
Manchmal braucht eine Idee eben ein Jahrhundert, um anzukommen. Well Habicht war ein Darmstädter durch und durch, auch wenn er, 1884 in Oberstein an der Nahe geboren, nicht hier zur Welt kam. Er wuchs in der Stadt auf, machte sein Abitur am Ludwig-Georgs-Gymnasium, studierte Architektur an der Technischen Hochschule, wechselte dann nach Dresden, wo er Bildhauerei lernte – zuerst im Privatatelier von Georg Wrba, dann an der Kunstakademie bei Selmar Werner. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte er an den Woog zurück, bezog ein Atelier auf der Mathildenhöhe und wurde 1919 Gründungsmitglied der Darmstädter Sezession. Eine Karriere, die von da an steil verlief: 1928 erhielt er den Georg-Büchner-Preis, sein Niebergall-Brunnen in der Großen Bachgasse gehört bis heute zu den bekanntesten Skulpturen im Stadtbild.
Doch darum soll es hier nicht gehen, jedenfalls nicht direkt. Denn neben den offiziellen Werken und Ehrungen gibt es eine andere Geschichte, eine kleinere, kuriosere, die lange in Vergessenheit geraten war. Wahrscheinlich in den frühen 1920er-Jahren kam Well Habicht in Kontakt mit dem Besitzer einer Ziegelei in Groß-Zimmern. Die genauen Umstände sind nicht mehr vollständig rekonstruierbar, aber die Idee, die dabei entstand, war so einfach wie einleuchtend: modulare Skulpturen für Gärten und öffentliche Anlagen. Werke aus einzelnen Ziegeln, die sich leichter brennen, transportieren und aufstellen ließen als herkömmliche Steinskulpturen. Habicht entwarf sie, die Ziegelei fertigte sie. Das System war flexibel, wiederholbar, demokratisch in einem gewissen Sinne: Kunst für den Garten, nicht nur für das Museum.
Eine der Figuren, die in diesem Kontext entstand, ist eine schlafende Katze. Sie liegt zusammengerollt, den Kopf leicht angehoben, als würde sie gleich die Augen öffnen. Aus einzelnen Ziegeln gefertigt, trägt sie die Logik ihrer Entstehung offen zur Schau: Man sieht die Fugen, das modulare Gefüge, das Prinzip, nach dem sie gebaut ist. Auf einem wuchtigen Sockel aus dunklen Ziegeln ruhend, wirkt sie trotzdem lebendig, fast spielerisch. Als die Skulpturen in den 1920er-Jahren erstmals auf einer Messe präsentiert wurden, war die Reaktion vernichtend. Die Kritik ließ kein gutes Haar daran, und die Idee verschwand so schnell, wie sie aufgetaucht war. Die ersten Prototypen blieben in Groß-Zimmern zurück, wurden vergessen, überwuchert von der Zeit und dem Verfall der Ziegelei, die irgendwann ihren Betrieb einstellte.
Hier kommt ein persönlicher Umweg ins Spiel. Ich bin selbst in Groß-Zimmern aufgewachsen, und durch Dr. Manfred Göbel, der sich seit Jahren mit der Ortsgeschichte beschäftigt, erfuhr ich, was mit der Katze geschehen war: Als die Gemeinde in den 2000er-Jahren das ehemalige Ziegeleigelände als Neubaugebiet erschloss und die alten Gebäude abgerissen wurden, brachte man die Skulptur auf den Bauhof der Gemeinde. Dort wartete sie. 2019, anlässlich des Jubiläums der Darmstädter Sezession, schien die Zeit reif. Gemeinsam mit Inez Gengelbach, der damaligen Geschäftsführerin der Sezession, und mit Unterstützung der Trautheimer Galerie Lattemann gelang es, die Katze nach Darmstadt zu holen. Sie fand einen neuen Platz im Eingang zum Atelier Siegele, unweit der Mathildenhöhe, also ganz in der Nähe jenes Ateliers, in dem Habicht einst als Gründungsmitglied der Sezession gearbeitet hatte. Ein schöner Kreis. Doch der Zustand der Skulptur war bedenklich: Einzelne Ziegel fehlten oder waren beschädigt, der Verfall hatte Spuren hinterlassen, und die Mittel für eine Restaurierung fehlten.
Dann verkaufte die Stadt Darmstadt das Gelände des Ateliers – und die Zukunft der Katze war erneut ungewiss. Was folgte, ist das Verdienst von Katja Epes, die in der Darmstädter Kunstwelt seit vielen Jahren auf verschiedenen Ebenen wirkt und sich nun auch um das weitere Schicksal dieser ungewöhnlichen Skulptur gekümmert hat. Mit eigenen Mitteln und erneuter Unterstützung durch die Galerie Lattemann hat die Katze ein neues Zuhause gefunden [Tipp der Redaktion: in einem sehr kunstaffinen Umfeld am Rande des Bürgerparks Nord].
Es ist eine bemerkenswerte Reise, die dieses Werk hinter sich hat. Was als gescheitertes Produkt begann, als ein Flop auf einer Messe vor hundert Jahren, hat sich als zähes, wandlungsfähiges Ding erwiesen, das immer wieder jemanden findet, der es weiterzieht. Vielleicht liegt das an der Figur selbst: Eine schlafende Katze wartet eben einfach und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie hat Zeit. Die schlafende Katze von Well Habicht freut sich nun auf jeden Fall über Besuch an ihrem neuen und hoffentlich langfristigen Wohnort.
Kunst im öffentlichen Raum
Kunst findet man nicht nur in Museen und Galerien, sondern oft auch im Freien und für jede:n sichtbar. Manche Werke sind schon seit Jahrhunderten ein Teil des Stadtbildes, andere zieren es nur kurz. In Darmstadt haben einige Fügungen des Schicksals dafür gesorgt, dass es besonders viele Kunstwerke im öffentlichen Raum gibt. Ohne die schützenden Laborbedingungen eines White Cube gehen sie allerdings schnell unter. Dabei können gerade diese stillen Zeitgenossen unsere Wahrnehmung des Stadtraumes verändern und unser Verständnis von Welt herausfordern. Eine Einladung zum Fantasieren.






