Foto: Jan Ehlers
Foto: Jan Ehlers

Auch wenn nicht sofort erkennbar: Darmstadt gehört seit jeher zur Bundesliga in Sachen HipHop. Namen gibt es viele – mit indirektem (Marteria/Marsimoto) oder direktem Bezug (Olexesh, Yassin, Mädness, Bessunger Hills, Manges und mehr). Das war vor Kurzem sogar dem großen HipHop-Magazin „Juice“ einen sechsseitigen Artikel wert. In Darmstadt selbst sorgen derzeit vor allem die Jungs von IDC für ein Weiterbestehen dieser Subkultur. Das P traf sich mit Michael Haag („Tosh Taylor“), Sven Ortlepp („Quickness“) und Daniel Bogosyan („diggyDAN“) zum Plausch über Lust und Frust als Veranstalter, eine US-Comedyserie und Freiraum im Radio. Treffpunkt: der Kiosk „Oase“ direkt am Jugendstilbad.

Das P: Warum treffen wir uns ausgerechnet hier? [laute LKWs rumpeln an uns vorbei]

Michael: Ich hänge hier gerne ab. Das hat so was Urbanes, kein Schnickschnack. Passt zu meiner Auffassung von HipHop.

Okay, verstehe. Eine Veranstaltungsreihe nennt Ihr ja auch bewusst „Urban Styles“.

M: Genau. So wie HipHop eigentlich mal anfing in den 1970ern. In Hinterhöfen und verdreckten Straßen. Und IDC steht für „I Don’t Care“. Jeder hat teils unterschiedliche musikalische Hintergründe, aber das ist egal.

Sven: Das ist auch mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Wir machen unser Ding, sind die Köche, nehmen aber gerne immer unterschiedliche Dinge dazu. Wir haben offene Ohren für das, was kommt.

Wie kamt Ihr mit der Musik und Kultur erstmals in Berührung?

M: Ich bin durch Skateboard-fahren früh damit in Kontakt gekommen. Da hörte man standardmäßig Punk und HipHop – und in den Skate-Videos liefen Gang Starr, Common, DJ Premier, Cypress Hill, solche Sachen eben.

Daniel: Bei mir waren es meine zwei älteren Brüder, die mich früh damit in Verbindung brachten – vor allem eben auch die „Golden Age“-Zeiten der 1990er, wo dermaßen viele gute Sachen rauskamen.

S: Bin auch durch meinen älteren Bruder auf HipHop gekommen. Hatte mich vor allem früh für Graffiti interessiert. Es gibt Fotos, da bin ich 11 und stehe vor einem voll gesprühten Auto [dürfte strafrechtlich verjährt sein, liebes O-Amt]. Damals gab es noch coole Shows im Fernsehen, wo ich Sachen wie Gravediggaz sah. Meine erste Platte von KRS-One habe ich dann beim Thomas Hammann im Pentagon gekauft.

[das P schmunzelt]: Durch Thomas und das Pentagon begannen echt viele Karrieren. Wie und wann ging es mit IDC los?

M: Mit Daniel und damals noch Bastian Kühn habe ich 2004 IDC gegründet. Sven kam 2007 dazu. Und Christof Wilde („MVP“), der heute beim Interview fehlt. Anfänglich dachten wir noch nicht an ein Label, eher an eine Plattform für Gleichgesinnte. Wir konnten damit viele Leute aus unserem Umfeld pushen und gingen daher auch immer mehr zu eigenen Produktionen über. Es gab seit 2006 dann viele Mixtapes mit Instrumentals, die wir rausbrachten. Das hat sich als Medium ja mittlerweile aufs Internet mit Plattformen wie Soundcloud, Mixcloud oder Bandcamp übertragen.

Auf Eurer Label-Webseite steht „HipHop“, aber ebenso auch „Funk“ und „Drum’n’Bass“ als Genres.

D: Am Anfang war das sinnvoll, da gab es mehr Überschneidungen. Ich war damals auch viel in Sachen Jungle und Drum’n’Bass unterwegs. Aber mit der Zeit war bei Partys die Konzentration auf eine Geschwindigkeit und ein Spektrum passender.

