Die große Darmstädter Künstlerin Annegret Soltau regt bis Juni im Kunstforum der TU Darmstadt zum Nachdenken über Körper- und Rollenbilder sowie die eigene Identität an.
Erst im Januar feierte die Künstlerin und Wahl-Darmstädterin Annegret Soltau ihren 80. Geburtstag. Nach der großen Retrospektive im Frankfurter Städel Museum im vergangenen Jahr, die in das Francisco Carolinum Linz weitergezogen ist, widmet das Kunstforum der TU Darmstadt – als Teil des World Design Capital Frankfurt Rhein-Main 2026 – der renommierten Künstlerin bis 7. Juni eine Ausstellung, die sich konzentriert mit sehr persönlichen Themen beschäftigt: Der eigenen Vatersuche und der inneren Gefühlswelt, die oftmals der Öffentlichkeit verschlossen bleibt.
Als Koryphäe der Gegenwartskunst reflektiert Soltau in ihrem vielschichtigen und eigenständigen Werk Fragen der persönlichen und sozialen Identität. Als Vorreiterin feministischer Kunst in Deutschland, die ihren eigenen Körper gezielt für ihre Bildsprache einsetzt, werden ihre multimedialen Arbeiten weltweit in bedeutenden Sammlungen, Museen und Galerien gezeigt.
Erst verkannt, später international gefeiert
Global bekannt wurden ihre Fotoarbeiten, in der sie ihre beiden Schwangerschaften und die damit einhergehende Mutterschaft zentral thematisiert. Damit ist Annegret Soltau eine der wenigen Künstlerinnen, welche in den 1970er-Jahren die damals als kaum vereinbar geltenden Rollen des Künstlerin- und Mutter-Seins miteinander verband. Frauenrechtliche Werte befanden sich zu dieser Zeit in einer noch sehr frühen Entwicklungsphase und so wurde ihre Kunst anfangs mit äußerst kritischen (meist männlichen) Augen begutachtet. Genau hier hat Annegret Soltau aber den Nerv der Zeit getroffen und ihre inneren, weiblichen Inhalte offengelegt.
Um Aspekte von Zeit und Veränderung sichtbar zu machen, bedient sich die unangepasste Künstlerin serieller Verfahren, mit denen aufeinanderfolgende Zustände festgehalten werden. Dieses konsequente Konzept, das sie Jahrzehnte lang entwickelte, findet sich auch in ihren beiden – nun in Darmstadt ausgestellten – Serien „Vatersuche“ und „Tagesdiagramme“ wieder.
Auf der Suche nach dem eigenen Vater
Annegret Soltau ist ohne Vater in nicht ganz einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Sie selbst empfand die Abwesenheit des eigenen Vaters als große Lücke in ihrem Leben, sodass sich die Frage nach der eigenen Herkunft bereits früh verankerte. Von ihrer Mutter erfuhr sie damals lediglich seinen Namen, Albert Betz, und erhielt ein Foto, das ihn zeigt. Familiäre Gespräche über ihren Vater gab es kaum, sodass sie mit diesen spärlichen Infos bereits in jungen Jahren begann, Hinweise über den ehemaligen Soldaten im Zweiten Weltkrieg zusammenzutragen. An eine offizielle Suchstelle wandte sich Annegret Soltau erstmals 1988. In den darauffolgenden Jahren unternahm sie immer wieder neue Anläufe, mehr über ihn in Erfahrung zu bringen. Seitdem setzt sie sich mit der Suche nach ihrem unbekannten Vater auseinander.
Konfrontiert mit einer Vielzahl enttäuschender und ergebnisloser Antwortschreiben diverser Behörden und Archive fasste sie 2003 den Entschluss, das angesammelte Material in ein künstlerisches Projekt zu überführen. Die Serie „Vatersuche“ erstreckt sich über 69 Blätter, die hintereinander aufgereiht präsentiert werden und an eine ausgezogene Schublade aus einem Aktenschrank erinnern. Annegret Soltau arbeitet mit unterschiedlichen Selbstporträts, aus denen sie den Gesichtsbereich herausreißt und die Leerstelle mit den gesammelten Dokumenten mit schwarzem Garn vernäht. Dabei betont die Künstlerin, dass die Antwortschreiben „wie eine leere Stelle in meinem Gesicht bleiben, wie ein weißer Fleck“. Blatt für Blatt kann ihre beharrliche Suche verfolgt werden, die bis heute reicht und noch nicht abgeschlossen ist. Wir als Besuchende der Ausstellung werden Teil eines künstlerischen Prozesses, der sich in der zweiten ausgestellten Werkreihe fortsetzt und nach innen verlagert.
