Foto: Jan Ehlers
Foto: Jan Ehlers

Auf kein Interview mussten wir so lange warten – ganze drei Jahre. Der eine, Thomas Hammann, ist seit Jahrzehnten so etwas wie der Diamant unter Darmstadts DJs. Die Graue Eminenz in Sachen House-Music, aber ebenso bewandert in vielen weiteren Genres. Der andere, Gerd Janson, ist sein DJ-Pendant, für den Gleiches gilt, der aber mittlerweile öfter in London, New York oder Tokio anzutreffen ist, da er eine atemberaubende Karriere hingelegt hat. Quasi versehentlich, wie er uns erzählt. Obwohl jeder für sich einen Artikel wert wäre, war es unser unbedingter Wunsch, die beiden gemeinsam zu befragen, da sie als kongeniales Duo vor und noch mehr hinter den Plattentellern ein wirklich exorbitant großes Vergnügen sind.

Wann habt Ihr Euch kennengelernt?

Thomas [an Gerd]: Über meinen Plattenladen, oder?! Das Pentagon hatten Arndt Jahraus [betreibt auch die P2-Modeshops, Anm. d. Red.] und ich 1997 übernommen …

Gerd: Nee, eher kurz vorher im Kesselhaus [früher legendärer Darmstädter Club]. Da war ich noch Kind und Du schon großer DJ [lacht].

Aber danach warst Du Thomas’ bester Kunde in seinem Plattenladen?

G: Eher Stalker.

Warum habt Ihr das Pentagon [bis vor kurzem in der Rheinstraße 22] jetzt geschlossen, Thomas?

T: 16 Jahre waren genug. Früher war es fast ein reiner Plattenladen und jetzt war für mich einfach etwas zu viel Mode dabei, weil Platten sich kaum noch verkaufen. Es war aber eine wunderbare Zeit.

Seid Ihr beide eigentlich Ur-Heiner?

G: Definitiv nein. Geboren in Rumänien, dann mit den Eltern rüber und seitdem in Lorsch. [grinst] Liebe Booker, ich verdiene so wenig Geld, dass ich dort immer noch offiziell bei meinen Eltern auf dem Dorf wohne. Ich habe aber nie das Gefühl, mir fällt da die Decke auf den Kopf, weil ich als DJ und Journalist ja permanent unterwegs bin.

T: Und ich darf gar nicht preisgeben, dass ich eigentlich in Griesheim wohne. G-Town, hartes Pflaster.

[Das P kratzt sich am Kopf] Das hat ja mal beides überhaupt nichts mit Heinertown zu tun …

G: Ich frag mich auch, was das mit dem Interview soll.

Egal, wir ziehen das jetzt durch. Gerd, Deine ersten Erfahrungen mit Musik?

G: In den frühen 1990ern war ich wegen der Breakbeat-DJs oft im „Milk!“ in Mannheim [legendärer Club mit Xavier Naidoo als Türsteher damals].

T: Jaja, in Darmstadt hat der Gerd damals immer einen auf cool gemacht und in Mannheim albern zu Breakbeats gezappelt.

G [grinst]: Hehe. Die erste wichtige Platte war für mich „Total Confusion“ [1990] von „A Homeboy , A Hippie & A Funki Dredd“ aus England … da war quasi alles schon drin: Techno, House, HipHop, Disco-Rave. [Thomas nickt beipflichtend]

Du hast parallel damals auch als Musik-Journalist begonnen.

G: Ja, direkt nach dem Abi mit ersten Rezensionen für die Magazine Groove und Spex. Das mache ich auch weiterhin. Aber es ist zunehmend verwirrend. Es kommt mehr Musik raus als jemals zuvor. Wenn ich jetzt wieder jung wäre, wäre alles völlig unüberschaubar für mich. Früher ging man ein-, zweimal im Jahr auf Plattenbörsen und hat eine Platte fünf Jahre lang gesucht.

T: Und heute kriegt man alles sofort auf Discogs.com, per Youtube oder Shazam. Das ist zwar der schnellere Bildungsweg, aber überhaupt nicht mehr spannend.

