Dunkle Punkte machen sich auf dem tiefblauen Jacket breit. Es fängt an zu regnen. Noch ein letztes Mal wird langgezogen, dann die Zigarette schwungvoll ausgedrückt und zu Boden geworfen. „Der Jazzclub Darmstadt präsentiert FunkyLectro Session mit Dennis Sekretarev“, hieß es auf Partyamt.de über ein Konzert mit anschließender Jam-Session im Keller des Achteckigen Hauses. Klang einfach zu verlockend, also: hin da!
Versteckt hinterm Efeugeflecht der alten Mauer, die sich am Rande des kleinen Parks in der Mauerstraße entlangschlängelt, befindet sich die Treppe in den Martinsviertel-Underground. Wir gehen runter. „Sonst ist’s voller! Aber die meisten Besucher kommen eh erst kurz vor knapp“, berichtet der Mann unten an der Kasse und freut sich darüber, hier auch mal jüngere Gäste zu empfangen. Wir betreten den komplett verklinkerten Gewölbekeller, den geschichtsträchtigen Jazzkeller des „Achteck“.
Es stellt sich heraus: Der Mann im tiefblauen Jacket ist Dennis Sekretarev. Mit seinem Quartett eröffnet der Trompeter der den heutigen Abend. Kompositionen mit Einflüssen aus Jazz, HipHop, Funk und R’n’B erklingen von der Bühne und prägen die Stimmung im Raum. Nach einer Pause wird die heutige Jam-Session eröffnet. Im Wechsel tauschen verschiedene Musiker den Platz auf dem roten Perserteppich, der unter dem Gewölbe fast schon ein gemütliches Wohnzimmer-Feeling erzeugt. Auf der Bühne wird im Einklang sowohl von Klein als auch von Groß Bass, Piano, Schlagzeug, Trompete und vieles mehr gespielt. Im Publikum davor wird nebenher geplauscht, getrunken, geklatscht und hier und da mal etwas herumgetappt. Ein schöner Darmstädter (Sub-)Kulturabend.
Das Achteckhaus – ein Haus mit Geschichte
Auch Wolfgang Seeliger ist hier wohl schon hunderte Male mit seinem Dirigenten-Köfferchen den breiten Kiesweg vorm Achteckigen Haus zu seinem Büro spaziert. Seit nunmehr über 25 Jahren nutzt der Maestro, der unter anderem bei Herbert von Karajan studierte und Leonard Bernstein assistierte, mit dem Konzertchor Darmstadt das Gebäude über dem Jazzkeller. Eine recht kurze Zeit in der Geschichte des historischen Gebäudes – wenn man bedenkt, dass dieses zu Beginn des 17. Jahrhunderts und damals noch außerhalb der Darmstädter Stadtmauer errichtet wurde.
Und obwohl es im Watzeviertel nur so vor schöner Altbauwohnungen wimmelt, gilt das Haus mit der ungewöhnlichen Anzahl an Ecken als das älteste erhaltene Gebäude im Martinsviertel. Zugegeben fungiert es heute mehr als Büro denn als Wohnung, und seine Möbel in den Innenräumen dieses Hauses zu arrangieren, wäre eine Kunst für sich. Man könnte jedoch behaupten: Das ist kein typisches Büro. Vielleicht ist es die Art, wie das Licht durch die wabenähnlichen Fenster fällt. Vielleicht ist es aber auch die Atmosphäre, die den Gedanken schafft, dass dieser Ort nicht nur im Keller von Musik durchzogen ist, sondern auch oberhalb. Denn hier wird Musik praktisch organisiert, sprich: Hier werden die Tourneen geplant, die den Konzertchor Darmstadt schon in so viele Länder geführt haben: nach Japan, Nord- und Südkorea, Indonesien, Israel sowie in fast alle europäische Länder wie Spanien, Italien, Polen, Frankreich, Holland oder die Ukraine.
Ursprünglich habe die Stadt das Haus vor circa 40 Jahren abreißen wollen, wie Seeliger zufällig erfuhr. „Es war alles total verbaut“, erzählt er. Im 19. Jahrhundert diente das Haus verschiedenen Zwecken: als fürstliches Holzmagazin, Heilanstalt für Chirurgie und Augenkranke, Badeanstalt, Betsaal der Baptisten und zuletzt als Wohnung. Die Wurzeln des heutigen Alice Hospitals lagen hier. Nachbarschaftsinitiativen im Martinsviertel wehrten sich gegen den Abriss, sodass das „Achteck“ schließlich restauriert wurde. Alte Malereien in den Innenräumen konnten dabei erhalten werden; nun steht das Gebäude unter Denkmalschutz.
