Foto: Jan Nouki Ehlers
Foto: Jan Ehlers

Schlafzimmer und Diskotheken haben gemeinhin wenig gemein. Biorhythmisch schon mal gar nicht. Manche Partypeople wirken eher, als hätten sie seit Wochen keinen Schlaf mehr gehabt. Das gilt nicht für Franziska Maurer (23) und Dominik Schmidt (25), obwohl sie die Hälfte ihres Lebens in Diskos und Konzertsälen verbringen. Die beiden wirken als Bedroomdisco ziemlich ausgeschlafen. Sollte man auch sein, wenn man innerhalb von knapp drei Jahren in Darmstadt eine Art Mini-Kulturimperium aufgebaut hat – bestehend aus Radiosendung, Konzerten, DJ-Nächten und einem bundesweit frequentierten Web-Blog. Das ist verdammt zeitintensiv. Und doch setzen die beiden noch eins drauf und veröffentlichen die Hörspiel-Fassung eines Buches des Intro-Redakteurs und Exil-Darmstädters Linus Volkmann. Der war Mitte der 1990er verantwortlich für das legendäre Darmstädter Fanzine „Spielhölle“. Ganz aufgeregt blättern Franziska und Dominik in zwei damaligen Ausgaben.

 

Franzi [kringelt sich]: Der war schon früher als Schreiber so verdammt witzig.

P-Magazin: Definitiv. Das Fanzine war klasse. Ist aber auch bei manchen angeeckt, die ihm wegen schlechter Rezensionen wörtlich „die Fresse polieren“ wollten. Und er hat in Darmstadt das Herz so mancher Frau gebrochen.

F [erstaunt]: Echt? Linus? Der wirkt überhaupt nicht so. Er guckt doch immer so lieb.

Jaja, dieser nerdige Dackelblick macht Frauen schwach. Den hat Dominik ja auch drauf. Wie kam es denn zum Kontakt mit Linus?

Dominik [mit irritiertem Blick]: Ich hatte 2008 ein halbjähriges Praktikum beim Musik-Magazin Intro in Köln gemacht. Linus ist dort ja stellvertretender Chefredakteur. Der Kontakt brach nie ab, daher kamen wir auf die Idee, dass …

Langsam. Erst mal zu Bedroomdisco. Seit wann kennt Ihr Euch?

F: Seit Oktober 2006 – Immatrikulation an der FH Dieburg im Bereich Media Productions. Er stand vor mir in der Schlange und quatschte ohne Ende.

D: Du aber auch. Wir fanden uns gleich sympathisch. Hab Dich danach noch die zwei Meter zum Bahnhof gefahren.

F: Und der alte Schürzenjäger wollte gleich meine Handy-Nummer haben. Aber eins vorweg, da auch Linus immer vom „Pärchen aus Darmstadt“ spricht: Wir sind und waren nie ein Paar.

D: Nur als DJs. Es ging immer um Musik – da passten wir gleich zusammen … [räuspert sich] na ja, obwohl … sie hat da so eine Schwäche …

F: Jajaja, na und? Ich steh dazu, dass ich mit Mayday- und Trance-Techno groß geworden bin. Du hast dafür Deine Songwriter-Sachen.

Oha, schon die ersten Differenzen. Wann ging es denn los als Bedroomdisco? Es startete ja ursprünglich als Radioprojekt bei Radio Darmstadt (RadaR).

D: Genau. Im Frühjahr 2008 gingen wir auf Sendung. Einmal im Monat. Wir haben das gleich in der ganzen Stadt mittels Plakaten publik gemacht damals. Eher ungewöhnlich für eine kleine Radiosendung.

F: Wir wollten die gesamte Indie-Szene im Radio präsentieren – mit Hintergrundberichten, Historie und Interviews. Allerdings ist das Genre Indie so weit verzweigt, dass man gar nicht alles unterbringen kann.

D: Der Begriff Indie oder Independent ist eh mittlerweile sehr ausgeleiert. Wirklich unabhängig in den Entscheidungen, wie es der Begriff ja eigentlich meint, sind wenige. Es taugte eine Zeitlang als Genre-Gattung, aber das ist längst verwässert, da es auch Mainstream-Indie gibt, den wir nicht so mögen.

