Foto: Nouki Ehlers, nouki.co

Die Überraschung war groß Ende August, als Lilienspieler Braydon Manu erstmals eine Einladung zur ghanaischen Nationalmannschaft erhielt. Selbst für den bislang von zahlreichen Verletzungen gebeutelten 24-Jährigen kam die Nominierung unerwartet. Und wer weiß? Vielleicht stehen noch andere Spieler des SVD auf dem Zettel der Ghanaer. Schließlich haben vier weitere von ihnen ghanaische Wurzeln.

Der SVD macht den Fans in dieser noch jungen Spielzeit eine Menge Spaß. Bereits drei Kantersiege gegen Ingolstadt, Hannover und Sandhausen sammelten die Blau-Weißen bis Anfang Oktober. So viele wie sonst in einer ganzen Spielzeit nicht. Was den Kader dabei auszeichnet, ist seine Breite. 19 verschiedene Spieler haben in den ersten neun Saisonspielen mindestens einmal in der Startformation gestanden. Und dabei konnten die beiden Langzeitverletzten Marvin Mehlem und Tim Skarke, die sonst ebenfalls erwartbare Startelfkandidaten gewesen wären, noch nicht einmal mitwirken. Selbst kurzfristige Ausfälle konnte das Team immer besser kompensieren. Allein fünf verschiedene Innenverteidiger, von Youngster Clemens Riedel bis Neuzugang Jannik Müller, liefen bislang von Beginn an auf. Dabei geriet die immer wieder veränderte Defensive nie derart ins Schwimmen, wie über lange Strecken der vergangenen Saison.

Zwölf Spieler mit Migrationshintergrund

Was den Lilienkader neben seiner Breite ebenfalls auszeichnet, ist seine Vielfalt. Nicht weniger als zwölf Spieler besitzen einen Migrationshintergrund. Damit steht der Kader stellvertretend für die heutige Gesellschaft in Deutschland, in der mehr als ein Viertel über ausländische Wurzeln verfügt. Besonders hoch ist die Zahl an Spielern mit ghanaischem Background: Neben dem eingangs erwähnten Braydon Manu haben auch Erich Berko, Aaron Seydel, Patric Pfeiffer und Frank Ronstadt mindestens ein Elternteil aus Ghana. Was sie zudem eint: Sie sind allesamt in Deutschland geboren. Manu, Pfeiffer und Ronstadt in und bei Hamburg, Berko in der Nähe von Stuttgart sowie Seydel im hessischen Langen. Außer Manu liefen alle in Juniorennationalmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes auf. Da sie aber noch kein Pflichtspiel für die deutsche Männer-Nationalelf bestritten haben, könnten sie irgendwann einmal für Ghana auf dem Platz stehen. Und warum auch nicht? Berko und Manu haben bereits in Interviews bestätigt, dass sie mit Twi die gängigste Landessprache beherrschen. Seydel hat noch zu Kieler Zeiten berichtet, dass er zahlreiche enge Verwandte in dem westafrikanischen Land habe, die er häufiger besuche.

Auf dem Weg zur WM?

Gestandener Nationalspieler für das Heimatland seiner Eltern ist inzwischen Klaus Gjasula. Der Defensivspezialist bestreitet aktuell mit Albanien eine bemerkenswert gute WM-Qualifikation. Der inzwischen 31-Jährige ist dabei eine Art Spätzünder. Lange Zeit spielte Gjasula, der als Baby mit seinen Eltern nach Freiburg kam, für Dritt- und Viertligisten – bis er mit Paderborn als Endzwanziger erstmals Zweit- und später sogar Erstligaerfahrung sammeln durfte. 2019 debütierte er dann in der albanischen Nationalelf. Er tritt damit in die Fußstapfen seines ursprünglich höher gewetteten Bruders Jürgen, der bereits 2013 das albanische Trikot trug. Im letzten Jahr bestätigte der SVD-Profi übrigens im Fußballmagazin „11Freunde“, dass er und sein Bruder ihre für albanische Verhältnisse ungewöhnlichen Vornamen dem Schauspieler Klausjürgen Wussow verdanken: Gjasulas Oma fand die TV-Serie „Schwarzwaldklinik“ demnach so toll, dass die Namensgebung der beiden Enkel offenbar unausweichlich war.

