Foto: Nouki

Seit Ende Oktober hat der SV Darmstadt 98 mit Markus Pfitzner einen neuen Präsidenten. Der langjährige Vizepräsident folgt auf Rüdiger Fritsch, der 13 Jahre lang die Geschicke der Lilien recht erfolgreich gelenkt hatte. Mit einem Wechsel an der Spitze von Organisationen gehen immer auch neue Ideen einher. Was hat „Fitze“, wie er beim SVD genannt wird, in dieser Hinsicht vor? Seine Rede bei der Jahreshauptversammlung gab da schon recht interessante Einblicke. Erste Änderungen sollen demnächst sogar schon Realität werden.

Wer mit Markus Pfitzner spricht, der trifft auf einen aufgeräumten und zugewandten Zeitgeist. Kommt das Gespräch irgendwann auf die 98er, dann spürt man im Nu, wie sehr ihm der Verein mit seiner Historie, seiner Kultur und seinen Werten am Herzen liegt. Schließlich haben die Lilien die Biografie von Markus Pfitzner mitgeprägt. Alles begann, als er Ende der 1970er-Jahre an der Hand seines Vaters erstmals ans Bölle ging, um die Feierabendprofis in der Bundesliga zu sehen. 1983 warb er als lebendes Spieltagsplakat in der Fußgängerzone für Heimspiele der Lilien. In den 1990ern begann er dann, für den Lilienkurier zu schreiben, und übernahm neben seinem Studium weitere Jobs am Bölle. Als Pfitzner 2010 vom damaligen Präsidenten Hans Kessler gefragt wurde, ob er sich nicht für das Amt des Vizepräsidenten bereitstellen möge, da lehnte der Marketingexperte zunächst ab. Nach etwas Bedenkzeit entschied er sich jedoch um und zog bei der darauffolgenden Jahreshauptversammlung ins Präsidium ein. Seit wenigen Wochen ist der passionierte Lilienfan nun Vereinspräsident. Eine schöne Geschichte, die hervorragend zum heute so fest in der Stadt verwurzelten Verein passt. Doch was hat „Fitze“ vor? Denn eines ist klar: Stillstand ist im ebenso umkämpften wie kostspieligen Profifußball keine Option.

Neues Präsidium prüft Genossenschaftsmodell

Ein paar Punkte nannte er in seiner Rede bei der Jahreshauptversammlung, bei der er einstimmig zum Präsidenten gewählt wurde. Getreu dem Motto „Zukunftsoptionen prüfen“ will er mit seinem Team ambitioniert sein, dabei aber mit Augenmaß agieren. Die zu treffenden Entscheidungen müssten schließlich zu den Lilien passen, die immer noch ein eingetragener Verein sind und deren Profiabteilung nach wie vor nicht ausgegliedert ist. Was für den neuen Präsidenten – der den Zusammenhalt und die Geschlossenheit beim SVD als „Superkräfte“ bezeichnete – zu den 98ern passen würde, wäre ein Genossenschaftsmodell. Der FC St. Pauli und auch der FC Schalke 04 sind in dieser Hinsicht Vorreiter. Beide haben Genossenschaften gegründet. Die Hamburger erlösten so 29 Millionen Euro, mit denen sie im November ihr Stadion erwarben. Das Millerntor ist somit langfristig in der Hand der Kiezkicker und der über 22.000 Mitglieder, die Genossenschaftsanteile gezeichnet hatten.

Geht da was bei der Süd?

Würden die Lilien sich ebenfalls auf diese Weise Geld beschaffen, dann könnten auch sie in Steine investieren. Schließlich nannte Pfitzner bei seiner Wahl eine weitere zu prüfende Zukunftsoption: den Ausbau der Südtribüne. Der kleinste der vier Stadionbereiche ist die Heimat der aktiven Fanszene und bietet folglich Wachstumspotenziale. Optisch ließe sich der Gesamteindruck des Böllenfalltors durch eine größere Süd harmonisieren, eine höhere Kapazität würde zudem mehr Einnahmen versprechen. Doch „Fitze“ will keine Luftschlösser bauen. Alle Gedankenspiele müssten sich nach eingehender Prüfung als machbar erweisen. Die betriebswirtschaftliche Stabilität des Sportvereins gelte unverändert für das neue Präsidium. Deshalb seien zunächst rechtliche Rahmenbedingungen, Zuschussoptionen und Zeithorizonte unter die Lupe zu nehmen. Dass ein erfolgreiches Genossenschaftsmodell finanzielle Möglichkeiten eröffnen würde, liegt auf der Hand. Ob beide Ideen aufeinander aufbauen? Hier will „Fitze“ nichts vorwegnehmen. Ein Genossenschaftsmodell beinhalte für ihn verschiedenste Möglichkeiten der Ausgestaltung und Teilhabe. Insofern wolle er sich fürs Erste nicht weiter in die Karten schauen lassen.

