uns gab es einen Bekenner-Anruf bei der Polizei: „Wir haben ein Haus angezündet. Heil Hitler!“ Dennoch suchte man den Täter erst einmal in unserer Familie. Für mich ist klar: Der Staat ist auf dem rechten Auge blind. Hinzu kommt, dass die Polizei praktisch gezwungenermaßen erst im direkten Umfeld der Opfer ermittelt, das ist eine Standard-Prozedur. Was Medien und Öffentlichkeit dann daraus machen, ist eine Katastrophe. Auch in Mölln war das so. Leute, die uns jahrelang kannten, haben meinen Vater beschuldigt. Diese Täter-Opfer-Umkehr muss aufhören. 99 Prozent der Opfer und Überlebenden werden psychisch krank durch diese Stigmatisierung, diese Vorwürfe und Verdächtigungen. Wieso macht man so etwas mit uns? Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut. Wieso spielt man mit unserer Psyche? Zum einen die Tat, aber auch die Erlebnisse danach haben uns kaputtgemacht.

Was kann die Gesellschaft daraus lernen und besser machen?

Wir müssen erreichen, dass bei solchen Taten, bei denen Menschen sterben, die einen migrantischen Hintergrund haben, zuallererst von einem rassistischem Tathintergrund ausgegangen wird – bis das Gegenteil bewiesen wird.

Hast Du das Gefühl, dass die Spannungen in der Gesellschaft in jüngster Zeit zunehmen?

Das Problem ist die Angst. Die Angst vor dem Anderen. Angst vor Menschen, die anders aussehen, eine andere Kultur haben, anderes Essen essen, andere Gedanken haben. Dabei müssen wir voneinander lernen, uns neue Sachen aneignen, andere Kulturen kennenlernen. Das zeichnet für mich Multikulturalismus aus. Ganz zentral ist für mich der Satz: Heimat ist ein Gefühl, kein Land. Egal, wo ich bin auf der Welt: Ich muss mich dort wohlfühlen. Scheißegal, wie das Land heißt oder welche Flagge es hat. Ich fühle mich da wohl und kann mir die Kultur aneignen. Was ist daran so schlimm? Wenn ich das nicht möchte, ist es aber auch nicht schlimm. Jeder sollte seinen eigenen Mix finden. Ich finde deshalb auch Integration einen total schlechten Begriff, ich würde ihn ersetzen durch: Toleranz. Es ist wichtig, andere Kulturen zu tolerieren, andere Hautfarben, andere Geschlechter, andere Sexualitäten, Krankheiten. Am Ende sind wir doch alle Adam und Evas Söhne und Töchter und diese Erde ist nur ein Stück Sand, das können wir doch mal teilen.

Also wird alles gut?

Ich hoffe es. Wichtig ist, nicht zu verallgemeinern. Ich sage ja auch nicht, dass alle Deutschen Rassisten sind, weil unser Haus von zwei deutschen Nazis angezündet wurde. Wir dürfen nicht alle in einen Topf werfen. Ganz wichtig ist für mich: Der Kampf gegen Rassissmus ist nicht unrealistisch, wir können Rassissmus besiegen! Im Sinne Che Guevaras: „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“

 

Möllner Rede im Exil und Soli-Konzert

Seit 2012 organisiert die Familie Arslan – unterstützt vom Freundeskreis „Gedenken Mölln 1992 – reclaim and remember“ – ihre eigene Gedenkveranstaltung. Eine zentrale Rolle spielt dabei die „Möllner Rede“. Sie ist eine kritische Bestandsaufnahme zum gesellschaftlichen Rassismus, Neonazismus und Umgang mit Gedenken. Es gibt sie seit 2009, seit 2013 wird sie im Exil gehalten, weil sie von offizieller Seite „nicht mehr am Jahrestag als Bestandteil des offiziellen Programms durchgeführt werden soll.“ Die Möllner Rede im Exil zeige, wie umkämpft Erinnern ist und warum es immer wieder darum geht, das Erinnern zu erkämpfen, so Ibrahim Arslan. Auch Solidaritätskonzerte mit namhaften Künstlern sind Bestandteil des Gedenkens, 2012 standen Jan Delay und Samy Deluxe auf der „reclaim and remember“-Bühne.

Aktuelle Infos unter: www.gedenkenmoelln1992.wordpress.com

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