Foto: Nouki Ehlers, nouki.co

Seit seinem Antritt 2014 als Intendant des Staatstheaters hat Karsten Wiegand in Darmstadt nicht wenige Menschen vor den Kopf gestoßen. Die Grünen-Politiker:innen in Wiesbaden und Darmstadt stehen jedoch hinter ihm und haben seinen Vertrag nun um fünf weitere Jahre verlängert. Gleichzeitig ermittelt die Staatsanwaltschaft im Haus wegen mutmaßlichen Millionenbetrugs. Und die Gewerkschaft klagt über katastrophale Arbeitsbedingungen. Für Wiegand spricht indes: Er stößt in Darmstadt einen wichtigen Wandel an. Eine Analyse.

„Im Staatstheater herrscht ein Arbeitsklima der Angst. Viele Entscheidungen erscheinen willkürlich. Der persönliche Umgang ist nicht sehr wertschätzend”, berichtet Volker Köhnen von der Gewerkschaft Verdi. Dies führe zu einer Lähmung in der Belegschaft: „Wer im Theater arbeitet, hat eine Leidenschaft für diesen Job. Diese Energien werden ausgebremst“, so der Verdi-Fachbereichsleiter Medien, Kunst und Kultur weiter. Ein ehemaliger Mitarbeiter, der im Sommer aus Altersgründen ausgeschieden ist, erzählt dem P Magazin: „Wir waren hier mal eine große Familie. Dass das irgendwie verloren gegangen ist, ist sehr schmerzhaft.“

Doch von vorne. Im Jahr 2015 ist Karsten Wiegand erst wenige Monate Intendant, da überwirft er sich mit Schauspieldirektor Jonas Zipf. Der Rauswurf macht damals deutschlandweit Schlagzeilen. Denn Zipf wird in Darmstadt geliebt. Sein Weggang ist für viele Bürger:innen ein persönlicher, für die Stadt ein großer künstlerischer Verlust. Zusammen mit ihm gehen drei weitere Mitarbeiter:innen, darunter der Operndirektor. Das Haus verließen seitdem zum einen auch der Generalmusik-, zum anderen der Chordirektor. Zuletzt, Ende 2019, traf es den Geschäftsführer und Stellvertreter des Intendanten Jürgen Pelz, dessen Stelle fast zwei Jahre unbesetzt blieb, während er aufgrund persönlicher Differenzen mit Wiegand trotz laufenden Vertrags zu Hause bleiben musste.

Das zuständige Kultusministerium, geführt von Angela Dorn (Bündnis 90/Die Grünen), weiß um die Probleme in der Verwaltung. Es ruft gleich mehrere externe Berater hinzu, um die andauernden Konflikte in der Theaterleitung zu befrieden. Darunter auch einen Wirtschaftsprüfer – denn finanziell läuft ebenfalls einiges schief. Stellen in Buchhaltung und Controlling bleiben lange vakant.

Dann kommt Corona und verändert alles. Wiegand, so scheint es nach außen, manövriert sein Haus dabei vergleichsweise klug und weitsichtig durch die Krise. Doch am Ende erweitert sich die Liste der Missstände um einen im Raum stehenden Subventionsbetrug: Die Staatsanwaltschaft ermittelt, weil das Theater Kurzarbeitergeld in Höhe von 924.404,76 Euro unrechtmäßig erhalten haben soll.

Nicht nur Steuerzahler:innen, auch Mitarbeiter:innen fühlen sich übervorteilt. Das Theater schickte sie im ersten Lockdown – im April 2020 – unter Anrechnung von Urlaub für elf Tage in außerplanmäßige Theaterferien. Den vermeintlichen Zwangsurlaub, wenn auch in Absprache mit den Abteilungsleitungen getroffen und laut Theater auf freiwilliger Basis, wollte Verdi nicht akzeptieren. Die Gewerkschaft stellt ihren Mitgliedern zunächst eine gemeinsame Klage in Aussicht, verzichtet dann jedoch mangels Erfolgschancen auf den Rechtsweg. Zurück bleibt Frust in der Belegschaft, sowohl gegenüber der Theaterleitung als auch ihrer Gewerkschaft.