Spielberechtigt für zwei Nationalmannschaften

Das Trikot von Polens Nachwuchsnationalmannschaft zog sich bereits Adrian Stanilewicz über. Der in Solingen zur Welt gekommene und bei Bayer Leverkusen ausgebildete Kicker war aufgrund seiner polnischen Eltern für die Auswahl unseres östlichen Nachbarlandes spielberechtigt. 2019 wechselte er vom deutschen zum polnischen Verband und trat bei der U20-WM in Polen an, bei der er es mit Polen bis ins Achtelfinale schaffte.

Mit Enver Arslan und John Peter Sesay konnten zwei Junglilien in dieser Saison ebenfalls schon Zweitligaluft schnuppern. Auch die beiden tragen ihren Teil zum bunten Mix im Lilien-Kader bei. Während Arslan türkische Wurzeln hat, liegen sie bei Sesay in Sierra Leone. Auch sie wären bei einer entsprechend erfolgreichen Karriere Kandidaten für zwei Nationalteams. Darüber hinaus bringen drei ausländische SVD-Profis eine Migrationsgeschichte mit. Der Schwede Thomas Isherwood hat – wie der Nachname schon vermuten lässt – einen Vater, der aus England stammt. Emir Karic und Nemanja Celic hingegen treten in die Fußstapfen der vielen österreichischen Fußballer mit familiärem Background im ehemaligen Jugoslawien. Die beiden in Linz geborenen Spieler sammelten bislang jedoch ausschließlich Einsatzzeiten in diversen österreichischen Juniorennationalmannschaften.

Integration durch Sport

Zahlreiche Lilienspieler verfügen also über reichlich Migrationserfahrung. Und dennoch spielten sie fast alle für die Juniorennationalteams der Länder, in die ihre Eltern oder zumindest ein Elternteil eingewandert waren. Ein Beleg dafür, wie der Sport dazu beiträgt, die Integration zu fördern. Wobei das Wort Integration eigentlich überstrapaziert wird. Umso mehr, wenn ein Elternteil überhaupt keine ausländischen Wurzeln hat. Und selbst, wenn beide Eltern aus dem Ausland stammen, dann wurden Berko, Karic & Co. in die Gesellschaften hineingeboren, in denen sie sozialisiert wurden. Sei es über Freunde, Schule oder eben den Sport. Und das verrät auch der Zungenschlag. So hat Berko vor wenigen Jahren Schwäbisch als seine Muttersprache bezeichnet, wohingegen der österreichische Dialekt bei Karic und Celic nicht zu überhören ist. Schöne, bunte Lilienwelt.

 

Duelle mit Tradition

So, 07.11., 13.30 Uhr: FC Schalke 04 – SV Darmstadt 98

Sa, 20.11., 13.30 Uhr: SV Darmstadt 98 – FC St. Pauli

Sa, 27.11., 13.30 Uhr: Erzgebirge Aue – SV Darmstadt 98

sv98.de

 

Matthias und der Kickschuh

Seit Ende 2011 schreibt Kickschuh-Blogger Matthias „Matze“ Kneifl über seine große Leidenschaft: den Fußball. Gerne greift er dabei besonders abseitige Geschichten auf. Kein Wunder also, dass der studierte Historiker und Redakteur zu Drittligazeiten begann, über die Lilien zu recherchieren und zu schreiben. Ein Resultat: das Taschenbuch „111 Gründe, den SV Darmstadt 98 zu lieben“, das (auch in einer erweiterten Neuauflage 2019) im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen ist. Seit Juli 2016 begleitet Matthias gemeinsam mit vier Mitstreitern die Lilien im Podcast „Hoch & Weit“. Genau der richtige Mann also für unsere „Unter Pappeln“-Rubrik!

kickschuh.blog