Foto: Albrecht Haag

Oftmals sind Empfehlungen besonders wertvoll, um Neues zu entdecken. Also fragen wir namhafte Darmstädter nach ihren fünf liebsten Favoriten in drei selbst ausgewählten Kategorien. Diesmal stellt uns Thomas Schäfer, Direktor des Internationalen Musikinstituts Darmstadt (IMD) und Künstlerischer Leiter der Darmstädter Ferienkurse, seine liebsten Bücher, Tonträger und Filme vor.

Top 5 Bücher:

Christian Kracht: Faserland (1995)

Kracht war 28, als er 1995 „Faserland“ publizierte. Sein erster Roman, den sein Verlag Kiepenheuer & Witsch eigentlich gar nicht herausbringen wollte, weil er eine einzige Zumutung sei. Ich war 1995 gleich alt wie Kracht, mitten im Studium und empfand dieses Text gewordene Road Movie nicht als Zumutung, sondern als befreiend – so ist das in dem Alter, auch wenn die Hauptfigur alles andere als sympathisch rüberkommt. Heute würde ich „Faserland“ vermutlich anders lesen … zumal Kracht seit diesem Frühjahr sein eigenes Schreiben öffentlich ganz neu verortet hat.

Peter Handke: Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994)

Ein Jahr vor Krachts „Faserland“ ist Handkes „Niemandsbucht“ erschienen. Ein größerer Gegensatz lässt sich kaum denken. Das Buch, Handkes wohl intensivste Auseinandersetzung mit dem eigenen Schreiben, erinnere ich als eine hin- und mitreißende Suchbewegung. Klar gibt es eine „Handlung“ in diesem 1.000-Seiten-Buch. Wir folgen dem Ich-Erzähler und Schriftsteller Gregor Keuschnig, aber eigentlich begegnen wir uns, wenn wir den hohen Ton Handkes aushalten, in wunderbarer Weise selbst. Nichts anderes schafft große Literatur.

Jonathan Franzen: Korrekturen (2001)

Dieses Buch hat mich verändert. Ein einziger, unheimlicher Sog. 2001, als die „Korrekturen“ erschienen, war ich gerade so richtig in Wien angekommen, genoss die Stadt und wunderte mich zugleich immer noch über deren Bewohner*innen. Franzens dritter Roman machte ihn berühmt – zu Recht, ein 800-Seiten-Schinken, der ein solch anrührendes, beklemmendes und zugleich faszinierendes Familien-Panorama des amerikanischen Mittelstands entwarf. Die maximal unausstehliche Hauptfigur Alfred verliert ganz allmählich erst sein Gedächtnis, dann seinen Verstand, seine Umwelt und schließlich sich selbst. Eine verlassene, verlorene Kinderseele, die aber immer noch imstande ist, eine ganze Familie zu tyrannisieren.

Thomas Mann: Doktor Faustus (1947)

Vielleicht der Künstlerroman par excellence – die Musik und ihr Zauber, die hier im Mittelpunkt stehen, haben mich sofort ergriffen. Merkwürdig, dass alles Fiktion ist, Adrian Leverkühns Hauptwerk „Apocalipsis cum figuris“ habe ich mir im Lesen hörend vorgestellt. Musik am Übergang zur Moderne, erst später habe ich mich näher mit der Problematik beschäftigt, dass Mann natürlich auch einen Deutschlandroman und nicht „nur“ einen Künstlerroman geschrieben hat. Kaisersaschern steht stellvertretend fürs Dritte Reich, Leverkühns Musik als Chiffre für Verführung. Das hat Arnold Schönberg bekanntlich – und verständlicherweise – sehr verärgert.

Bodo Kirchhoff: Die Liebe in groben Zügen (2012)

Kirchhoffs Buch ist alles zugleich: ein großes Buch über die Liebe, die Ehe, das Hochgefühl, das Scheitern, die Möglichkeit, das Altern, die Verlockung, die Leidenschaft, den Glauben. Gibt es mehr, wofür es sich zu lesen lohnt?

 

Top 5 Tonträger:

Ludwig van Beethoven: Streichquartett Nr. 15 a-Moll op. 132 (Melos Quartett)

Der „Heilige Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit“, der zentrale Satz aus Opus 132 von Beethoven, zählte lange Zeit zu meinen unbestrittenen Lieblingsstücken. Ich weiß nicht, wie häufig ich das Quartett oder auch nur diesen einen Satz bisher gehört habe, aber die Schlichtheit und Innerlichkeit dieser Musik berührt mich auch heute noch. Die Aufnahme mit dem Stuttgarter Melos Quartett war für mich immer die schönste Offenbarung.

Luigi Nono: „Fragmente – Stille. An Diotima“ (LaSalle Quartet)

Und noch ein Streichquartett – nur gut anderthalb Jahrhunderte später komponiert. Nonos enigmatisches Stück ist Beethovens „Dankgesang“ nicht ganz unähnlich, nicht nur wegen der in beiden Quartetten verwendeten Vortragsbezeichnung „Mit innigster Empfindung“. Eine sphärische Musik mit Hölderlin-Zitaten, die von den Musiker*innen gar nicht gesprochen, nur imaginiert werden.

