Es ist einer dieser ersten, verheißungsvollen Frühlingstage im April. Die Sonne wärmt die Straßen, die Menschen zieht es ins Freie – und in die Galerie Netuschil. Drinnen sammelt sich eine dichte, lebendige Menge. Stimmengewirr, gespannte Erwartung. Denn am ersten Aprilsonntag wird hier ein Kapitel Kunstgeschichte wieder aufgeschlagen, das längst in Vergessenheit geraten schien: die Neue Sachlichkeit in Darmstadt. Philipp Gutbrod, Kulturreferent der Stadt Darmstadt und Direktor des Instituts Mathildenhöhe, und Galerist Claus K. Netuschil eröffnen die Schau – und schnell wird klar: 2025 gehört ganz der Neuen Sachlichkeit! Nach der großen Jubiläumsschau in der Kunsthalle Mannheim – dort, wo der damalige Direktor Gustav Hartlaub den Stilbegriff 1925 prägte – rückt nun die Galerie Netuschil Darmstadts künstlerisches Erbe der 1920er-Jahre ins Rampenlicht. Und eines ist sicher: Darmstadt hat in dieser Epoche mehr zu bieten, als man vielleicht denkt. Doch beginnen wir von vorne …
Wenn es um die Neue Sachlichkeit in Darmstadt geht, müssen wir erst einmal einen Schritt zurückgehen. Denn im 20. Jahrhundert entstanden in Deutschland zahlreiche einflussreiche Kunstströmungen, insbesondere in der ersten Hälfte des Jahrhunderts. Diese Strömungen wuchsen nicht isoliert voneinander, sondern griffen ineinander und prägten sich gegenseitig.
Der Expressionismus war eine ebensolche Kunstrichtung, die sich vor allem in Großstädten wie Berlin, Dresden und München entwickelte. Charakteristisch für diesen Stil waren oft verzerrte Darstellungen sowie ein ausdrucksvoller Einsatz neuer Farben und Formen. Ziel war es, sich von den bestehenden Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft abzusetzen und durch Bildende Kunst, Literatur, Musik und Theater einen alternativen Ausdruck zur entfremdeten modernen und urbanisierten Welt zu schaffen.
Die Anfänge der künstlerischen Bewegung in Darmstadt
Auch in Darmstadt entwickelte sich während des Ersten Weltkriegs eine eigenständige avantgardistische Kunstbewegung. Fünf Schüler des Ludwig-Georgs-Gymnasiums – Joseph „Pepy“ Würth, F. C. Lehr, Ludwig Breitwieser, Karl Roller und Ernst Müller – gründeten am 6. August 1915 die Vereinigung „Die Dachstube“. Ihr Ziel: politische Inhalte nicht nur durch Flugblätter, sondern auch durch kunstvoll gestaltete Bücher mit expressiven Texten zu verbreiten. Diese erschienen in kleinen Auflagen und wurden meist an Freunde verschenkt.
Treffpunkt war eine Mansarde in der Hoffmannstraße 19, dem Elternhaus von Pepy Würth. Dort lasen sie sich expressionistische Texte vor, diskutierten das Weltgeschehen und arbeiteten an ihrer Zeitschrift. Der Kreis wuchs rasch – unter den neuen Mitgliedern waren Carl Gunschmann, Hans Schiebelhuth sowie die späteren SPD-Politiker Theodor Haubach und Carlo Mierendorff. Vor allem Mierendorff prägte die Gruppe maßgeblich und gehörte zu den wichtigsten Figuren des Darmstädter Expressionismus.
Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs wandelte sich die politische und gesellschaftliche Stimmung. Die anfängliche Begeisterung wich Ernüchterung und viele Mitglieder kehrten als überzeugte Pazifisten zurück. Im November 1918 erschien das letzte Flugblatt der Dachstube, doch ihr ideelles Vermächtnis blieb bestehen.
„Das Tribunal. Hessische radikale Blätter“
Carlo Mierendorff führte die Ideen der Gruppe über Darmstadt hinaus. Mit der Zeitschrift „Das Tribunal. Hessische radikale Blätter“ schuf er ein bedeutendes Sprachrohr für die Kunst- und Literaturszene. Die Zeitschrift wurde zu einer Plattform für politisch und gesellschaftlich engagierte Kunst und trug die expressionistischen Ideale der Dachstube in eine neue Zeit.
In Anlehnung an die revolutionären Schriften Georg Büchners gab Carlo Mierendorff von 1919 bis 1921 „Das Tribunal“ im Verlag der Dachstube heraus. Seine redaktionelle Arbeit war deutschlandweit beachtet und geprägt von seiner Vision einer friedlichen europäischen Verständigung.
Neben den progressiven Texten trug ein weitreichendes Netzwerk zur öffentlichen Wahrnehmung der Hefte bei. Gemeinsam mit Kasimir Edschmid gewann Mierendorff namhafte Künstler und Literaten wie Max Beckmann, Oskar Kokoschka, Ludwig Meidner, Karl Schmidt-Rottluff, René Schickele, Hans Schiebelhuth und Carl Zuckmayer als Mitwirkende.
Ab 1920 erschien „Das Tribunal“ nur noch unregelmäßig. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und Mierendorffs wachsende Erkenntnis, dass seine politischen Ziele durch die Zeitschrift nicht umsetzbar waren, führten schließlich zur Einstellung der Publikation. Es brauchte neue Wege, um die subversiven Ideen weiterzutragen.
