Foto: Camille Henrot

Die zeitgenössische Filmkunst bekommt eine weitere Spielstätte in Darmstadt. Im neuen Videoraum des Hessischen Landesmuseums, der ab Februar 2019 monatlich wechselnd bespielt wird, präsentiert Kuratorin Gabriele Mackert internationale Videokunst unter dem Titel „Ozeanische Gefühle“. Die Filme wecken und stillen die menschliche Neugier auf Umwelt, Natur, das Entstehen und Enden.

Schon in den Sechzigern hat das hiesige Landesmuseum den deutschen Vorreiter in Sachen Videokunst gegeben: Nach dem Vorbild des New Yorker MoMA präsentierte Peter Sauerlaender unter Museumsdirektor Gerhard Bott bereits damals Leinwand-Klassiker im Kontext der Kunstgeschichte. „Er baute die Projektions- neben den Gemäldeleinwänden auf und brachte frühe Stummfilme und andere Klassiker ins Landesmuseum“, erzählt Gabriele Mackert. Ende der Siebziger habe Sauerlaender seine Sammlung an die Stadt Frankfurt übergeben – und damit den Grundstein für das renommierte Frankfurter Filmmuseum gelegt.

Nun zieht das Landesmuseum wieder nach. In seiner „Galerie der Kunst nach 1945“ (im zweiten Stock) werden in einer ersten Serie Filme internationaler Künstler präsentiert, die sich im weitesten Sinne mit dem menschlichen Erforschen, Verstehen und Gestalten seiner Umwelt und der Natur beschäftigen.

Zeitgenössische Videokunst mit irrer Bildgewalt

Der Titel „Ozeanische Gefühle“ könnte trotzdem irreführend wirken: Mit den Weltmeeren haben die Projektionen, die den Betrachtenden mit einer laut Mackert „irren Bildgewalt“ begeistern, nur im übertragenen Sinne etwas zu tun. Mit dem „ozeanischen Gefühl“ hat vielmehr schon Sigmund Freud das emotionale Einssein mit der Welt beschrieben – und genau diese Emotion sollen die Videokunstwerke erzeugen, die (vorerst) bis Dezember 2019 gezeigt werden.

„Angesichts existenzieller Veränderungen unseres blauen Planeten und bedrohlicher Umweltzerstörung steht das Verhältnis von Mensch und Natur derzeit grundsätzlich infrage und damit jene allumfassende Emotion“, erklärt Mackert. „Die Strategien der Aneignung und Erfindung von Welt, das Streben, die Erde zu erkunden, zu kategorisieren und zu präsentieren, erscheinen gleichsam ,ozeanisch’: unbegrenzt und schrankenlos.“

Von Zukunftsarchäologen und Schöpfungsgeschichten

Eingestimmt auf die neue visuelle Gefühlswelt wird im Landesmuseum am Donnerstag, 31. Januar 2019, von 19 bis 21 Uhr in der „Blue Hour“ mit Cocktails vom Chez-Team und einführenden Worten von Direktor Martin Faass und Kuratorin Dr. Gabriele Mackert. Bis Ende Februar läuft dann der erste Film der Serie: „Grosse Fatigue“ (übersetzt: Große Ermüdung) ist das preisgekrönte Werk der in Frankreich geborenen Wahl-New-Yorkerin Camille Henrot. Für das 13-Minuten-Werk hat sie monatelang im größten Museumskomplex der Welt, dem Smithsonian Institute in Washington, recherchiert. „Im Film sampelt Henrot indianische Mythen, religiöse Schöpfungsgeschichten, Evolutionstheorien, Kosmologie, zoologische Präparate und ethnografische Objekte zu einer zusammengeklickten, stylishen Genesis. Aufpoppende Fenster präsentieren eine fulminante Flut an Fakten und Bildern, die sich zu einem turbulenten Sog exotischer Ideen vom Ursprung des Universums und des Lebens beschleunigt“, heißt es im Programmtext. Klingt trippy.

Das „Video des Monats“-Programm bietet mal laute und schrille, mal poetische und leise Filmkunst. Im März etwa öffnet uns Sven Johne mit seinem Portrait einer Aussteigerin und ihrer Utopie des „echten Lebens“ die Augen. Ursula Biemann entwickelt einen Monat später poetische Science-Fiction zu ökologischen Themen und reiste dafür in entlegene Gebiete. Auch der selbst ernannte Zukunftsarchäologe Julian Charrière ist für seinen im Mai laufenden Film weit gereist, nämlich auf das Bikini-Atoll, das durch amerikanische Atombombentests „von Menschen für Menschen für Millionen von Jahren“ unbewohnbar gemacht wurde.

Danach beschäftigt sich Lisa Rave in „Europium“ nicht nur mit dem metallischen Element, das für die Echtheit der Euro-Banknote bürgt, sondern auch mit dem Spiritualismus, dem Fetischkult und der wechselvollen kolonialen Vergangenheit der Indigenen Neu-Guineas. Eine „Geschichte der Beziehung zwischen Astronomie, Fotografie und den Anfängen des Bewegtbilds“ erzählt Simon Starling in seinem Film „Black Drop“ – und Solveig Settemsdal experimentiert mit flüssigen Formen skulpturaler Zeichnungen, stößt für „Singularity“ etwa mit weißer Tinte in einen Würfel Gelatine vor und wird dabei von der britischen Komponistin Kathy Hinde begleitet. Macht Lust auf mehr, finden wir!

„Ozeanische Gefühle 01“

Der Auftakt zur Videokunst-Serie „Ozeanische Gefühle“ wird am Donnerstag, 31. Januar, von 19 bis 21 Uhr als „Blue Hour“ mit Cocktails vom Chez-Team und Selfie-Wand für die Besucher gefeiert. Der Eintritt zu dieser Vernissage ist frei.

Im Foyer und hinleitend zum Videoraum werden Georges Méliès’ Stummfilmklassiker „Die Eroberung des Nordpols“ und „Die Reise zum Mond“ großformatig gezeigt. Sie flimmerten bereits vor rund 50 Jahren im Landesmuseum.

Im neuen Videoraum im zweiten Stock wird Camille Henrots „Grosse Fatigue“ (2013) auf eine – farblich perfekt abgestimmt – ultramarinblau angelegte Wand projiziert. Der Film läuft den gesamten Februar 2019 über. Museums-Eintritt: 6 €.

www.hlmd.de

Artikel drucken Artikel versenden