Wohnen, Kneipenkultur, Jazz
Heute ragt das Häuschen inmitten von Nachbarschaftsinitiativen und Kneipenkultur aus dem Herzen Darmstadts, dem Martinsviertel, empor. Seit 2000 wird es als Büro für den renommierten Konzertchor Darmstadt und die Darmstädter Residenzfestspiele genutzt. Was von außen aussieht, als würde auf jedes Stockwerk bloß ein Stuhl oder ein Tisch passen, eröffnet sich von innen mit einem überraschend anderen Raumgefühl. Die Wendeltreppe, die sich durch die Innenräume windet, ist zwar sehr kompakt, doch in den Stockwerken öffnen sich dahinter überraschend großzügige Büros – eines im Erdgeschoss, das andere im ersten Stock. Es ist das von Wolfgang Seeliger, markant mit der Aufschrift „Dirigent“ versehen, gleich darunter der Spruch: „Irgendwer muss ja diesen verdammten Job machen.“
In Seeligers Büro stehen gleich zwei Schreibtische: einer für seine Arbeit, der andere stets freigehalten, in der wohl heimlichen Hoffnung, dass sich irgendwann jemand findet, der seinen Platz einnehmen kann. Seeliger sagt es mit einem Schmunzeln, das mehr Melancholie als Überheblichkeit verrät: „Einen Nachfolger habe ich noch nicht gefunden. Keiner möchte die Kärrnerarbeit übernehmen. Wenn es mit mir zu Ende geht, dann ist es wohl auch hiermit zu Ende.“ Während sich unten im Keller die Jazzklänge verlieren, beeindrucken im darüberliegenden Haus dicke Mauern, der einzigartige achteckige Grundriss und die Musik, die hier zwar hauptsächlich auf dem Papier stattfindet, jedoch trotzdem spürbar ist.
Der Jazzclub – Herzstück der Szene
Der Keller entstammt einem älteren, quadratischen Bau aus dem 16. Jahrhundert. 1981 bringen Bürgerinitiativen, Anwaltsplaner und die Wählergemeinschaft Darmstadt (WGD) die geplante „Osttangente“ – eine vierspurige Straße durchs Martinsviertel – zu Fall und ermöglichten damit dessen behutsame Sanierung und Aufwertung. In einem Artikel aus dem Darmstädter Echo im Jahr 1984 wird gemunkelt: „Das Achteckhaus als künftiger Stützpunkt des wiedererwachenden Jazzlebens in Darmstadt? Eine neue Nutzungsvariante für das restaurierte Gebäude im Martinsviertel, Mauerstraße 17, bringt die SPD-Fraktion ins Spiel.“ Fast richtig – aber nur fast. Denn es ist nicht das Achteckhaus, sondern das, was darunter liegt, das die Darmstädter Jazzszene wieder aufblühen lässt. Wegen des Denkmalschutzes und, weil die sanitären Anlagen noch fehlten, durften anfangs keine öffentlichen Veranstaltungen im historischen Keller stattfinden. So diente das Gewölbe zunächst nur als Proberaum für Bands wie En Haufe Leit, Sound Set ’75 und die Mr. Jelly’s Jam Band.
