Foto: Timon Ruhemann
Foto: Timon Ruhemann

Es gab mal eine Zeit, da wurden Skateboards nicht in trendigen Läden namens „Titus“ oder „Railslide“ verkauft, sondern bei „Spielwaren Nietzsche“. Dort, am Ludwigsplatz in Darmstadt, wo heute fetthaltiges, schnelles Essen serviert wird, gab es unter anderem schnelle Rollbretter. 1975 war das – damals, als die Skateboardwelle aus den USA nach Europa herüberschwappte. München galt als deutsche Skate-Hochburg, aber auch in Darmstadt begann die Geschichte einer mit der Subkultur verwurzelten Szene, die bis heute wirkt.

Timon Ruhemann – heute 47 Jahre alt, Wahl-Berliner, aber im Herzen immer noch Darmstädter – war von Anfang an dabei. Damals, als kleiner Knirps, rollte er für „Spielwaren Nietzsche“ zu Werbe- und Verkaufszwecken auf den frisch ausgepackten Skateboards durch die Darmstädter Innenstadt. Zur Belohnung gab es nicht – wie von Timon und seinem mitskatenden Kumpel erhofft – jeweils ein Rollbrett, sondern ein „Spielwaren Nietzsche“-T-Shirt mit Neonschrift. „Wir haben uns dennoch gefreut wie die Schneekönige, schließlich waren wir die Ersten“, erinnert sich der Darmstädter Skate-Pionier. Das Geld fürs erste Board war dann ruck zuck selbst zusammengespart. Es folgten zwei Jahre „durch die Gegend pushen“, Highjumps über ’ne Limbostange, „Firecracker“ (die Treppe runter), Downhill fahren und – viele, blaue Flecken garantiert – „Katamaran-fahren“, zum Beispiel die Sandstraße runter (zwei Skater sitzen gegenüberliegend und ineinander verkeilt auf zwei Decks – und ab geht’s!). „Als mir dann mit 13 mein heiß geliebtes Board geklaut wurde, war aber erstmal Schluss mit dem Skaten.“ Stattdessen fing Timon mit dem Schlagzeugspielen an – und tat das später dann in Darmstädter Bands wie Cami and the Knickers, Superdufte, Generation, Bingobeat sowie Trash for Cash – und tut es heute noch in Berlin bei Swing Cat Club.

Selbstgebaute Rampen und Kicker

Vom Skaten kam er aber nie los. Ende der Achtziger fing der leidenschaftliche Hobbyhandwerker an, Obstacles, also Hindernisse zum Skaten wie Mini-Ramps und Kicker, zu bauen: einmal für den Aktivspielplatz Herrngarten, vor allem aber für einen freien Platz in der Michaelisstraße, auf dem sich die Darmstädter Skate-Posse damals traf. Dann wurde es Winter.

Wohin mit den ganzen Rampen? Und wo skaten, wenn’s draußen saukalt ist? Eine Winter-Bleibe für die Darmstädter Skateszene (damals etwa 15 Aktive) musste her. „Ich bin damals von Pontius zu Pilatus gelaufen“, erzählt Timon von konstruktiven, aber erfolglosen Gesprächen mit der Stadt Darmstadt. Als dann doch noch der ehemalige Schlachthof besichtigt wurde, war Timon schon relativ entmutigt: „Doch der Mann vom Sport-/Liegenschaftsamt drückte mir einfach den Schlüssel in die Hand und meinte: ‚Mach Du mal. Aber gründe lieber einen Verein!’ “ Die Darmstädter Skater und BMXer hatten plötzlich mietfrei ein Dach über dem Kopf, bauten eifrig Rampen und Halfpipes in die 2.000 Quadratmeter Grundfläche der ehemaligen Großrindhalle, skateten und fuhren – und genossen den Freiraum.

