Illustration: Lea Sahm

Neulich war ich auf einer WG-Party eingeladen. Ich habe mit einem Freund gequatscht und erzählt, dass ich bald eine Art Kolumne für das P Magazin schreiben möchte. Er fragte mich skeptisch und auch zögerlich, um was es denn gehen soll. Ja, meinte ich, so um emotionale und psychologische Themen – zum Beispiel: Warum Menschen Tränen vergießen. Ach ja, interessant, sagte er, er habe seit Jahren nicht mehr geweint – wieso eigentlich?

Tränenvergießen wird nicht nur als psychobiologischer Vorgang mit bestimmten Auswirkungen auf das physische und das mentale Wohlbefinden der weinenden Person verstanden, sondern auch als Kommunikation seitens der weinenden Person mit den Anwesenden. Also kann man sagen: Weinen ist zunächst ein biologischer Vorgang, der mit der Psyche zusammenhängt. Und man kann sagen, dass man dadurch in seinem Umfeld etwas bewirkt oder ihm etwas mitteilt.

Weshalb weinen wir?

Was aber muss gedanklich passieren, damit wir weinen? Der niederländische Psychologe Nico Frijda zeigte, dass es verschiedene umliegende Faktoren gibt, die das Weinen auslösen. Die psychosozialen Faktoren beinhalten unser Alter, Geschlecht oder persönlichkeitsbezogene Faktoren. Dann gibt es biologische Faktoren, also unser physischer Zustand und unsere Hormonversorgung, sowie schließlich noch situative Faktoren. Hierzu gehören beispielsweise gesellschaftliche Normen, Orte oder auch fremde Anwesende. Gehen wir nun von einer objektiven Situation von außen betrachtet aus, kommt es beim Weinenden selbst zu einer Einschätzung der Situation anhand der umliegenden Faktoren. Wenn es dann zu einer Assoziation oder inneren Repräsentation von zum Beispiel Verlust oder Trennung, Zurückweisung, eigener Unfähigkeit, Zurechtweisung aber auch zu einer positiven Einschätzung kommt und wir diesen emotionalen Zustand werten, weinen wir. Das Weinen gibt eine Nachricht an unser Umfeld, worauf unser Umfeld dann wiederum reagiert.

Zu Hause zwischen 18 und 22 Uhr

Wir weinen bei Erfahrung eines Verlustes, Auseinandersetzungen, Mitansehen von Leid, Erleben eines positiven Ereignisses. Dabei gibt es wohl auch einen Geschlechterunterschied: Frauen weinen viel häufiger während einer laufenden Auseinandersetzung als Männer – und Männer weinen häufiger aus positiven Gründen und in Situationen, die mit Zärtlichkeit verbunden sind. So wurde auch gezeigt, dass die meisten unserer Tränen zu Hause vergossen werden, ungefähr zwischen 18 und 22 Uhr, also dort, wo es keiner mitbekommt.

Wie reagiert mein Umfeld?

Was sagt das über das Weinen aus? Menschen möchten nicht, dass ihre Gefühle in aller Offenheit, ungefiltert, quasi nackt präsentiert werden. Viele Menschen haben Angst vor der Tatsache, dass sie aufgrund ihrer Tränen beispielsweise als emotional instabile Person bewertet werden. Außerdem besteht auch immer ein Risiko, dass die Tränen vom Umfeld falsch interpretiert werden und zum Beispiel als eine Art von mentaler Erpressung verstanden werden können.

Weinen als Bindungsverhalten

Von vielen meiner Freunde habe ich gehört, dass Weinen eine Art reinigende Funktion auf die Seele habe, oder auch eine Entlastung der Gefühle darstellt. In der Forschung konnte diese Hypothese allerdings nicht bestätigt werden. Klar ist aber, dass die Bindungsforschung in der Tat nachgewiesen hat, dass die Fähigkeit zu weinen angeboren ist und Tränen den Zweck haben, „Schutz und Ernährung durch einen festen Betreuer“ (gemeint sind: die Anwesenden) zu gewährleisten. Es liegt daher nahe anzunehmen, dass Tränen auch nach dem Ende der Kindheit eine Form von Bindungsverhalten sind – diese also unser Umfeld konkret beeinflussen.

Interessant ist, dass Weinen immer noch ein großes Mysterium in unserer Gesellschaft darstellt, dass bis heute nicht endgültig erforscht werden konnte. Ich persönlich würde mir wünschen, dass wir unsere Gefühle stärker zum Ausdruck bringen können, ohne direkt dafür beurteilt und im schlimmsten Fall verurteilt zu werden. Für solch eine Welt braucht es allerdings viel Feingefühl, Empathie und auch Geduld der Mitmenschen. Vielleicht könnte dann mein Kumpel von der Hausparty seine Tränen freigeben und würde als Reaktion liebevollen Trost erhalten. Denn dass ist es doch, was wir uns eigentlich wünschen.

 

Neue Psychologie-Kolumne im P

Unsere Autorin Lea Sahm studiert Psychologie in Darmstadt, war als Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin tätig und hat dabei unter anderem in der Kinder-und Jugendpsychiatrie gearbeitet. Im P schreibt sie über Gefühle, mentale Gesundheit sowie den Zusammenhang von Leib und Seele.

 

Tage der seelischen Gesundheit 2019

Vom 29. bis 31. Oktober 2019 finden zum 13. Mal die „Tage der seelischen Gesundheit“ in Darmstadt und dem Landkreis Darmstadt-Dieburg statt. Unter dem Motto: „Pass‘ auf Dich auf – egal wo Du bist“ gibt es Vorträge, Workshops, Lesungen und Filme. Das komplette Programm findet Ihr online unter:

www.gesundheitsamt-dadi.de/psyche/tage-der-seelischen-gesundheit

 

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