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Seit 18 Monaten ist Florian Kohfeldt Trainer des SV Darmstadt 98. Nachdem seine Verpflichtung von einigen Fans und Experten durchaus kritisch betrachtet wurde, lässt sich inzwischen sagen: Sein Kommen hat sich ausgezahlt. Die Lilien mischen in der Spitzengruppe der 2. Bundesliga mit und überzeugen durch Variabilität, Geschlossenheit, Resilienz – und Heimstärke.

Im September 2024 übernahm Florian Kohfeldt die Lilien im Tabellenkeller der 2. Liga. Er stabilisierte das neu formierte und verunsicherte Team umgehend. Die Mannschaft spielte sich in den darauffolgenden Monaten phasenweise in einen Rausch. Doch der Kater folgte in der Rückrunde. Wichtige Spieler verletzten sich, Siege ließen auf sich warten, die Verunsicherung wuchs und die Abstiegszone rückte wieder näher. Letztlich kratzten die 98er die notwendigen Punkte im Schlussspurt zusammen und beendeten die Spielzeit 2024/25 mit 42 Punkten als Tabellenzwölfter.

Resilienz und funktionierende Eingriffe

In der aktuellen Saison fällt die Zwischenbilanz positiver aus. Nach dem rauschhaften 4:0-Erfolg gegen Kaiserslautern hatten die Lilien bereits Anfang Februar 41 Punkte auf dem Konto. Nach gerade mal 21 von 34 Spieltagen. Kohfeldt hat ein Team geformt, das sich ein gewisses Selbstverständnis erarbeitet hat. Es ist immer in der Lage ein Tor mehr als die Gegner zu schießen. Selbst, wenn ein Spiel so gar nicht nach Plan verläuft, finden die Lilien oft genug einen Weg, ihren Fuß in die Tür zu bekommen. Die 98er sind nicht so einfach zu knacken.

Beispielhaft für diese Resilienz waren die ersten Spiele nach der Winterpause. Bei Bundesligaabsteiger Bochum kam der SVD nach einem Rückstand zurück und nahm am Ende einen Punkt mit. In Berlin lagen die 98er nach fehlerbehafteten 15 Minuten 0:2 zurück und holten am Ende beim selbsterklärten Aufstiegsanwärter ebenfalls einen Punkt. Gegen Nürnberg sprach eine Halbzeit lang nichts für einen Lilien-Erfolg. Die Nürnberger bestimmten das Mittelfeld und hatten ein klares Chancenplus. Zur Pause stellte Kohfeldt um, ohne Einwechslungen vorzunehmen. Er positionierte Angreifer Fraser Hornby etwas tiefer, um ihn besser ins Spiel einzubinden. Er zog den passsicheren und lauffreudigen Hiroki Akiyama in eine offensivere Mittelfeldposition, um das Kombinationsspiel der Nürnberger zu unterbinden und selbst mehr Spielanteile zu gewinnen. Daneben tauschte er die Außen Marco Richter und Luca Marseiler. Am Ende hieß es 2:0.

Kohfeldt kreiert ein Kollektiv und verbessert Spieler

Dieser Coach kann also positiv Einfluss aufs Spiel nehmen. Er hat aber auch ein Team aufgebaut, dass genau das ist: ein Team. Die Spieler sind im Kollektiv kreativ und zielstrebig im Spielaufbau. Sie sind gleichzeitig diszipliniert genug, um nach Ballverlusten geschlossen nach hinten zu arbeiten. Beispielhaft verkörpert Luca Marseiler die beiden Attribute. Der Offensivspieler, der kürzlich seinen 29. Geburtstag feierte, kam im Sommer 2024 von Drittligist Viktoria Köln ans Bölle. In der 3. Liga war er ein Unterschiedsspieler. Eine Liga höher benötigte er fast eine ganzes Jahr Anlaufzeit. Beim SVD pendelte er zwischen Startelfeinsätzen und Ersatzbank. In dieser Saison ist er ein Leistungsträger: enorm fleißig und diszipliniert, gewohnt schnell, dribbelstark und ballgewandt. Phasenweise agiert er gar als Außenverteidiger.

Kohfeldt selbst gab einen Hinweis, was diesen Entwicklungssprung befördert haben mag: ein krasser Monolog des Trainers gegenüber dem hoch veranlagten Marseiler vor etwa einem Jahr. Die Kernaussage: Wenn sich der Lebenskünstler nicht als Persönlichkeit weiterentwickle, dann werde er eines der größten Talente unter Kohfeldt sein, die Selbiges verschwendet haben. Die Ansage verfehlte ihre Wirkung nicht. Auch der anfänglich wenig überzeugende Marco Richter ist inzwischen ein Gewinn.