Besorgte Zuschriften

Als nun im Winter in der Öffentlichkeit die Frage aufkommt, wie es am Theater weitergeht, steht in Dorns Ministerium und dem ebenfalls grün geführten Magistrat Darmstadts schon lange fest: Wiegands Vertrag, der ansonsten 2024 auslaufen würde, wird ein zweites Mal verlängert. In einem ungewöhnlichen Vorgang macht das die oppositionelle SPD im Frühjahr öffentlich. „Die Fluktuation ist enorm, die Stimmung schlecht, es stehen Betrugsvorwürfe im Raum – da kann man nicht einfach Fakten bis Ende des Jahrzehnts schaffen”, klagt der Darmstädter SPD-Chef Tim Huss an. Auch vier Gewerkschaften, die die 550 Mitarbeitenden am Theater vertreten, versuchen noch zu intervenieren und rufen ihre Mitglieder auf, ihnen von „persönlichen Erlebnissen, Erfahrungen und Vorkommnissen“ zu berichten. Innerhalb weniger Tage seien dabei „zahlreiche besorgte Zuschriften“ eingegangen, berichtet Verdi-Mann Köhnen.

An der Entscheidung der politisch Verantwortlichen ändert das nichts. Dorns Kultusministerium in Wiesbaden und der Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch loben in ihren offiziellen Begründungen neben Wiegands Corona-Management, einer erfolgreichen Digitalisierung und stabilen Zuschauerzahlen vor allem die „Öffnung des Hauses“ – doch dazu später mehr. Auf das Strafverfahren angesprochen, erklärt Partsch dem Darmstädter Echo, er gehe davon aus, dieses werde niedergeschlagen. In einer Magistratsvorlage geht der Oberbürgermeister auch auf die anderen Vorwürfe ein. Sein Fazit: „Planerische Probleme aus der Anfangszeit sind nachhaltig behoben, das Team ist inzwischen seit vielen Jahren erfreulich stabil und sehr leistungsfähig.“ Zu dem jüngsten Konflikt mit Co-Chef Pelz habe Wiegand zwar auch „einen Anteil“ beigetragen. Dies stünde einer dritten Amtszeit jedoch nicht entgegen.

Politische Entscheidung

Die Vertragsverlängerung scheint nicht nur von der künstlerischen Arbeit Wiegands getragen zu sein, die zwar laut Beobachter:innen nicht spektakulär sei, aber mit Opern im Großen Haus durchaus Erfolge vorzuweisen habe. Sie ist eine politische Entscheidung. Dass nahezu zeitgleich der Intendant am Staatstheater Wiesbaden unter lautem Getöse seinen Abgang inszeniert hat, mag da ebenfalls mit reinspielen. Der gechasste Uwe Eric Laufenberg trug den Konflikt öffentlich aus. Da tat Ministerin Dorn die Kontinuität in Darmstadt mit einem Karsten Wiegand, der die politische Klaviatur wesentlich besser zu beherrschen scheint, entsprechend gut.

Dabei ist das Staatstheater per se schon immer auch eine politische Einrichtung. Anfang des 19. Jahrhunderts öffnete Großherzog Ludwig I. sein Hoftheater für alle Bürger:innen. Vor der Machtergreifung der Nazis erreichte Intendant Gustav Hartung mit Uraufführungen moderner Autoren internationale Beachtung. In den 1950er- und 1960er-Jahren prägten die Darmstädter Gespräche, bei denen auch die Philosophen der Frankfurter Schule, Adorno und Horkheimer, auftraten, die bundesdeutsche Geschichte. Und mit dem Neubau Anfang der 1970er, der bei damals beachtlichen Baukosten von 70 Millionen D-Mark bis heute mit den beiden hohen Bühnenaufzügen das Stadtbild prägt, versicherte die Politik sich und den Bürger:innen Darmstadts eine besondere kulturelle Relevanz.

