Foto: Jan Ehlers

Es gibt schon unmögliche Leute in Lebensmittelgeschäften. Und dabei meine ich keine verstörten Menschen, die augenlidzuckend dem Hamsterkauf frönen. Nein, ich meine unter anderem die Raser. Der Einkauf ähnelt momentan dem Straßenverkehr: Vorfahrt beachten, Bremsweg zum Vordermann, das Verhalten im Stau.

Durch die allgemeine Verunsicherung liegen die Nerven blank wie hinterm Steuer. Und so cruisen ein paar Tiefenentspannte durch die Menge derer, die sich selbst der Nächste sind. Im Gegensatz zum Berufs- und Autobahnverkehr, woher wir sie kennen und geringschätzen, werden Selbige nach der Pandemie auch wieder verschwinden – und wir Otto-Normalverbraucher wieder unter uns sein. Dann läuft auch wieder echte Einkaufsmusik.

Denn im Supermarkt läuft momentan ständig „You’ll Never Walk Alone“. Was stimmt, zumindest nach 8.30 Uhr. Zusammenstehen im Supermarkt, wo man doch Abstand wahren sollte, unter all den Fremden. Ob das Umarmungslied Nummer 1 jetzt wohl das Richtige ist? Ich bin da etwas eigen und denke: Das Lied ist so traditionell Liverpool, dass es nur kracht! Mittlerweile ist es zur Gänze englisches Kulturgut, von dem wir besser die Finger lassen sollten. Das galt in den Stadien und gilt vor allem in einem florierenden Ladengeschäft. Ich kaufe lieber bei Dur ein, als in Moll. Es läuft ja auch kein Bach während des Einkaufs, sondern eher Mozart.

„Wie schön, dass Du geboren bist“, wäre doch was, um die Käufer in a swinging mood zu versetzen. „Morning Has Broken“ oder „Life Is Life“. „Deutsches Gemüse“. Und natürlich „Rücksicht“, von Hoffmann und Hoffmann, wobei man das doch nicht nehmen kann, weil Hoffmann in Rio aus dem Fenster in den Tod gesprungen ist.

So kommt man aber schnell zur Liste der Titel, welche einst nach 9/11 nicht im Radio gespielt werden durften. Von AC/DC landeten „Shot Down In Flames“ und „TNT“ auf ihr. „Jump“ und „Burning Down The House“ natürlich, genauso wie „Live And Let Die“ (beide Versionen). Aber auch die Beastie Boys mit „Sabotage“, U2’s „Sunday Bloody Sunday“, „Holy Diver“ von Dio, „The End“ und „She’s Not There“ von den Zombies. Sogar Lieder, ohne die ich mir einen Tag US-Radio gar nicht vorstellen kann, waren untersagt: „Dust In The Wind“ von Kansas, Phil Collins’ „In The Air Tonight“ sowie „Jet Airliner“ von der Steve Miller Band.

Doch zurück zur Liste der positiven Lieder. Denn umgekehrt wird ein Schuh draus: Bernd Stelter, der Mike Krüger des Karnevals, sollte uns mit verballhornten Songtextzeilen nationaler und internationaler Gassenhauer aus dem Einkaufsradio beschallen. Und wo bleibt eigentlich Jürgen von der Lippe, wenn man ihn braucht? Reinhard Mey mit einem Abstandslied voller Augenzwinkern hinter der Maske und von mir aus auch einer Bridge in Französisch. Helges Einkaufswagen-Song. Blümchen. Der Mainzelmännchen-Warentrennhölzchen-Song. Was weiß ich! Lieber DJ-Discounter, lass Dir was einfallen. Aber auf keinen Fall was Polonaiseartiges, denn das Einkaufsradio läuft auch im Rheinland.

 

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