Kurzfilm
Foto: Charlotte Krauß

Dorothea Hepp, 93, geht langsam durchs Bild. Schritt für Schritt. Der Briefkasten klappert. Sie geht wieder zurück. Die Kamera folgt ihr – ganz gemächlich, im Tempo, das die alte Frau vorgibt. Zeit scheint keine Rolle zu spielen. Und doch geht es im sehr einfühlsamen Kurzfilm „Ein Tag und eine Ewigkeit“ von Regisseurin und Enkelin Anna Hepp über ihre in Darmstadt lebende Großmutter um Zeit: um die verbleibende Lebens-Zeit – und die Gedanken über das Leben, kurz vor dem eigenen Tod.

Dorothea Hepps Tagesablauf ist nicht weiter aufregend oder besonders spektakulär, ganz im Gegenteil: Sie kocht, sie isst, geht zum Briefkasten, hält ein Nickerchen, kocht und isst, geht schlafen. Sie folgt einem langsamen Rhythmus, wie alles in diesem Film sehr langsam von statten geht, wie es nun einmal eben bei Dorothea Hepp ist. Obwohl „Ein Tag und eine Ewigkeit“ nur 25 Minuten dauert, hat jedes einzelne Geschehen Zeit. So viel Zeit, wie Dorothea Hepp eben braucht. Insofern betont der Film die Dauer. Er lässt sich und der Hauptdarstellerin Zeit. „Heutzutage sind unsere Sehgewohnheiten an schnelle Schnitte und viele Bilderabfolgen gewöhnt. Ich zwinge die Zuschauer zur Geduld“, erklärt Regisseurin Anna Hepp, 33 Jahre alt. Gerade jüngere Zuschauer reagierten oftmals irritiert auf die langen, scheinbar statischen Kameraeinstellungen.

Zwischen die Off-Kommentare der Rentnerin schneidet die Filmemacherin in langen, ruhigen Einstellungen Schwarzweiß-Bilder von alltäglichen Ritualen und der Planung ihres Tagesablaufes: vom nächtlichen Gang zur Toilette, Gebiss einsetzen, Essen kochen, Gymnastik, Mittagsschlaf.

Allein, aber nicht einsam

Das hohe Alter, in das jeder von uns (vielleicht) ein- mal kommen wird, bestehe aus Kraftanstrengung und Schmerzen, großer Disziplin und einer Menge Mut, sagt Dorothea Hepp. Die Erinnerung an die Vergangenheit spiele in der Gegenwart, in der sie häufig allein ist, eine entscheidende Rolle: „Ich lebe ja nur noch aus der Erinnerung.“ Wobei sie darauf aufmerksam macht, dass sie nur allein sei, aber nicht einsam, wie man befürchten könnte.
„Ich habe mein Leben fertig gelebt“, sagt Dorothea Hepp an einer anderen Stelle des Films. Klar analysiert und schildert sie die Schwierigkeiten, im hohen Alter den Alltag zu meistern. Unsentimental beschreibt sie ihr Warten auf einen würdevollen Lebensausklang. Liebevoll, ohne zu schönen, filmt Enkelin Anna Hepp ihre Großmutter dabei.
Die Kameraführung ist dabei sehr direkt, sehr nah an der Hauptperson dran, fokussiert auf sie. Damit nur ihr, Dorothea Hepp, Beachtung geschenkt wird, existiert nichts anderes, was ablenken könnte. Wie beispielsweise farbige Bilder, weshalb „Ein Tag und eine Ewigkeit“ ausschließlich in Schwarz-Weiß gedreht ist. Trotz alledem wahrt die Kamera einen respektvollen Abstand. Auch die Tonebene liegt über Schwarzbildern, damit der Zuschauer Dorotheas Worten über Leben und Tod seine volle Aufmerksamkeit zukommen lässt.

Gedanken über den Tod, die zeitlos sind

Für den ein oder anderen ist der Gedanke an den Tod und an das Sterben vielleicht etwas, was sich fernab von dem befindet, was einen heute beschäftigen mag. Nichtsdestotrotz wird sich jeder von uns irgendwann einmal damit beschäftigen. Genau aus diesem Grund sei es Dorothea Hepp wichtig gewesen, diesen Kurzfilm mit ihrer Enkelin zu drehen. Als (Video-) Dokument dessen, was sie Dorothea Hepp am 3. Mai 2009, kurz vor ihrem Tod. „Ein Tag und eine Ewigkeit“ ist ein Film über die Liebe zum Leben, über das Loslassen und Abschied- nehmen sowie über die Akzeptanz und das würde- volle Annehmen menschlicher Vergänglichkeit. Rückblickend seien die Drehtage ein „aktives Abschiednehmen“ gewesen, sagt Anna Hepp über ihre Arbeit. Eine bemerkenswerte und berührende Arbeit.

 

www.annahepp.com

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