Dabei bleibt es ein gigantischer Zuschussbetrieb: Von seinem Jahresbudget von rund 30 Millionen Euro kann das Staatstheater gerade mal wenig mehr als ein Zehntel selbst über den Eintritt einspielen. Den Rest tragen die Stadt und das Land. In den Nullerjahren wurden 70 Millionen Euro in die Sanierung der Gebäude, der Technik und des Vorplatzes gesteckt. Auch wenn die Zeiten, in denen die weltweite Theaterlandschaft auf Darmstadt blickte, lange vorbei sein mögen. Der dabei zu einem offenen und weiten Feld umgestaltete Georg-Büchner-Platz lässt sich dennoch als Ausdruck zeitgenössischer gesellschaftlicher Themen lesen.

Wiegand öffnet „Theater für alle“

So hat das Theater nun einen weiteren Schauplatz, der – anders als die eingemauerten Spielorte des Großen und Kleinen Hauses sowie der Kammerspiele – außen liegt. Auf diesem Vorplatz kann es sich für Menschen öffnen, die nicht gestandene Theatergänger:innen sind, sondern an seinem zentralen Ort nur zufällig in ihrem Alltag vorbeikommen. Sich genau diesem Auftrag verpflichtet zu fühlen, hat Wiegand von Anfang an formuliert. So gibt es nun schon Karten für zehn Euro. Und wenn an einem Sommerabend auf dem Büchner-Platz neben dem klassischen Orchester auch HipHop-Acts auftreten, stellt das Theater keine Zäune auf, sondern hält die Flächen an den Seiten frei für Menschen ohne Billett.

Wiegand zählt im Gespräch mit dem P Magazin viele weitere Beispiele für einen Wandel von der Ausrichtung auf das Bildungsbürgertum zu einem „Theater für alle“ auf. Dazu gehören das aktuell laufende Langzeitprojekt „Auftritt/Enter Darmstadt“ genauso wie Kindermusicals, für die sich Karten kaufen lassen, das aber auch Familien ohne Ticket einlädt, wenn sie am Brunnen auf dem Vorplatz von der Musik ins Gebäude gelockt werden. Auch künstlerisch hat sich das Theater der freien Theaterszene geöffnet, das in Darmstadt nicht nur beachtenswert breit aufgestellt, sondern naturgemäß auch wesentlich diverser ist als der Staatsbetrieb. „Es ist meine Aufgabe, auch Sachen zu bringen, die außerhalb meines Horizonts, meiner Perspektive oder meines Verständnisses liegen“, fasst Wiegand zusammen.

Der Anspruch der Grünen

Seine Ausführungen schließen dabei nicht nur an die gegenwärtige Identitätsdebatte über die Privilegien des alten weißen Mannes und die Sichtbarmachung von Perspektiven bislang marginalisierter Gruppen an. Sie entsprechen auch dem Anspruch der Grünen, deren Klientel sich zwar aus dem gehobenen Bildungsbürgertum speist, sich aber als woke und progressiv versteht.

Nicht allen seinen Mitarbeiter:innen gegenüber scheint Wiegand jedoch bislang dem Anspruch erweiterter Beteiligung gerecht geworden zu sein. Allerdings ist sich die Theaterleitung der Problematik durchaus bewusst und diese auch angehen zu wollen. „Es gibt viele verschiedene Erfahrungen und Stimmungen im Staatstheater“, sagt Wiegand. „Alle nehmen wir ernst und suchen den Austausch darüber, was gut läuft und was besser werden kann.“ Nach langer Vakanz verfügt das Theater mit der neuen Geschäftsführenden Direktorin Andrea Jung seit Oktober nun wieder über eine Doppelspitze. „Unser gemeinsames Ziel ist, in den kommenden Monaten einen starken Fokus auf die internen Prozesse und ein gutes Miteinander zu legen“, verspricht Jung. Und auch Oberbürgermeister Partsch scheint guter Dinge: „Dem Intendanten sollte aus Sicht des Landes in einer weiteren Amtszeit somit die Chance gegeben werden, in einem endlich funktionierenden Haus seiner künstlerischen Arbeit nachgehen zu können.“

 

Der Autor und das Staatstheater

Sebastian Weissgerber, der Autor dieser Stadtpolitik-Kolumne, hat unter der Intendanz Karsten Wiegands zweimal für das Staatstheater Darmstadt Kunstausstellungen kuratiert. Sein Onkel war dort mehr als 30 Jahre als Bühnentechniker angestellt.

 

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