M: Es gab aber immer auch coole Kooperationen mit den Drum’n ‚Bass-Leuten von Pussy Jungle oder der Dubstep-Crew von Chrome. Wir sind da auch weiterhin offen, obwohl unserer eigener Schwerpunkt mittlerweile klar bei HipHop liegt.

S: Hat aber lange gedauert, bis wir als DJ-Crew ernst genommen wurden. Wir mussten uns das hart erspielen. Aber wir haben dann auch schnell neue Leute angefixt.

Ihr seid mit Euren Veranstaltungen mittlerweile ja über die ganze Stadt verteilt.

M: Unterschiedliche Locations bieten unterschiedliche Möglichkeiten. Unsere feste „Urban Styles“-Reihe im Schlosskeller [der hoffentlich Mitte Februar wieder öffnet] passt zum Beispiel am besten zu DJ-Nächten. Da hatten wir schon namhafte Künstler wie Mirko Machine, Kitsune, Suff Daddy, Dusty oder Sepalot von Blumentopf.

Es gab eine Zeit lang unter dem Titel „Rugged Audio“ vor allem in der „Krone“ äußerst gut besuchte Konzerte, teils sogar mit legendären Größen des US-Rap.

M: Ja, wir hatten auch viele bekannte deutsche Rapper wie Tone, Megaloh, Taktloss, Betty Ford Boys, DCVDNS oder Morlockk Dilemma. Aber die Konzerte mit US-Legenden wie Master Ace, The Doppelgangaz, Sean Price und Jeru The Damaja bringen natürlich die meiste Aufmerksamkeit.

Wie war das eigentlich mit MC Fitti, der mal eher ungeplant eine Party von Euch in der superengen „Rocky Bar“ enterte?

S: Das war bizarr und letztlich eher uncool. Lass uns da gar nicht viele Worte verschwenden.

Ah okay. Warum ging es insgesamt mit den Konzerten in der „Krone“ nicht mehr weiter?

M: Ohne zu viel sagen zu wollen: Die Rahmenbedingungen wurden schlechter und wir fühlten uns ein bisschen wie Bittsteller. Auch unsere Besucher, die teils von weit her kamen, fühlten sich teils etwas unwohl wegen der Türsteher. Ich will daraus aber kein Politikum machen. Die Sache ist gegessen.

Und wo geht es weiter?

S: Es ist unheimlich schwer, kostendeckend zu arbeiten bei größeren Bookings – Gewinne kann man damit eigentlich gar nicht machen, wenn einem eine Location nicht gehört. Daher nicht ganz einfach in Darmstadt. Es fehlt an passenden Bühnen und wenn, muss man teils ganz unterwürfig anklopfen. Wenn der Schlosskeller wieder aufmacht, haben wir wenigstens da eine feste Location für unsere DJ-Nächte.

Ihr veranstaltet ja auch einmal im Jahr den über einen ganzen Tag laufenden Herrngarten-Jam – mit Live-Musik, Graffiti, DJs, Barbecue und mehr.

M: Im Herrngarten ging es 2008 los. Vorbild waren die Jams vom Phonk D im „roboplot“ im Johannesviertel. Der Aktivspielplatz mit seinem Basketballfeld im Herrngarten bot sich einfach an. Das Kulturamt und Rainer Klaus von der Jugendförderung waren da von Anfang sehr angetan von der Idee und unterstützten uns nach Kräften. Das erleichtert vieles.

S: Es war dann eher ein logistisches Problem, genügend Sperrholz-Platten für Graffiti vom Sperrmüll anzukarren. Wir betreiben das ja auch fast alles ohne Sponsoren und mit extremem Zeitaufwand. Trotz vieler Helfer bleibt das Meiste ja doch bei uns hängen. Und wir müssen selber für Schäden aufkommen, tragen also das Risiko. Das schafft man nur, wenn es eine absolute Herzenssache ist. Großen Dank übrigens an alle, die uns in den acht Jahren unterstützt haben.

IDC funktioniert ja nicht nur als Plattform, sondern auch als Label.