G: Im Moment habe ich das Gefühl, dass man sich alles aus den Dekaden und Segmenten zusammenbaut. Wie in so einem Swinger-Club: Alles kann, nichts muss. Mir etwas zu Laissez-faire.

Wie fing es bei Dir mit der Musik an, Thomas?

T: Erste Erinnerung: 1983 das Konzert von The Police am Böllenfalltor.

[Dem P fällt die Kinnlade runter]: Die waren am Bölle?

T: Yep. Im gleichen Jahr hat mich mein älterer Bruder auch zu einem Konzert vom HipHop-Pionier Kurtis Blow mitgenommen. Da hat es mich erwischt. Solchen „Block-Party“-HipHop wollte ich künftig auch machen als DJ. Erst machte ich Mixtapes und verkaufte die auf dem Schulhof, um meinen Plattenkonsum zu finanzieren.

G: Jaja, die Drogen …

T: Meinen ersten regelmäßigen Job als HipHop-DJ hatte ich dann Ende der 1980er im Club „Abfahrt“ in Eberstadt [na, Ihr wisst ja, legendärer Club und so …]. Und danach kam das wunderbare Kesselhaus.

Ab wann tratet Ihr erstmals als quasi DJ-Twins auf?

T: Ata Mascis [DJ & Betreiber des Clubs Robert Johnson in Offenbach] sprach mich so um 1999 als DJ fürs Robert Johnson an und ich durfte jemanden mitbringen. Also habe ich meine besten Kunden und ambitioniersten Jung-DJs mitgenommen: Gerd Janson und seinen Kumpel Sven Helwig [auch heute noch viel als DJ unterwegs].

G: … nur damit wir noch mehr Geld in Deinem Laden ausgeben mussten.

T [schmunzelt]: Das war schon immer meine Taktik.

G: Strippenzieher Thomas eben. Das war zumindest mein richtiger Einstieg als DJ, da daraus im Robert ja gleich die bis heute bestehende DJ-Reihe „Liquid Liquid“ wurde, die wir beide immer noch hosten.

Was ging in Darmstadt zu der Zeit nach dem Ende des Kesselhauses [1999]?

T: Da gab es immer noch coole kleine Locations wie die Linie Neun vom Flo [Schropp, in Griesheim] oder das Blumen vom Konni [Papageorgiou und weiteren Partylöwen]. Und dann kam ja 2003 das 603qm [jajaja, alles legendär, blablabla].

Warum funktioniert Ihr als Team so gut?

T: Wir haben ähnliche Wurzeln. Weit über Techno und House hinaus. Können also auf alle Stimmungen reagieren. Wenn es gut läuft, tanzen wir selber die ganze Nacht. Gerd noch mehr als ich. Als Tänzer erfährt und versteht man die Musik eigentlich am besten. Eine gute Grundlage.

G [verschmitzt]: Ich bin professioneller Party-DJ. Ich kann das eigentlich mit jedem! Und jetzt mit USB-Stick geht das noch einfacher.

Was sind Eure DJ-Vorlieben? Vor allem Eure Deep-House-Sets sind ja legendär [nicht schon wieder …].

G [grinst]: Ich bin eigentlich ein hundsgemeiner Techno-DJ. Und neuerdings gerne wieder Acid.

T: Der Gerd hat schon im Berghain im Keller aufgelegt. [grinst noch heftiger] Wilder geht es echt nicht, ohne zu viel zu verraten.

Gerd [lenkt ab]: Man spürt schon, wie das Publikum reagiert, und richtet sich danach. Auch wenn Thomas da mit seiner „B-Seiten“-Melancholie kokettiert …

T [lacht]: Das war damals. Mittlerweile mache ich auch keine Gefangenen mehr.

G: Das hängt von so vielen Faktoren ab. Das Soundsystem, der Raum, die Atmosphäre … das soll jetzt aber nicht bescheuert esoterisch klingen.

Gerd, Du bist ja praktisch jedes Wochenende weltweit unterwegs, mit zwei, drei Terminen in unterschiedlichen Ländern. Wie schaffst Du das?