Institutionelle Etablierung von Künstler:innen
Programmatisch und kämpferisch trat der neue Zusammenschluss in Erscheinung, der von Beginn an eine bemerkenswerte öffentliche Wahrnehmung erzielte. 1919 gründete sich die Darmstädter Sezession, die auch heute noch besteht, unter den Ideengebern Kasimir Edschmid und Carl Gunschmann. Ihre ambitionierten und durchaus politischen Ziele, die erstmals im Juni-Heft des Tribunals erschienen, setzte die Vereinigung rasch um. Drei Monate nach Gründung initiierten sie beispielsweise ihre erste Ausstellung, die in der Kunsthalle am Rheintor stattfand und insgesamt 158 Werke von verzeichneten Mitgliedern der Gruppe präsentierte. Generell verband die Darmstädter Sezession in ihrer Tätigkeit Elemente des Spätexpressionismus mit der Neuen Sachlichkeit und trug maßgeblich zu deren Entwicklung bei.
Der „Darmstädter Stil“ als Gegenentwurf
Ein Jahr nach Gründung der Darmstädter Sezession formierte sich 1920 eine weitere Künstlervereinigung: die „Darmstädter Gruppe“. Ihr gehörten vor allem lokale Maler an, darunter Georg Breitwieser, Karl Deppert, Fritz Gils, Willi Hofferbert, Alexander Posch, Marcel W. Richter, Karl Scheld, Fritz Schwarzbeck, Alfred Springer, Lothar Toller und Richard Walter. Ergänzt wurde die Gruppe durch Künstler aus Mainz und Offenbach.
Im Gegensatz zur Sezession, die anfangs eine stark kunstpolitische Ausrichtung hatte, konzentrierte sich die „Darmstädter Gruppe“ ausschließlich auf künstlerische Entwicklungen. Sie prägte eine eigene Variante der Neuen Sachlichkeit, den von Claus K. Netuschil sogenannten „Darmstädter Stil“. Dieser zeichnete sich durch eine flächige Malweise, weiche Übergänge in fast altmeisterlicher Technik und ein kräftiges, von der französischen Malerei inspiriertes Kolorit aus. Damit entstand in Darmstadt eine eigenständige Plattform für avantgardistische Kunst – mit teilweise enger Verbindung zum Zentrum Mannheim. Der fast vergessene Künstler Kay H. Nebel und Reinhold Ewald stellten beispielsweise sowohl in Darmstadt als auch im neusachlichen Mannheim aus. Zeitrelevante Themen wie das Großstadtleben, der Krieg und seine Folgen, die modernen Fabriklandschaften oder auch die neue Frau – als Symbol für ein modernes, selbstbestimmtes Frauenbild – fanden Ausdruck in den Werken.
Die Neue Sachlichkeit in Darmstadt brachte eine faszinierende Synthese aus künstlerischer Präzision und einem klaren Blick für die gesellschaftlichen Realitäten der Zeit. Mit der „Darmstädter Gruppe“ und der Darmstädter Sezession entwickelten sich zwei wegweisende Plattformen, die sowohl die Kunstszene der Stadt als auch den deutschen Expressionismus und die Neue Sachlichkeit maßgeblich beeinflussten. Die Künstler:innen der Region nahmen sich der Aufgabe an, die komplexen sozialen und politischen Veränderungen der Weimarer Republik durch ihre Werke zu reflektieren – sei es in der genauen Darstellung des Alltags oder durch die subtile Auseinandersetzung mit der Moderne. Die Darmstädter Künstlerinnen und Künstler hinterließen somit nicht nur einen bedeutenden künstlerischen, sondern auch einen intellektuellen Beitrag zur Kunstgeschichte, der bis heute nachwirkt und dessen Pathos in der Galerie Netuschil lebendig weiterklingt.
„Farbstark und flächig. Aspekte der Neuen Sachlichkeit in Darmstadt“
Die Galerie Netuschil ist bekannt dafür, dass sie nicht nur zeitgenössische Positionen ins Zentrum ihrer Ausstellungstätigkeit rückt, sondern das Scheinwerferlicht auch auf die Kunstgeschichte wirft. Dabei haben es dem Galeristen Claus K. Netuschil Themen angetan, die bislang eher marginal beleuchtet wurden, obwohl sie eine bedeutende Rolle für Darmstadt einnehmen. Nach Ausstellungen zur Darmstädter Brandnacht (2024) oder der Abstraktion in Darmstadt seit 1960 (2020), sind aktuell in den Galerieräumen des legendären Baumhauses in der Schleiermacherstraße Aspekte der Neuen Sachlichkeit zu bestaunen. Insgesamt 25 Künstler:innen werden in der Schau mit ihren malerischen, skulpturalen, zeichnerischen und druckgrafischen Arbeiten präsentiert.
Die Ausstellung „Farbstark und flächig. Aspekte der Neuen Sachlichkeit in Darmstadt“ in der Galerie Netuschil ist bis zum 31. Mai 2025 zu sehen (Do + Fr von 14.30 bis 19 Uhr und Sa von 10 bis 14 Uhr). Begleitet wird sie von einem reichen Rahmenprogramm – unter anderem mit der Soirée „In den Abendwind geflüstert“ am 23. Mai, bei der die Chanteuse Micaela Leon Chansons und Kabarettlieder der 1920er-Jahre vorträgt.
Alle Programmpunkte online unter: galerie-netuschil.net/veranstaltungen