M: Genau, als Label ging es sozusagen offiziell erst 2010 los mit dem Album „Abrissarbeiten“ von MPT [Darmstädter HipHop-Urgestein]. Es gab vorher schon die Mixtapes – und ich hatte die Darmstädter Szene immer sehr aktiv verfolgt, hatte Scratches für „Böse Zungen“ [eine der ersten Darmstädter HipHop-Crews mit Digga Ras, Bruder Jakob und Wacks] gemacht und mit Phonk D und Mädness zusammen gearbeitet. Da habe ich auch gelernt, wie solche Projekte mit Timeline laufen, also strukturiertes Arbeiten. Dadurch kam auch der Kontakt zum HipHop-Duo Baggefudda und somit zu MPT. Und da sein eigentliches Label „Kehlkopf“ gerade ausgelastet war, haben wir seine Platte rausgebracht.

Was kommt demnächst?

M: Ich bringe im Mai eine Platte von mir raus: „Tool Time“ (Vinyl und digital). Das wird ein Instrumental-Album mit Scratches‘. Insgesamt zehn Stücke.

Gab es irgendwelche HipHop-Vorbilder wie X-ecutioners oder DJ Shadow für so ein reines Instrumental-Album?

M: Ich mag die natürlich, aber das ist vom Sound überhaupt nicht vergleichbar. Bei mir sind es meist so 1970er Sample- und Break-Sachen.

D: Der Michi ist eher vergleichbar mit Pete Rock oder DJ Premier als mit Madlib. Also eher klare Struktur als komplett außergewöhnlich aus der Reihe fallen. Der Tosh kann sehr gut scratchen, aber ist kein Typ, der dir fünf Minuten lang die Ohren zukratzt. Von dem kannste daher keine reine „Turntablism“-Platte erwarten [Turntablism = formvollendete Kunstform des DJing].

Stimmt. So wie bei Gitarrenwichser-Platten. Die können auch schnell übertreiben.

S: Und warum macht der Michi es nicht? Weil er’s kann. Wer’s kann, muss sich nicht beweisen. [Michael lächelt verlegen.].

D: „Tool Time“ ist übrigens eine fiktive Heimwerker-Sendung aus der US-Comedyserie „Hör mal, wer da hämmert“ aus den 1990ern – mit der Hauptfigur Tim Taylor (Schauspieler Tim Allen) als Heimwerker-König. Und weil der Michael auch alles selber baut und bastelt, nannten wir ihn dann irgendwann passend nur noch Tosh Taylor‘.

S: Der Michi wird auf alle Fälle mal im Baumarkt landen, wenn’s mit HipHop nicht klappt. [Alle lachen.]

Und zusammen macht Ihr auch noch eine Radiosendung bei Radio Darmstadt?

M: Unser neuestes Projekt. Wir spielen dort viel Musik, die wir nicht unbedingt auf Partys auflegen. Gerne auch abseits der üblichen Genres und altes Zeug. Im Radio geht das eben. Allerdings haben wir die Sendung auf Radio Darmstadt aus Zeitgründen einstellen müssen. Es gibt sie aber noch auf Soundcloud.

S: Es wird live gemixt, aber wir haben auch immer mehr Wortbeiträge, um zu erklären, warum wir was wie spielen. Es ist einfach schön, eine Art Hör-Raum zu haben, den man ganz eigen gestalten kann. Weit freier als auf Partys, wo man doch gewissen Zwängen unterliegt. In anderen Ländern haben HipHop-Radiosendungen auch weiterhin eine große Tradition. Man muss nur die Leute dazu kriegen, diese zwei Stunden mit uns zu teilen. Die können ja nebenbei Zwiebeln schneiden.

Dann müssen sie aber sicher heulen. Trotzdem schönes Schlusswort. Danke für das Interview.

 

IDC Urban Styles

Mit: Bluestaeb (Paris), Quickness, Tosh Taylor, MVP, diggyDAN

Schlosskeller | Sa, 16.04. | 22 Uhr | 5 Euro

 

www.facebook.com/idontcarerecords

www.soundcloud.com/vibinsounds

www.soundcloud.com/idc-records

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