Foto: Cora Trinkaus

Fast schon außerhalb der Stadt, kurz vor dem Jagdschloss Kranichstein die Parkstraße hinunter, am Lindgraben, befindet sich eine ganz besondere Reihenhausgruppe. Die Siedlung, die aus der Vogelperspektive einem WLAN-Symbol gleicht, wurde 1928 ursprünglich für Bedienstete der Bahn gebaut – geplant vom Architekten und Reichsbahnoberrat Hans Kleinschmidt. Viele Jahre wohnten hier ausschließlich Bahnangestellte, bis die Siedlung Anfang der 2000er privatisiert wurde. Das Besondere: Die Reihenhaussiedlung, die auch „Rundhausen“ genannt wird, wurde auf Kreisausschnitten konstruiert. Die drei gebogenen und nach hinten proportional wachsenden Häuserzeilen beinhalten insgesamt zehn Wohneinheiten und erinnern an Gartenstadtanlagen.

„Konzipiert wurden die Häuser für Großfamilien mehrerer Generationen“, erzählt Janina, die bereits seit drei Jahren mit ihrem Lebensgefährten Philipp in einem der Häuser der letzten Reihe wohnt. Die Häuser haben zwei Eingänge: Der eine führt durch den Garten, der andere über einen kleinen Privatweg, der die einzelnen Gebäude verbindet. „So konnten unten die Großeltern leben und oben die Kinder und Enkelkinder. Das einfache Bad im Keller wurde geteilt. Oben gab es nur eine kleine Toilette. Richtige Bäder gibt es erst seit den 1970er-Jahren,“ erzählt Janina weiter.

Die meisten Bewohner:innen von Rundhausen sind Eigentümer:innen – und wohnen schon seit mehreren Generationen hier. So war es ein echtes Glück für Janina und Philipp, hier zu landen. Nachdem das Paar zusammenziehen wollte und schon seit über einem Jahr erfolglos auf Wohnungssuche war, erfuhren ihre heutigen Nachbarn Marlena und Manuel von der Kernsanierung im Haus nebenan und vermittelten ihre Freunde. Marlena und Manuel leben seit vier Jahren mit ihrem Sohn Leander und ihrem Hund in der Siedlung.

Foto: Cora Trinkaus
Foto: Cora Trinkaus
Foto: Cora Trinkaus

Eine gut vernetzte Nachbarschaft

Mittlerweile kennt hier jeder jeden, man grüßt sich beim Vorbeigehen oder plaudert kurz miteinander. „Ich halte gerne Smalltalk, bin hier mit allen gut vernetzt“, sagt Janina unter zustimmenden Lachen ihrer Freunde. „Wenn es wärmer wird, werden die Gärten wieder mehr genutzt. Man kommt wieder mehr ins Gespräch, sitzt draußen zusammen und trinkt Aperol Spritz an den ersten schönen Frühlingstagen“, ergänzt Marlena. Auch Leute aus der Nachbarschaft, die mit ihren Hunden im nächstgelegenen Wald spazieren gehen wollen, kommen vorbei. Ein beliebter Treffpunkt ist der kleine Spielplatz, der aus Trampolin, Schaukel und Sitzgelegenheiten für die Erwachsenen besteht. „Es ist eine schöne Möglichkeit, sich draußen zu treffen und dort einen neutralen Platz zu haben“, so Manuel.

Im letzten Sommer vor Corona veranstalteten die beiden befreundeten Paare ein Nachbarschaftsfest in Rundhausen. „Bis dahin, fanden wir, gab es recht wenig Vernetzung hier. Das wollten wir ändern“, so Marlena, die zusammen mit ihren Freund:innen selbst gemalte Flyer in den Briefkästen verteilte. Zum Fest wurden in den Privatwegen Bierbänke aufgestellt, „es wurde fleißig Wein mitgebracht und auch Schnaps“, erinnert sich Philipp. „Es sind wirklich alle gekommen, das hätten wir nicht gedacht“, freut sich Janina. In den letzten beiden Sommern initiierten die beiden Paare auch einen Flohmarkt, der ebenfalls in den Privatwegen aufgebaut wurde.

Besonderer Charme auch im Inneren des Hauses: Im Erdgeschoss gehen Küche und Wohn-Ess-Bereich in einem großem Raum ineinander über. Eine steile Treppe, die auch „der Großmutterschreck“ genannt wird, da auf ihr schon viele gestürzt sind, führt hinauf zur zweiten Etage. Hier befinden sich das Bad und die beiden Arbeitszimmer von Janina und Philipp. Im Dachgeschoss, „dem schönsten Zimmer im Haus“, ist das Schlafzimmer. Durch die Dachschrägen und das Holzgebälk in den Ecken wirkt der große Raum mit Holzboden noch gemütlicher. Einige Pflanzen zieren den Raum – und zwei Chippendale-Sessel, die vorrangig von den beiden Katzen eingenommen werden.

Foto: Cora Trinkaus
Foto: Cora Trinkaus

Waldverbundenheit und Festivalfeeling

Direkt neben der Siedlung beginnt der Wald. Hier hat sich Janina eine kleine Oase geschaffen. Als sie zu Beginn der Corona-Pandemie die Festivals vermisste, baute sie sich im Wald ihren eigenen kleinen Rückzugsort inklusive Festivalfeeling. Aus umliegenden Ästen wurde ein kleines Tipi gebaut, die Bäume dekoriert mit Perlenschmuck, Traumfängern und Lichterketten. Meist feiert Janina ihre Geburtstage im Wald und bittet ihre Gäste weiteren Baumschmuck mitzubringen, um die Dekoration nach und nach zu erweitern. Die Sommernächte verbringt sie gerne hier in ihrer Hängematte mit ein paar Freunden und einem Gläschen Wein. Oft gesellen sich auch ihre beiden Katzen dazu.

„Die Waldverbundenheit ist auch etwas, was Rundhausen ausmacht. Alle Nachbarn gehen eigentlich gerne in den Wald. Ob mit dem Hund oder zum Eichhörnchenfüttern“, so Janina. Ein Nachbar hat ein Vogelhäuschen im Wald aufgestellt. Hierher kommen gerne Eichhörnchen, Vögel und auch Janinas und Philipps Katze „Disco“, die – als das Vogelhäuschen noch etwas größer war – gerne darin saß und darauf wartete, bis ein Vogel angeflogen kam, erinnert sich Janina.

Zur Sommersonnenwende erlebten die Freunde in der selbst geschaffenen Oase einen ganz besonderen Moment: Zur Dämmerung stiegen „Tausende Glühwürmchen auf. Es war unglaublich schön“, erinnert sich Janina begeistert und Manuel fügt hinzu, er habe nirgends sonst so viele Glühwürmchen auf einmal gesehen. „Plötzlich raschelte es im Gebüsch und eine ältere Frau kam aus der Dunkelheit hervor mit den Worten: „Ihr habt es aber schön hier.“ „Wir haben uns zu Tode erschreckt“, erinnern sich die Freunde lachend. Sie hielt wohl auch Ausschau nach den Glühwürmchen.

Die unmittelbare Nähe zum Wald weiß Manuel heute auch zu schätzen: „Ich habe eigentlich immer innenstadtnah gewohnt und musste mich auch erst einmal damit arrangieren. Um mal kurz in die Stadt zu fahren, ist es dann doch etwas weit. Aber ich merke auch, wie mir die Nähe zur Natur gut tut.“

Foto: Cora Trinkaus
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