Im Flow funktionieren auch mutige Entscheidungen

Daneben bleiben die Lilien zwar nicht frei von Verletzungen, allerdings treten diese bislang nicht so geballt und langwierig auf wie in der vergangenen Saison. Vereinzelte Ausfälle von Leistungsträgern kann das Team dank einer größeren Kadertiefe besser auffangen. Der lange unverzichtbare Aleksandar Vukotic kommt inzwischen von der Bank. Winterzugang Niklas Schmidt besticht durch seine Technik und Übersicht, wodurch er dem Spiel der 98er neue Impulse geben kann. Daneben mögen die meisten Spieler nicht die größten Namen haben, sie verkörpern aber gehobenes Zweitliga-Niveau. Die Mannschaft hat das Potenzial, lange um den Aufstieg mitzuspielen. Sie ist im Flow und hat das Bölle zur Festung gemacht. Da funktionieren auch Dinge, die einem gerne auf die Füße fallen. Mit Matej Maglica in der Innenverteidigung kassiert der SVD gewiss nicht weniger Gegentore als zuvor mit Vukotic, ist aber variabler im Spielaufbau. In Berlin den frisch verpflichteten Kreativspieler Schmidt für den angeschlagenen Abräumer Kai Klefisch im Mittelfeld aufzubieten und nicht etwa Merveille Papela, war riskant, wie der frühe Rückstand zeigte. Am Ende leitete Schmidt jedoch den Ausgleich mit ein und half, den Punktgewinn zu sichern.

Geformt haben das Team Florian Kohfeldt und Manager Paul Fernie. Die beiden vermitteln den Eindruck, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Während andere Teams im Winter kräftig auf dem Transfermarkt tätig werden mussten, drehten die Lilien nur an ein paar Stellschräubchen. Ein Beleg dafür, dass die Saison nach Plan verläuft und sich ein Team gefunden hat. Fernie bezeichnete Kohfeldt vor der Saison als „inhaltlich besten Trainer“, den er bislang in seiner Karriere erlebt habe und dessen „menschliche Art“ passe. Kohfeldt sei einer der Leute, die den Klub in die erwünschte Richtung bewegen können. Mit einer Spielidee, die die Kontrolle einer Ballbesitzmannschaft mit schnellen Umschaltaktionen kombiniert und in der die Spieler verlorene Bälle so schnell wie möglich zurückerobern.

Der Spaß ist zurück

Kohfeldt und die Lilien – das passt aktuell. Der Coach fühlt sich in Darmstadt pudelwohl und ließ vor Weihnachten durchblicken, dass es „unfassbar Spaß“ mache, „Trainer in dieser Kabine zu sein“. Das ruhige Umfeld, in dem man fokussiert an der Entwicklung einer Mannschaft arbeiten kann, dürfte sein Übriges tun. Umso mehr, als seine Karriere nach steilem Aufstieg in Bremen in einen Sinkflug übergegangen war. Vor zwei Jahren wurde sein Name in der Gerüchteküche nicht mehr gehandelt, sobald es darum ging, anderswo entlassene Trainer zu beerben … doch dann meldete sich Fernie bei ihm.

In Darmstadt leistet Kohfeldt jedenfalls gute Arbeit. Er holte in seinen ersten 50 Spielen rund 80 Punkte. Ein sehr ordentlicher Punkteschnitt. Er hat gezeigt, dass er mit seinem Trainerteam eine Mannschaft, die in der letzten Rückrunde struggelte, stabilisieren und weiterentwickeln kann. Er mag kein Menschenfänger sein wie Torsten Lieberknecht, aber er tritt zugewandt und demütig auf. Kohfeldts Mannschaftsführung und Spielsysteme funktionieren. Seine Kritiker schlagen leisere Töne an. Schön für die Lilien. Und für ihren erfolgreichen Coach.

 

 

Von Spiel zu Spiel denken

Sa, 7.3., 13 Uhr: SV Darmstadt 98 – Holstein Kiel

Fr, 13.3., 18.30 Uhr: 1. FC Magdeburg – SV Darmstadt 98

Sa, 21.3., 20.30 Uhr: SV Darmstadt 98 – Schalke 04

sv98.de

 

Matthias und der Kickschuh

Seit Ende 2011 schreibt Kickschuh-Blogger Matthias „Matze“ Kneifl über seine große Leidenschaft: den Fußball. Gerne greift er dabei besonders abseitige Geschichten auf. Kein Wunder also, dass der studierte Historiker und Redakteur zu Drittligazeiten begann, über die Lilien zu recherchieren und zu schreiben. Ein Resultat: das Taschenbuch „111 Gründe, den SV Darmstadt 98 zu lieben“, das (auch in einer erweiterten Neuauflage 2019) im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen ist. Zudem führt er seit einigen Jahren Interviews für den „Lilienkurier“. Genau der richtige Mann also für unsere „Unter Pappeln“-Rubrik!

kickschuh.blog