G: Keine Ahnung, ich bin eigentlich ultraschlecht im Zeitmanagement. Deshalb hab ich wohl auch mein Studium nicht gepackt.

[Das P süffisant] Und deshalb mussten wir ja auch drei Jahre auf das Interview warten. Warum kommst Du nicht so weit rum, Thomas?

G [knüpft an]: … obwohl Du so viel besser bist als DJ?!

T: Weil Du mich irgendwann rechts überholt hast. Ich bin vom Wesen her vielleicht ein bisschen kauziger. Kleine DJ-Ausflüge habe ich schon gemacht, nach Amsterdam, nach Berlin …, aber das war mir immer zu viel Zirkus. Ich war da zu emotional. Wenn der Club dann voll war mit Leuten mit einer Erwartungshaltung, spielte ich lieber B-Seiten. Das war eher kontraproduktiv [beide schmunzeln]. Ich bin auch nicht so flexibel und lege immer noch 95 Prozent Vinyl auf. Gerd reist aber so viel, dass er eben immer mit dem Gepäck aufpassen muss. Da läuft das eben dann digital leichter.

G: Manche Clubs in England haben wirklich keine funktionierenden Plattenspieler mehr.

Aber Ihr wirkt nach außen hin ähnlich bescheiden und zurückhaltend. Was war bei Dir dann anders, dass Du so erfolgreich wurdest, Gerd?

T: Er sieht einfach netter aus.

Gerd [lacht]: Gute Frage, ich kann mich da nicht selbst beurteilen. Ich habe in meinem Leben noch nie Entscheidungen getroffen. Bin eher ein krasser Phlegmatiker. Irgendwo anklopfen ist nicht mein Ding.

T: Wir stammen aus einer Szene, wo es immer verpönt war, sich selber zu hypen. Dem Gerd ist das alles zugefallen. Der ist eben super vernetzt, gerade durch das Journalismus-Ding. Er ist der DJ für die DJs. Die ganzen Meinungsmultiplikatoren finden ihn eben total geil.

G [rümpft die Nase]: Blablabla …

Gerd, Du betreibst auch das mittlerweile sehr erfolgreiche Label „Running Back“. Wie kam es dazu?

G: Ich stolpere da immer so rein ohne große Vision. Eigentlich hatte mich Torsten Scheu dazu überredet. Der bekam aber irgendwann eine „Bumm Bumm“-Sinnkrise und macht jetzt zusammen mit Atze Knauf das Darmstädter Label „Sundae Soul Recordings“.

Und was läuft aktuell an Veröffentlichungen?

G [ironisch]: Immer der gleiche Scheiß: „Bumm Bumm“. Gerade Maurice Fulton als Syclops, Roman Flügel unter seinen alten Pseudonymen Roman IV und Holy Garage. Und Thomas endlich als 808mate.

T: Nach meinem ersten Release vor kurzem auf dem Label „Workshop“ bin ich auf den Geschmack gekommen.

G: Siehste, gleich dreht er durch. Ich bin da eher professioneller Amateur und mache immer nur Auftragsarbeiten. Dafür habe ich noch nie was produziert, was an die neuen Stücke vom Thomas ran reicht.

T: Ach, hör auf. Die Hälfte des Interviews kannste streichen, weil der Gerd rum juxt.

Als Journalist weiß er eben am besten, wie langweilig Standard-Antworten auf Standard-Fragen klingen. Daher die letzte Standard-Frage: Welche DJ-Stars wünscht Ihr Euch noch für Eure „Liquid Liquid“-Reihe im Robert Johnson?

T: Viele wie Moodymann und Theo Parrish hatten wir ja schon bei. Aber DJ Sprinkles [Terre Thaemlitz] hat noch nie geklappt.

G: Und die anderen sind alle tot. Wir sind ja selber die krassesten Typen. Wir laden die anderen ja nur ein, um uns selber zu profilieren.

T [an mich gerichtet]: Siehste. Und auf so ein Interview hast Du jetzt drei Jahre gewartet?

Ja, absolut! Vielen Dank.

 

Das Label „Running Back“ :

www.running-back-records.tumblr.com

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