Selbstbefragung des Ichs
Es ist beeindruckend, wie reflektiert die Künstlerin auf ihr eigenes Leben zurückblickt und dieses künstlerisch umsetzt. Dabei spielen die eigene Gefühlslage und die zwischenmenschliche Beziehung zu Familienmitgliedern eine zentrale Rolle in ihrem Œuvre. Eine Serie, die zunächst nicht für die Öffentlichkeit gedacht war, legt diese Verbindungen offen: „Tagesdiagramme“ besteht aus 58 Einzelblättern, die Annegret Soltau 1977 während ihrer ersten Schwangerschaft dokumentarisch angelegt hat.
In einem ersten Schritt legt sie eine Art Manuskript an, in dem sie mit einer Schreibmaschine Schlagwörter wie „Hoffnung“, „keine Hoffnung“, „Zweifel“, „Leben“, „Ordnung“ oder „Er-Kennen“ in unterschiedlichen Höhen auf ein DIN-A4-Papier tippt und diese anschließend durch farbige Linien und Flächen aus Filzstift oder Aquarell in Beziehung setzt. Eine rote Linie führt in allen Einzelblättern von dem markierten Anfangspunkt „ICH“ über einige der gesetzten Wörter.
Die Serie ist erstmals der „Vatersuche“ gegenübergestellt und öffnet feinsinnige Bezüge innerhalb der Werkreihen. Klar wird: Annegret Soltau versteckt ihre Persönlichkeit nicht hinter ihrer Kunst. Sie wird vielmehr zum künstlerischen Konzept ihrer Arbeiten. Als Pionierin war sie in den 1970er-Jahren weit ihrer Zeit voraus, behauptete sich mit einer eigenwilligen, kompromisslos feministischen Bildsprache gegen Widerstände und gilt heute als Vorbild für unsere Generation. Fragen der persönlichen und sozialen Identität, der Körperpolitik und des Feminismus treten heute vielleicht so stark wie noch nie in die gemeinschaftliche Öffentlichkeit und vermeintliche „Tabuthemen“ gilt es, weiter aufzubrechen. Annegret Soltau kann uns hierbei ein Vorbild sein – auf unterschiedlichen menschlichen Ebenen.
Vita Annegret Soltau
Annegret Soltau wurde 1946 in Lüneburg geboren und wuchs bei ihrer Großmutter auf. Von 1967 bis 1972 studierte sie an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg Malerei und Grafik bei Hans Thiemann, Kurt Kranz, Rudolf Hausner, Alan Jones und David Hockney. Es folgte ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste Wien bei Anton Lehmden, dessen Meisterschülerin sie wurde. Seit 1970 ist Annegret Soltau mit dem Bildhauer Baldur Greiner verheiratet. Ab 1975 beschäftigt sich die Künstlerin mit sogenannten Fotoübernähungen, die auch in das Medium der Radierung übergingen. Nach einem ersehnten Kinderwunsch kamen 1978 ihre Tochter und 1980 ihr Sohn zur Welt. Für ein einjähriges Stipendium reiste sie 1986 nach Rom, um dort an der Villa Massimo ihre künstlerische Position weiterzuentwickeln. Ihr Werk wurde mit mehreren Ehrungen gewürdigt – wie beispielsweise dem Wilhelm-Loth-Preis der Stadt Darmstadt (2010), dem Marielies-Hess-Kunstpreis (2011) oder der Johann-Heinrich-Merck-Ehrung der Stadt Darmstadt (2016). Neben mehreren Lehrtätigkeiten an Universitäten und Hochschulen in ganz Deutschland blieb Soltau ihrer Wahlheimat Darmstadt treu und ist unter anderem seit 1974 Mitglied der Darmstädter Sezession.
Die Ausstellung
Noch bis 7. Juni 2026 präsentiert das Kunstforum der TU Darmstadt als Partner der World Design Capital Frankfurt Rhein-Main 2026 (Motto: „Design for Democracy: Atmospheres for a better life“) die Ausstellung „Annegret Soltau Vatersuche“.
Ort: Kunstforum der TU Darmstadt, Hochschulstraße 1 (Altes Hauptgebäude), S1|03, 2. Obergeschoss, Raum 200
Öffnungszeiten: Mi bis So von 13 bis 18 Uhr (über Ostern und während des Schlossgrabenfestes geschlossen)
Der Eintritt zur Ausstellung ist frei.
Mehr Infos, auch zum Rahmenprogramm mit Rundgängen, Science & Art Talk und Finissage: tu-darmstadt.de/kunstforum