Mit dem Anbau einer zweiten Zugangstreppe und dem Einbau sanitären Einrichtungen wurde der Keller schließlich für den Konzertbetrieb geöffnet. Der Jazzclub Darmstadt, ein gemeinnütziger Verein, veranstaltet hier seit der Sanierung regelmäßige Jazzkonzerte. Vor ungefähr 50 Jahren schwappten die Jazz-Aktivitäten erstmals ins Martinsviertel, anfangs getragen durch die Gruppe En Haufe Leit, erinnert sich Vereinsmitglied Heinrich Frye. „Wenn die hier auftreten, ist es nach wie vor immer voll. Aber wir wollen im Grunde auch einen Generationswechsel, und den merkt man auch“, erzählt er. Frye kommt zwar eigentlich aus Frankfurt, einer Stadt voller Jazztradition, trotzdem sagt er: „In Darmstadt gibt es eine tolle Jazz-Szene. Sie ist hier sogar sehr viel aktiver als in Frankfurt, habe ich inzwischen das Gefühl.“ Es läge aber vor allem daran, dass es mit Orten wie dem Jazzinstitut, der Knabenschule und natürlich dem Achteckhaus viele verschiedene Jazz-Orte in Darmstadt gäbe. „Die Aktiven kennen sich untereinander und tauschen sich aus. Sie interessieren sich auch wirklich dafür, Jazz unter die Leute zu bringen … und es ist toll, ein Teil davon zu sein“, bemerkt er. Auch Seeliger erzählt, dass er den Jazzkeller von zahllosen Abenden kenne: „Sie haben schon immer wechselnde Generationen. Gerade kommt wieder eine jüngere Generation dazu. Das finde ich sehr schön.“
Nüsschen zum Musikgenuss
Oft sind es vertraute Gesichter, die sich ihren Weg am Samstag zu einem Konzert oder donnerstagabends zur Jam-Session hinunter in den alten Keller in der Mauerstraße bahnen. Noch ein Blick in den Raum hinein: Immer wieder greift er in das kleine Schälchen, das er auf einer Serviette vor sich platziert hat. Behutsam wird eine Nuss nach der anderen herausgeholt und zufrieden das musikalische Geschehen beobachtet. Ein langer weißer Bart schmückt sein Gesicht. Es gehört einem der wohl stadtbekanntesten, auffälligsten Jazzliebhaber Darmstadts: Elias Dahlhaus. Nur ein Beispiel für viele Gesichter, die man hier wochenends wiedersieht – und das schon seit vielen Jahren. 2015 berichtete das P Magazin über Elias‘ Faible zum Jazz und schrieb: „Er genießt besonders das Kulturleben, bei dem man ‚nicht die Stecknadel im Heuhaufen‘ suchen muss.“ Man ahnt, dass damit auch dieser Ort gemeint war. Es passt zu gut.
Kaum würde es auffallen, wenn nicht ab und zu Jazz und Musik jeder Art und zu allen Tageszeiten aus den Kellerfenstern des Achteckhauses hinausströmen und kurz vor Abend leise der kleine Programmständer vor dem Eingang des Parks zurechtgerückt würde. Und wahrscheinlich fällt es dann auch nur denjenigen auf, die gerade eine Feige an dem riesigen Baum davor pflücken oder stehen bleiben, um das Geschäft ihres Hundes vom Boden aufzuheben. Zumindest würde wenigstens diesen Menschen auffallen, wie einzigartig dieser Ort ist. Vielleicht bleibt es für sie dennoch nur ein Haus mit acht Ecken. Vielleicht oder sehr wahrscheinlich weiß der ein oder andere auch gar nicht, was an diesem Ort eigentlich passiert: dass sowohl der Keller als auch das Haus von oben bis unten von Musik durchdrungen sind. Und dass Architektur zwar auch sehr beeindruckend sein kann, sie aber manchmal auch Hülle für etwas besonders Schönes ist.