Kurze Zeit später, im Oktober 1992, gründete Timon gemeinsam mit Malte Stäglich vom Darmstädter BMX-Laden „KDL“ den 1. Darmstädter Skate- und BMX-Verein e.V.. Den ursprünglichen Namen „Skateology/No Moders“ ließen die Statuten des Sportvereinsregisters nicht zu, da die genaue Sportart-Betitelung sowie die Ortsangabe fehlte.

Skaten in der Großrindhalle

Der Schlachthof Darmstadt wurde fortan überregional beachtet, war er doch die einzige Skate-Halle Süddeutschlands. Alex Reincke (Reinheim/Beerfelden), „einer der weltbesten BMX-Fahrer in der Rampe“, wie „ZDF logo“ 1994 berichtete, trainierte hier. Malte Stäglich veranstaltete etliche BMX-Contests, darunter den offenen deutschen Hallen-Cup 1994, über den selbst das Deutsche Sport Fernsehen (DSF) in betont fresher Manier Bericht erstattete. Und der heute weltweit gebuchte DJ Ricardo Villalobos legte mit legendären Partys im „Schlachthof“ (und im „Café Kesselhaus“) den Grundstein für seine Karriere.

Im Herbst 1994, nach knapp drei Jahren, war’s dann aber schon wieder vorbei mit der Darmstädter Skate- und BMX-Herrlichkeit: Die Stadt verkaufte das 36.000 qm große Schlachthof-Gelände laut „RTL Hessen live “ für 15 Millionen D-Mark an den Bauverein, heute stehen auf dem Gelände moderne Wohngebäude (und das „Stadthaus“, ein Verwaltungsgebäude). Den Abriss des Schlachthofs konnten weder mehr als 600 gesammelte Unterschriften und eine Skatedemo, noch etliche Medienberichte, der Einsatz von „Uffbasser“ Jörg Dillmann hinter den Kulissen und ein Krisengespräch von Timon und Malte mit Bürgermeister Michael Siebel verhindern. Eine Ausweichhalle wurde bis heute nicht gefunden – und das, obwohl es aktuell mehr Skater, BMXer, Inliner, Scooter, Snake- und Waveboarder in Darmstadt gibt als jemals zuvor.

Neue, überdachte Bleibe gesucht!

Darauf möchten Timon im Rahmen der „großen Sause“ anlässlich „20 Jahren 1. Darmstädter Skate- und BMX-Verein“ am 06.10. aufmerksam machen. „Wir brauchen wieder eine Halle“, erklärt der Skateboard-Lobbyist, der heute mit Sohn Shlomo (11) skatet und auf Facebook jüngst die Gruppe „ Skateboarding Senior Lobby“ gegründet hat. „In Darmstadt haben die BMXer den Park an der Stadtmauer, die Skater den ‚Kacki Plaza’ im Bürgerpark. Die Stadt fördert also schon einiges. Aber es fehlt das verbindende Element“, erklärt Timon. Das „verbindende Element“ könnte auch der vorhandene, aber brachliegende Skatepark in der leerstehenden Lincoln-Siedlung an der Heidelberger Straße sein. Auf 1.000 bis 2.000 Euro schätzt Timon die Renovierungskosten, wenn die Skater ihn in Eigenregie renovieren würden – und ruft zur Demo auf!

Demonstriert wird am 06.10. über die gesamte Stadt verteilt – von der Stadtmauer über die wichtigsten ehemaligen und bestehenden Skate- und BMX-Spots wie Staatstheater, Aktivspielplatz Herrngarten, „Bommys“, „Fina“-Parkhaus, Schlachthof, Darmstadtium bis zum Skate Plaza der „Kacki Crew“ im Bürgerpark Nord. Gefeiert wird das Vereinsjubiläum am Ende des Tages an und in den Lofts in der Liebigstraße 50-52. Die elf Proberäume und das Studio im Keller vermietet Timon seit 20 Jahren an Darmstädter Bands. Die dort eingebauten Stahltüren sind ein gewichtiger Teil der Darmstädter Skate- und BMX-Geschichte: Sie konnten kurz vorm Abriss noch aus dem Schlachthof herüber gerettet werden.

Foto: Timon Ruhemann
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