Foto: Jan Ehlers
Foto: Jan Ehlers

Es gab einmal eine Zeit in Deutschland, da verschwanden Menschen mit jüdischen Wurzeln spurlos. Nicht einfach so: Sie wurden deportiert und in Todeslagern ermordet. Das Erinnerungsprojekt „Stolpersteine“ möchte das Gedenken an die jüdischen Opfer der Nazi-Zeit auch im Alltag wachhalten. In mittlerweile 18 europäischen Ländern kann man deshalb bereits über fast 50.000 solcher Steine stolpern – auch in Darmstadt.

Die Stolpersteine legen eine Spur: von der Erinnerung an die Erinnerung zur Erinnerung, eine Spur der Steine in unser Gedächtnis. Man sieht diese kleinen Gedenktafeln, wenn man zufällig gen Boden schaut und dort etwas glänzen (oder auch nicht mehr so glänzen) sieht: quaderförmige Betonsteine, Kantenlänge: 96 mal 96 Millimeter, auf der Oberseite eine mit Namen und Datum beschriftete Messingplatte. Sie werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer ebenerdig in das Pflaster beziehungsweise den Belag des jeweiligen Gehwegs eingelassen.

Das 1992 begonnene Projekt „Stolpersteine“, das damals als illegale Kunstaktion begann, provoziert vielerorts: Wenn dessen Initiator Gunter Demnig aufgrund seines Engagements mit dem Eugen-Kogon-Preis ausgezeichnet wird und gleichzeitig in Hamburg über die von ihm unreflektierte NS-Sprache stolpert, über Worte wie „Rassenschande“ und „Gewohnheitsverbrecher“. Oder 2011, als das Finanzamt Köln Demnigs geringeren Steuersatz für urheberische Kunstwerke rückwirkend aufhebt, weil es keine Kunst und keine schöpferische Tätigkeit darin sah, Steine zu verlegen. 27.000 Steine seien Massenproduktion, auch wenn sie per Hand hergestellt und verlegt würden – so die Begründung. Oder für Charlotte Knobloch, die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde in München, die gegen die Verlegung argumentiert, weil ihrer Meinung nach die Würde der Opfer dadurch nachträglich und buchstäblich mit Füßen getreten würde.

Aber viele Menschen interessieren sich erst aufgrund der Stolpersteine für die Geschichte und die Schicksale, die hinter ihnen stehen. So gibt es beispielsweise seit einiger Zeit die Möglichkeit, mit einer Putzpatenschaft eine kleine Geste des Gedenkens mit einer guten Tat zu verbinden. Das P fragt bei Marcel Graf einem der ersten Putzpaten in Darmstadt, nach, warum er sich um die Stolpersteine kümmert.

Marcel, wie bist Du auf die Idee gekommen, Stolpersteine zu polieren?

Marcel: Auf dem Weg zur Arbeit fuhr ich immer mit dem Fahrrad an den Steinen am Rhönring vorbei und habe mich jedes mal darüber geärgert, dass sie so schmutzig und „unsichtbar“ wirkten. Dagegen wollte ich etwas machen. In einer kurzen Mail fragte ich bei der Stadt Darmstadt, ob es denn für die Stolpersteine in Darmstadt „Putzpaten“ gäbe – wie es in anderen Städten auch üblich ist. So bin ich zu meiner ehrenamtlichen Tätigkeit gekommen.

Gibt es für das Putzen der Stolpersteine eine bestimmte Technik?

M: Das Putzen an sich ist relativ einfach: Man benötigt einen Eimer mit Wasser, einen Schwamm, zwei Lappen und ein Metallreinigungsmittel. Bei der Benutzung von Metall-Putzmitteln muss man aber darauf achten, dass das Mittel gering dosiert ist. Und man sollte es zunächst auf einen Stofflappen geben und nicht direkt auf die Messingplatte. Dadurch vermeidet man weiße Putzmittelränder auf dem umliegenden Pflaster. Nachdem man die Messingplatte mit der Reinigungsmilch eingerieben hat, lässt man das Mittel für zirka eine Minute antrocknen. Danach die Messingplatte mit einem trockenen Tuch blank reiben. Sollte das Reinigungsergebnis danach noch nicht befriedigend sein, das Ganze einfach nochmal wiederholen. Bei stark verunreinigten Stolpersteinen können zusätzlich auch Wasser und die harte Seite eines handelsüblichen Küchenschwamms verwendet werden. Fertig.

Wo liegen Stolpersteine in Darmstadt?

M: Die Orte können auf dem interaktiven Stadtplan auf der Homepage der Stadt Darmstadt eingesehen werden, dort einfach nur den Suchbegriff „Stolpersteine“ eingeben. Soweit ich weiß, sind bis jetzt 190 Steine in Darmstadt einschließlich Eberstadt und Arheilgen verlegt. Könnte aber sein, dass es schon mehr sind.

Wie viele Putzpaten gibt es hier in der Umgebung?

M: Dem Kulturamt der Stadt sind derzeit wohl acht „Putzpaten“ namentlich bekannt, hinzu kommen zwei Schulklassen (rund 70 Schüler). Daneben reinigen auch manche uns nicht persönlich bekannte Menschen hin und wieder einen Stein.

Hast Du Stolpersteine, um die Du Dich bevorzugt kümmerst?

M: Ich kümmere mich um die vier am Rhönring verlegten Stolpersteine. Es handelt sich um die Steine von Amalie, Fanny und Margarethe Goldstein (Rhönring 101) und von Rudolf Engelmann (Rhönring 14).

Herzlichen Dank für Dein Engagement – und das kurze Gespräch.

 

Informieren und polieren

Die Stolpersteine und ihre Verlegung werden finanziert durch Paten, die für einen Stein 120 Euro spenden. In Darmstadt koordiniert der „Arbeitskreis Stolpersteine“ die Verlegung in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt. Seit 2005 wurden in Darmstadt und Umgebung zirka 190 Stolpersteine verlegt. Wenn Ihr Interesse an der Mitarbeit im „Arbeitskreis Stolpersteine“ habt, schreibt an: Bernhard.Baum@Darmstadt.de

www.darmstadt.de/standort/stadtportraet/gedenkstaetten

Interaktiver Stadtplan der Stadt Darmstadt: www.cityguide-darmstadt.de/stadtatlas/html/de/SP1024x768XL.html

Weitere Informationen zum Projekt „Stolpersteine“: www.stolpersteine.eu

Link zu Reinigungs-PDF: www.stolpersteine-bremen.de/download/Leitfaden%20Reinigung.pdf

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