Foto: Jan Ehlers

Vielleicht sollten AfD-Sympathisanten und andere Europa-Skeptiker mal ihre Nase in Barbara Zeizingers Bücher stecken. Die beiden jüngsten Romane der polyglotten Weltbürgerin aus Eberstadt könnten ihnen, gerade jetzt, kurz vor der Europawahl, ein lehrreicher, keinesfalls langweiliger, sondern emotional aufrüttelnder Nachhilfeunterricht sein. Sie führen deutlich vor Augen: Es ist noch nicht allzu lange her, gerade einmal zwei, drei Generationen, da führten heute nachbarschaftlich verbundene Länder Kriege gegeneinander. 2012 erhielt die EU „für über sechs Jahrzehnte, die zur Entwicklung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa beitrugen,“ den Friedensnobelpreis.

Versöhnung. Das ist auch ein zentrales Thema in „Am weißen Kanal“ (2014) sowie in Zeizingers aktuellem Roman „Er nannte mich Klárinka“. Ersterer handelt von einem deutschen Wehrmachtssoldaten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in der norditalienischen Po-Ebene, in der es zur Schlacht zwischen den Alliierten und den Achsenmächten am Monte Cassino kam. Zweiterer behandelt das diffizile Verhältnis zwischen Tschechen und Sudetendeutschen im Böhmen der 1930er- und 40er-Jahre. Zeizinger nähert sich den Themen sehr behutsam an, ohne schwarz-weiß zu malen. „Am weißen Kanal“ ist inzwischen ins Italienische übersetzt. Die Darmstädter Autorin, die die Sprache beherrscht, las schon häufiger auf Einladung in der Region um Ferrara aus dem Buch, unter anderem auch an Schulen. „Als ich das erste Mal dort las, habe ich regelrecht gezittert“, erinnert sich die 70-jährige Eberstädterin. Sie hatte keine Ahnung, wie das Thema ankommen würde. Nachdrücklich in Erinnerung geblieben ist ihr die Begegnung mit einer 90-jährigen Altenheimbewohnerin, einer Zeitzeugin, die das in dem Roman Geschilderte miterlebt hatte.

Für das Buch hatte Barbara Zeizinger drei Jahre lang recherchiert. Ebenso auch für den Nachfolger „Er nannte mich Klárinka“. Die Idee für den aktuellen Roman resultiert aus Zeizingers eigener Familiengeschichte. Der Familienzweig väterlicherseits stammt aus dem Sudetenland. „Als junger Mensch interessierte ich mich überhaupt nicht dafür. Doch als mein Vater 90 wurde, sagte ich mir: jetzt!“ Sie fragte viel nach in ihrer Familie, wälzte historische Bücher über das Sudetenland. Entstanden ist so ein bewegendes Zeit- und Familienporträt, gespickt mit allerlei dramatischen Ereignissen, aber auch einigen lyrischen, stillen Momenten.

Darmstadt als Spielort

Der Roman ist viel mehr als nur ein Erinnerungsbuch. Kunstvoll verbindet er das Gestern mit dem Heute und arbeitet generationenübergreifend Familiengeheimnisse auf. Protagonistin ist neben der sudetendeutschen Großmutter Charlotte, die der Leser über intime Tagebücher ihrer Jugendjahre kennenlernt, vor allem die friedensbewegte Studentin Maria. Große Teile des Romans spielen im Darmstadt der 1980er-Jahre: Nachrüstungsdemos, Wella-Reklametafeln, Café Chaos und vieles mehr bringen reichlich Lokal- und Zeitkolorit in den Roman. Zeizinger schöpft hier voll und ganz aus dem eigenen Erlebten: Von 1974 bis 1987 wohnte die gebürtige Weinheimerin in Darmstadt. Sie mischte in der Startbahn-West- und Friedensbewegung mit. Nach einigen Jahren in Alsbach-Hähnlein lebt sie seit 2012 wieder in Darmstadt. Zeizinger, die jahrzehntelang am Schuldorf Bergstraße in Seeheim-Jugenheim als Lehrerin Deutsch, Geschichte und Italienisch unterrichtete, begann erst spät, mit über 40, zu schreiben. Nachdem sie jahrelang hauptsächlich Gedichte veröffentlicht hatte, war „Am weißen Kanal“ ihr erster Roman.

Da die Erinnerung bekanntlich trügt, recherchierte sie auch einiges aus den 1980er-Jahren nach. Hilfreich war ihr dabei das Archiv des Darmstädter Echos, wo sie ein ums andere Mal alte Ausgaben durchstöberte. Etwa um die Frage zu klären, ob es das Café Chaos überhaupt schon 1983 gab. Und? „Ja, es gab es!“, sagt sie. Stolz lächelnd.

 

Die Autorin

Barbara Zeizinger wurde 1949 in Weinheim geboren. Studium der Germanistik, Geschichte und Italienisch in Mannheim und Frankfurt. Viele Jahre Lehrerin am Schuldorf Bergstraße in Seeheim-Jugenheim. Reisen durch Europa, in die USA, nach Mexiko, Kuba, Vietnam und Kambodscha. Mitglied in der Europäischen Autorenvereinigung Die Kogge, der Literaturgruppe Poseidon, der Hessischen Literaturgesellschaft und der Darmstädter Textwerkstatt. Veröffentlichung von Lyrik, Prosa, Essays und Reiseberichten. Zuletzt: „Am weißen Kanal“ (Roman, 2014), „Wenn ich geblieben wäre“ (Gedichte, 2017).

www.barbarazeizinger.de

 

Das aktuelle Buch

„Er nannte mich Klárinka“, Roman, 2018, Pop Verlag, 295 Seiten, 19,90 €

 

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