Ende des „Dauer-Provisoriums“ am NLZ

Vollzug konnte er dahingegen nur zwei Wochen nach seiner Wahl beim Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) vermelden. Bis 2027 wird das NLZ an der Kastanienallee über ein neues Funktionsgebäude für die jungen Kicker und die Verwaltung verfügen. Das zum Dauerzustand gewordene Provisorium der Containeranlage findet somit endlich ein Ende. Die Baumaßnahmen sollen 2026 beginnen und ein Jahr später abgeschlossen sein. Dass sich neben der Stadt Darmstadt und dem Land Hessen auch der Landessportbund Hessen an den Kosten beteiligt, erleichtert den Lilien die Realisierung. Dennoch müssen sie selbst einen knapp siebenstelligen Betrag bereitstellen. Eine Investition, die für den neuen SVD-Präsidenten den Stellenwert der Nachwuchsarbeit unterstreiche. Von dieser profitierte immerhin Clemens Riedel. In der letzten Saison führte er die Lilien als jüngster Kapitän der 2. Bundesliga aufs Feld. Im Sommer wechselte er zu Espanyol Barcelona in die prestigeträchtige La Liga. Dort schlug er so gut ein, dass Klub und spanische Medien ihn in Anlehnung an Franz Beckenbauer bereits „Kaiser Riedel“ nannten. Im Monat Oktober stand er gar zur Wahl des besten Jungprofis der Liga.

When dreams come true!?

In einer weiteren Angelegenheit scheint sich ebenfalls etwas zu tun. Vor einem Jahr hatte ich in der „Ich wünsch mir was“-Ausgabe meiner Kolumne davon geschrieben, dass mehr Fahrradstellplätze am Bölle dringend geboten sind. Nun zeichnet sich eine Lösung in der Nähe der Aral-Tankstelle ab. Vorbehaltlich letzter Entscheidungen könnten bis zu 180 Stellplätze entstehen. Sie würden es bislang wild parkenden Lilienfans ermöglichen, ihren Drahtesel sicher abzustellen. Ich bin gespannt, ob hierzu bald Vollzug vermeldet wird. Und noch mehr, ob weitere Punkte meiner damaligen Wunschliste ins Kalkül gezogen werden. Etwa kostenlose Wasserspender im Umlauf des Stadions oder zumindest vergünstigte Preise für Mineralwasser. Auch ein wenig mehr Grün – etwa durch namensgebende Böllen beziehungsweise Pappeln – wäre im Einheitsgrau rund ums Bölle willkommen. Eine permanente „britische“ Spielstandsanzeige in einem Teil der LED-Fläche auf der Haupttribüne würde ich ebenso gerne sehen wie eine größere Süd. Letztere wird nun von „Fitze“ und seinem Team geprüft. Sehr schön.

 

Oben dran bleiben

So, 30.11., 13.30 Uhr: SV Elversberg – SV Darmstadt 98

Mi, 3.12., 18 Uhr (DFB-Pokal, Achtelfinale): SC Freiburg – SV Darmstadt 98

Sa, 6.12., 20.30 Uhr: SV Darmstadt 98 – Karlsruher SC

So, 14.12., 13.30 Uhr: SV Darmstadt 98 – SC Preußen Münster

Fr, 19.12., 18.30 Uhr: SC Paderborn – SV Darmstadt 98

So, 18.1.2026, 13.30 Uhr: VfL Bochum – SV Darmstadt 98

Fr, 23.1.2026, 18.30 Uhr: SV Darmstadt 98 – 1. FC Nürnberg

Sa, 31.1.2026, 13 Uhr (tbc): Hertha BSC – SV Darmstadt 98

sv98.de

Matthias und der Kickschuh

Seit Ende 2011 schreibt Kickschuh-Blogger Matthias „Matze“ Kneifl über seine große Leidenschaft: den Fußball. Gerne greift er dabei besonders abseitige Geschichten auf. Kein Wunder also, dass der studierte Historiker und Redakteur zu Drittligazeiten begann, über die Lilien zu recherchieren und zu schreiben. Ein Resultat: das Taschenbuch „111 Gründe, den SV Darmstadt 98 zu lieben“, das (auch in einer erweiterten Neuauflage 2019) im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen ist. Zudem führt er seit einigen Jahren Interviews für den „Lilienkurier“. Genau der richtige Mann also für unsere „Unter Pappeln“-Rubrik!

kickschuh.blog