Jazz & more im Achteck-Keller
Sa, 7.2., 20.30 Uhr: Nujakasha (sphärische Klangwolken und treibende Beats – rein instrumental)
Sa, 14.2., 20.30 Uhr: 4onJazz (interpretatorische Vielseitigkeit auf der Basis von Jazz-Klassikern)
Do, 19.2., 20 Uhr: Jam Session mit Johnny’s Jazz Collection, Eintritt frei
Sa, 21.2., 20.30 Uhr: Swinging Tuxedos mit Petra Bassus (Evergreens, Swing, Latin, Jazzstandards)
Sa, 28.2., 20.30 Uhr: FunkyLectro Session (Funk-, Soul-, Jazz-Session für aktive Musiker), Kulturbeitrag: 5 €
Standard-Eintritt: 15 € (Jazzclub-Mitglieder: 10 €, Studierende mit Ausweis: 5 €)
Die Historie eines Unikats
Das Haus in der Mauerstraße wurde 1620 von Landgraf Ludwig V. auf einem großzügigen Gartengrundstück vor dem Jägertor (Stadttore) angelegt und gelangte 1627 in den Besitz des Kanzlers Wolff von Todtenwarth. Die Todtenwarths behielten das Achteckige Haus über ein Jahrhundert und ließen es 1636 von dem Darmstädter Baumeister Jakob Müller umbauen und in seine heutige achteckige Form versetzen. Seither erhebt sich über dem quadratischen Keller, der vermutlich noch von dem älteren Gebäude stammt, ein zweigeschossiger, achteckiger Bau, dem ein quadratischer Treppenturm vorgelagert ist. Im Erdgeschoss befand sich ein großer Saal, im Obergeschoss waren ein Vorzimmer, die Küche und ein weiterer Saal untergebracht. Bekrönt wurde das Gebäude von einem Zeltdach, das später abgetragen wurde. 1760 erwarb Landgraf Ludwig VIII. das Achteckige Haus für seine Mätresse Helene Martini. Nach deren Tod 1803 ersteigerte Landgraf Ludwig X. (Ludewig I.) das Achteckige Haus mit Garten und legte hier das fürstliche Holzmagazin, den „Alten Holzhof“ an. 1854 gründeten neun junge Darmstädter Ärzte hier eine „Heilanstalt für chirurgische und Augenkranke“, die dem Haus den Namen „Mauerspitälchen“ gab. Während der Kriege der Jahre 1866 und 1870/71 veranlasste Prinzessin Alice, dass im Garten eine Baracke als Notlazarett für die Verwundeten aufgestellt wurde. Nach Kriegsende übernahm der Alice-Frauenverein die Klinik und baute sie durch Anbau eines Neubaus an das Achteckige Haus zum Hospital mit eigener Pflegerinnenschule aus, die im Oktober 1873 eröffnet wurde. Als das Hospital nach wenigen Jahren erneut zu eng wurde, konnte 1883 ein größerer Neubau an der Dieburger Straße bezogen werden (Alice-Hospital). Im Mauerspitälchen und dem Achteckigen Haus eröffnete die Familie Becker 1884 eine Badeanstalt. Später diente das Haus als Betsaal der Baptisten, danach als Wohnung. Nach Kriegsschäden und jahrelangem Leerstand wurde das Gebäude 1976 bis 1987 saniert und das ursprüngliche Zeltdach rekonstruiert. Dabei wurden dekorative Ausschmückungen mit Fresken des 17. Jahrhunderts freigelegt. Seit 1992 befindet sich der Jazzclub im Keller, Erdgeschoss und Obergeschoss werden seit 1998 vom Konzertchor Darmstadt genutzt.
Auszug aus: Stadtlexikon Darmstadt – ursprünglich: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Hessen. Stadt Darmstadt. Hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen in Zusammenarbeit mit dem Magistrat der Stadt Darmstadt – Denkmalschutzbehörde – Braunschweig, Wiesbaden 1994, S. 253; Bethke, Martin: Landgraf Ludwig und seine Favoritin. In: Hessische Heimat 1973, S. 73-76. [Sauer, Mona]
Aktivitäten des Jazzclubs Darmstadts e. V.
Jazzkonzerte im Achteck: Jazzveranstaltungen im Achteckhaus finden von etwa September bis Mai mit lokalen und überregionalen Bands verschiedenster Stilrichtungen statt.
Konzerte an anderen Orten: Früher am Steinbrücker Teich, später an der Grube und seit 2002 auf der Mathildenhöhe, „der Krone Darmstadts“, organisiert der Verein unter anderem den „Jazzvadderdaach“ an Christi Himmelfahrt.
Nachwuchsförderung: Neben den regelmäßigen Achteck-Konzerten veranstaltet man Konzerte und Jam Sessions speziell für Nachwuchsmusiker, die sich mit professioneller Unterstützung vorstellen und präsentieren können.
Musiker- und Bandvermittlung: Aufgrund langjähriger Erfahrung und weitreichender Kontakte werden Musiker und Bands aller Jazz-Stilrichtungen und Besetzungen vermittelt.
Allgemeine Förderung des Jazz in Darmstadt: In Zusammenarbeit mit anderen Institutionen und befreundeten Vereinen und Gruppierungen wird die Fahne des Jazz in der Stadt und der Region hochgehalten.
Du möchtest beim Jazzclub Darmstadt mitmischen? Dann melde Dich per Mail bei vorstand@jazzclub-darmstadt.de.















