Foto: Jan Nouki Ehlers
Foto: Jan Ehlers

Es ist noch früh, Autos drängen sich durch die enge Straße, ein paar Cabrios sind darunter. Lieferwagen blockieren den Seitenstreifen, hier und da wird gehupt. Die Cafés haben bereits geöffnet, Schlipsträger nehmen ein kurzes Frühstück ein. Der Blumenladen stellt seine Ware vor dem Schaufenster aus, der ansässige Friseur empfängt seine ersten Kunden. „Ciao, maestro“ prostet ein braungebrannter Mittfünfziger einem Kollegen mit seinem Latte Macchiato „to go“ beim Überqueren der Straße zu.

Wir befinden uns nicht etwa am „Campo de Fiori“ in Rom, sondern tatsächlich in der Fußgängerzone zu Darmstadt. Die wird im Westen von der Grafenstraße eingegrenzt, welche in ihrem Wesen – zumindest zwischen Elisabethen- und Rheinstraße – der eigentliche „Cityring“ unserer Stadt ist: Hier kreuzen sich die Wege fast aller „City“-Besucher, hier herrscht Großstadtflair. Fußgänger auf dem Weg zum Auto, Autofahrer auf dem Weg in ein nahe gelegenes Parkhaus, Radfahrer auf dem Weg in die Stadt oder an die Uni, Leute, die etwas zu erledigen haben. Fast alle Arten von Besorgungen sind bereits in der Grafenstraße machbar. Die Fülle und Vielfalt an Geschäften und Läden auf engstem Raum ist eine Wohltat – verglichen mit den großen Einkaufszentren, Passagen, immer gleichen Kosmetikfilialen, Selbstbedienungsbäckereien und Schlüsseldienst-Schustern mit angeschlossener Reinigung, die sich ein paar Meter weiter rund um den „Lui“ tummeln.

Die Grafenstraße, Darmstadts Fanmeile

In den achtziger Jahren kannte man die Grafenstraße allenfalls aus dem Kino: Ein unsäglich schlechtes Werbedia lud nach dem Film „Zum Landgrafen“ ein, das Foto versprach ein rustikales Kneipenerlebnis. Wer etwas auf sich hält, ging und geht stattdessen lieber in das schräg gegenüberliegende „San Remo“, ein mäßig herzlicher Kult-Italiener, dessen Höchstgeschwindigkeitskellner aber alles wettmachte.

Mittlerweile beherbergt die Straße einen Bio-Supermarkt, ein Küchenstudio, vier Frisöre (drei davon italienisch), ein Parkhaus, ein Hotel, einen Ticketshop, einen Kiosk und Tabakladen, einen Schuster, einen Bäcker, zwei Reinigungen (eine davon top günstig) und einige Imbisse. Die Kinos, Sexshops, italienische Feinkost, Sushi Bar, eine Galerie, der Laufshop des mehrfachen Ironman-Siegers Lothar Leder und vieles mehr befinden sich in unmittelbarer Nähe. Nicht zu vergessen das Stadthaus: In der Grafenstraße 30 sind zahlreiche Ämter untergebracht, die viele Darmstädter bereits frühmorgens zur Erledigung diverser Behördengänge benötigen. Hier ist auch die Kommandozentrale des Darmstädter „Strafzettelstrichs“: Die Strafzettelwahrscheinlichkeit ist in der Grafenstraße sehr hoch, da befugtes Parken in dieser Straße quasi unmöglich ist.

Vor allem samstags und an sommerlichen Tagen sieht man in der Grafenstraße aus Autofenstern gelehnte Ellenbogen vorbeiziehen, wenn man Spaß daran findet, im Eckcafé sitzend und umgeben von ein bisschen Straßenlärm ein Getränk zu sich zu nehmen. Auch historische Details birgt dieser lebendige Teil Darmstadts: Im Hinterhof der Hausnummer 39 steht die über 200 Jahre alte Büchner-Mauer, ein Überrest des Grundstücks, auf dem sich das Elternhaus von Georg Büchner befand. Nahezu historisch mutet auch die Funktion der Grafenstraße als Italien-Fanmeile an: Bei Europa- und Weltmeisterschaften drängen sich die italienischen Autokorsos durch die enge Straße, um zu jubilieren. Italiens aus Sicht der deutschen Fans bitteres 2:0 im Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 prangte sogar eine Zeit lang in weißer Farbe auf dem Asphalt. Wem das alles nicht italienisch und städtisch genug ist: In der Grafenstraße gibt es auch ein Reisebüro. Dort kann man sicherlich günstige Flüge nach Rom buchen.

Foto: Jan Nouki Ehlers
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