Gustav Mahler: 9. Symphonie (Berliner Philharmoniker, Claudia Abbado)

Gustav Mahler ist meine eigentliche Ikone – ich kann mich an meine erste wirklich gute Stereo-Anlage (ja, so was gab es damals) erinnern und wie mich der Finalsatz aus Mahlers Neunter weggetragen hat. Irgendwie sind es doch immer diese Letzten Dinge, um die alles kreist. Das spürt man auch als junger Mensch, denke ich heute zumindest. Besonders Mahlers Musik übersteigt in ihren schönsten, traurigsten, trostvollsten Momenten das Diesseitige auf wundersamste Weise.

Helmut Lachenmann: „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ (Staatsoper Stuttgart, Lothar Zagrosek)

Lachenmanns „Musik mit Bildern“ ist heute legendär – ich durfte bei der Vorbereitung der Premiere des Stücks 1997 an der Hamburgischen Staatsoper Produktionsassistent sein. Und ich muss sagen: Dieses Stück, das dem „Apparat“ so viel Kraft, Energie, Frustration, Lust, Verzweiflung und Freude „zumutet“, hat meine Wahrnehmung zeitgenössischer Musik wesentlich geprägt. Lachenmann, heute 82 Jahre alt, hat selbst von einem „radikalen Wahrnehmungsspektakel“ gesprochen. Ohne Frage eine der bedeutendsten, experimentellsten „Opern“ des vergangenen Jahrhunderts, wenn der Begriff Oper für dieses Stück überhaupt noch taugt.

Johann Sebastian Bach: Goldberg-Variationen (Murray Perahia)

In dem Jahr, als Murray Perahia Bachs „Goldberg-Variationen“ für Sony Music aufgenommen hat, habe ich ihn auch live mit diesem Stück im Großen Saal des Wiener Konzerthauses gehört. Es gibt ja solche Abende – leider doch wohl zu selten –, an denen man auf der Stuhlkante sitzt und nur noch staunt. So erging es mir mit Perahias Interpretation dieser wunderbaren Musik. So federnd leicht, ganz frei, ohne Eile und doch mit Ziel, das vielleicht irgendwo im Jenseits lag.

 

Top 5 Filme:

Florian Henckel von Donnersmarck: Das Leben der Anderen (2006)

Der Regisseur hat sein Langfilmdebüt mit kleinem Budget, kleinen Gagen und großen Schauspieler*innen gedreht. Ich hatte eine eigenartige Affinität zur Ost-Berliner Kulturszene der 1970er und 1980er Jahre. Vieles war sicherlich geschönte Vorstellung ganz abseits der Repressionen, unter denen viele der Künstler*innen zu leiden hatten. Aber hatte die Szene am Prenzlauer Berg dieser Zeit nicht tatsächlich etwas Wahrhaftiges, Unkorrumpierbares, Oppositionelles, Konspiratives?

Wim Wenders: Der Himmel über Berlin (1987)

Zugegeben: Ich habe einen Hang zum (deutschen) Autor*innen-Film. In meiner Erinnerung ist Wenders‘ „Himmel über Berlin“ ein langer schwarz-weißer Filmfluss im Vor-Wende-Berlin mit den beiden hinreißenden Engeln Bruno Ganz und Otto Sander. Handke hat übrigens am Drehbuch mitgeschrieben. Das wundert mich nicht.

Stanley Kubrick: Eyes Wide Shut (1999)

Kubricks letzter Film, kurz nach Fertigstellung des Schnitts starb er. Viele finden, der Film falle im Vergleich zu anderen Arbeiten des Regisseurs ab, ich fand dieses Psychodrama an der Schwelle zwischen Fantasie und Wirklichkeit großartig, so gut, dass ich sogar Tom Cruise aushielt. Sydney Pollack und vor allem Nicole Kidman fangen ihn auf. Schnitzlers bizarre „Traumnovelle“ im New York Ende der 1990er Jahre, gedreht in einem Londoner Studio.

Maren Ade: Toni Erdmann (2016)

Humor hat immer mit Verzweiflung zu tun – das sage nicht ich, sondern die Regisseurin Maren Ade, die sieben Jahre an diesem grandios changierenden Film zwischen Komödie und Trauerspiel gearbeitet hat. Eine unglaubliche Vater-Tochter-Geschichte, die irgendwo im gottverlassenen Bukarest spielt.

Ulrich Seidl: Hundstage (2001)

Noch was Österreichisches. Trostloser geht es kaum. Hundstage sind im Österreichischen (für alle, die den Ausdruck vielleicht nicht kennen) diese ganz heißen Tage im Sommer, an denen man am liebsten vergehen möchte. Eine Wiener Vorstadt, gebrochene Menschen, totale Hitze und alles irgendwie klebrig. Ich kenne übrigens mehrere Österreicher*innen, die diesen düsteren Film nicht ertragen haben und das Kino verlassen mussten.

 

Der Schäfer und die Ferienkurse

Thomas Schäfer leitet seit 2009 das renommierte Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), ein Kulturinstitut der Stadt Darmstadt. Er ist somit hauptverantwortlich für Planung und Durchführung der diesjährigen, 49. Ausgabe der weltweit beachteten Darmstädter Ferienkurse (für Neue Musik) vom 14. bis 28. Juli.

Programm und weitere Infos: www.darmstaedter-ferienkurse.de

 

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