F: Irgendwie überlebt der Begriff aber immer. Jeder definiert ihn, wie es gerade passt. Wir haben ja auch viel Elektro bei unseren Sachen dabei, der auch irgendwie Indie ist, aber als Genre gesondert steht. Man sollte vielleicht eher von einem bestimmten Lifestyle, der sich im Charakter unterscheidet, oder einer bestimmten Lebenseinstellung sprechen.

Wann habt Ihr Euch das erste Mal als DJs in einen Club bewegt?

D: Das war Ende Dezember 2008 – ein Kneipenabend im 603qm. Wir waren extrem aufgeregt, ob es wirklich funktioniert. Aber es war knallvoll und bombastisch.

F: Wir waren danach so euphorisch und wollten sofort weitermachen. Erst durch die „Nacht der Clubs“ im Winter 2009 hatten wir es aber geschafft, uns als Name wirklich zu etablieren. Danach kamen immer mehr Termine im 603qm, Schlosskeller, Centralstation und so.

D: Mittlerweile legen wir auch auswärts in Mainz, Frankfurt und Heidelberg auf. Man schafft sich schnell ein Netzwerk an Kontakten.

F: Es wird aber immer anstrengender als DJs, da das Publikum immer jünger und irgendwie schwieriger wird. Die wollen die ganze Zeit nur noch harten Wumms hören. Keine Abwechslung. Das ödet auf Dauer an, wenn man sich da anpasst.

Das kann ich nachempfinden. Älteres Publikum nervt das vermehrt. Die gehen daher eher auf Konzerte oder tummeln sich im Netz. Womit wir bei Eurem Web-Blog wären, der immer größer wird.

D: Im Oktober 2009 begannen wir mit der Webseite. Ab da war dann auch Dorota Wostal fest mit dabei, die sich meistens um den Blog kümmert. Mittlerweile sind es etwa 15 Autoren, die mehr oder weniger regelmäßig mitmachen, die Hälfte davon aus Darmstadt. Die Seite wird aber bundesweit frequentiert.

F: Musik ist natürlich ein Schwerpunkt im Blog. Es geht aber genauso um Kino, Literatur, Lifestyle und mehr. Wir haben ja auch bei Youtube einen eigenen Channel mit Live- und Akustik-Sessions verlinkt. Eigentlich sind wir fast jeden Tag mit dem Blog beschäftigt. Im Juni wird es da übrigens einen Relaunch geben.

Und seit November 2010 gibt es die ersten Konzerte unter dem Logo „Bedroomdisco Sessions“.

D: Ich bin ja seit Ende letzten Jahres als Booker im 603qm beschäftigt und kann da viel von mir einbringen. Aber nicht alles geht aus organisatorischen Gründen im 603qm, daher haben Dorota und ich beschlossen, für kleinere „Sessions“ andere Orte wie die Oetinger Villa oder die Lounge der Centralstation zu wählen.

F: Bei den Sessions bin ich meist nicht dabei, da ich nicht so sehr auf Songwriter-Kram stehe.

D [schielt verwegen]: Eher auf Trance-Techno von Hypertraxx. Der läuft bei ihr im Auto hoch und runter.

F [ironisch aufbrausend]: Na und!

Zurück zu Linus. Der hat mittlerweile etwa ein halbes Dutzend Popromane geschrieben. Sein letztes Buch „Endlich natürlich“ durftet Ihr jetzt als Hörspiel aufnehmen. Worum geht es in dem Buch/Hörspiel?

D: Um einen Bummelstudenten namens Wilhelm, der ganz viele Marotten hat: Hypochonder, Tollpatsch, Zyniker. Und nach einem One-Night-Stand mit einer älteren Frau gerät sein Leben endgültig aus den Fugen. Extrem lustig.

F: Wir lieben Linus’ Humor und seine Beobachtungsgabe. Das Hörspiel ist unser Bachelor-Projekt an der Hochschule. Wir haben daher Schauspieler gecastet und in Dieburg drei Tage lang die Hörspielfassung aufgenommen, die jetzt im Juni endlich mit einer rauschenden Party im 603qm veröffentlicht wird.

Das klingt alles nach nicht sehr viel Schlaf. Aber es klingt so spannend, dass das P-Magazin sich mit Koffein volldröhnen wird, um ja nix zu verpassen. Wir machen dann zur Not ein kurzes Nickerchen neben der Bass-Box.

www.bedroomdisco.de

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