Foto: Nouki

Sie sind im Fußball so selbstverständlich wie Tore und Fouls: Verletzungen. Im Vergleich zu den letzten Jahren blieben die Lilien in dieser Saison von schwerwiegenden Blessuren verschont. Ausfälle von mehreren Wochen waren die Ausnahme. Das mag an einer neuen Marschroute liegen, die die Verantwortlichen des SVD beherzigten. Und ausgerechnet, als sie diese aufweichten, da verletzte sich einer ihrer Leistungsträger schwer.

Es war einer der bittersten Momente der zu Ende gehenden Spielzeit: Im Topspiel gegen Schalke ging Luca Marseiler Mitte der ersten Hälfte ohne gegnerische Einwirkung zu Boden. Der Offensivspieler der 98er krümmte sich vor Schmerzen und signalisierte sofort eine schwere Verletzung. Umgehend versammelten sich die Mitspieler um ihn und auch Trainer Florian Kohfeldt kam aufs Spielfeld. Als der Angreifer wenig später auf einer Trage in die Katakomben transportiert wurde, war schon zu befürchten, dass er so bald nicht wieder auf dem Platz stehen würde. Eine Sorge, die sich zwei Tage später bewahrheiten sollte: Marseiler hatte sich das vordere Kreuzband im linken Knie gerissen. Die Saison, wenn nicht gar das gesamte Kalenderjahr, ist gelaufen.

Bitteres Ende einer starken Saison

Es ist die tragische Pointe unter seine bislang so starke Spielzeit. Marseiler hatte sich im Offensivspiel des SVD zu einem unverzichtbaren Faktor entwickelt. Nach langen Jahren in der 3. Liga feierte der gebürtige Münchner bei den Lilien in dieser Saison seinen Durchbruch. Der inzwischen 29-Jährige zeigte: Auch in gestandenem Profialter kann man seine Leistungen auf ein neues Level heben. Umso trauriger, dass er das Ende der aktuellen Spielzeit in der Reha verbringen muss. Den 98ern hätten seine Qualitäten im Saisonendspurt extrem gutgetan. Zum Zeitpunkt seiner Verletzung führte ihn das Fachmagazin „kicker“ als sechstbesten Feldspieler der Liga. Ligaweit zählt er zu den besten Spielern, was die Schnelligkeit, die Anzahl der Sprints und Flanken sowie das Kreieren von Torchancen betrifft.

Vom Leistungsträger zum Rekonvaleszenten

Statt seine ganz persönliche Erfolgsgeschichte fortzuschreiben, heißt es für Marseiler nun, fernab seiner Mannschaftskollegen in der Reha zu schuften. Es wird im Schneckentempo vorangehen, es wird Rückschläge und auch Frustmomente geben. Die Erfolgserlebnisse werden darin bestehen, das Knie immer ein wenig mehr belasten und um ein paar Grad mehr beugen zu können. Vom Leistungssportler, der darauf baut, dass sein Körper funktioniert, ist er zum Rekonvaleszenten geworden.

Die Krux mit dem Kreuzband

Es ist dem im Mannschaftskreis enorm beliebten Fußballprofi zu wünschen, dass seine Reha möglichst reibungslos verläuft. Denn das war bei den Lilien nicht immer so. In den letzten beiden Jahren verletzten sich drei Mannschaftskollegen am Kreuzband. Fabian Holland erwischte es noch in der Bundesliga. Matthias Bader und Paul Will wenig später zu Beginn der letzten Saison. Alle drei waren lange weg vom Fenster, ultralange sogar. Holland verpasste eine komplette Saison und kehrte laut transfermarkt.de erst nach 442 Tagen wieder zurück. Will und Bader benötigten ebenfalls mehr als ein Jahr, ehe sie wieder ein Zweitligaspiel bestritten. Auch der im Winter auf Leihbasis aus Toulouse verpflichtete Niklas Schmidt kam aus einer Kreuzbandverletzung. Er war knapp elf Monate ausgefallen.

Ausfallzeit + Anlaufzeit = Form

Hoffen wir auf eine kürzere Ausfallzeit von Marseiler. Denn eine derart lange Spielpause wie bei seinen Mannschaftskollegen lässt selbst bei einer Kreuzbandverletzung aufhorchen. Auch wenn eine solch schwerwiegende Verletzung immer individuell betrachtet werden muss, so gelten sechs bis neun Monate Ausfallzeit als Richtwert bei Kreuzbandschäden. Doch selbst wenn die Profis dann wieder parat stehen, benötigen sie eine längere Anlaufzeit, bis sie wieder an ihre alte Form anknüpfen können. Marseiler wird im Februar 30. Es wäre ihm gegönnt, wenn er bis dahin wieder regelmäßig auf dem Platz stehen könnte.

Lilien mit weniger Langzeitverletzten

Die Lilien werden ihm die Zeit geben, die er braucht. Das haben die Verantwortlichen in dieser Saison schon bei leichteren Blessuren beherzigt. Chefcoach Florian Kohfeldt hatte just vor dem Topspiel gegen Schalke durchblicken lassen, er habe bis zu diesem Zeitpunkt bei angeschlagenen Profis nichts riskiert. Die Spieler sollten nicht nach dem ersten Belastungstest gleich wieder auf den Platz zurückkehren, auch nicht für Kurzeinsätze. So wollte der Klub vermeiden, dass die gleiche Verletzung erneut aufbricht oder die Gebeutelten gar neue Verletzungen riskierten. Eine Haltung, die im Profisport sicher die Ausnahme ist, aber eine, die sich durchaus bezahlt gemacht haben könnte. Zumindest sind in dieser Saison beim SVD weniger Kicker als in den vorangegangenen Spielzeiten länger als vier Spiele am Stück verletzt ausgefallen. Zu ihnen zählten im bisherigen Saisonverlauf lediglich die bereits erwähnten Will, Bader und nun Marseiler sowie Fabian Nürnberger und Angreifer Bartosz Bialek. In den letzten Spielzeiten waren es mitunter bis zu zehn Spieler, die länger als einen Monat verletzt pausieren mussten.

Wer trainiert, der spielt

Zum Schalke-Spiel standen neben Marseiler auch Fraser Hornby und Fabian Nürnberger in der Startelf. Hornby hatte zuvor drei Partien verpasst. Nürnberger hatte ebenfalls drei Spiele gefehlt, in der Vorwoche aber immerhin schon einen Kurzeinsatz verzeichnet. Nachdem Marseiler ausgewechselt werden musste, ersetzte ihn Killian Corredor. Auch er hatte zuvor zwei Begegnungen gefehlt. Der vorangegangene Verzicht auf die drei Leistungsträger lässt sich mit der oben erwähnten Marschroute erklären, bei angeschlagenen Profis nichts überstürzen zu wollen. Dass der Chefcoach gegen Schalke auf sie zurückgriff, dürfte in erster Linie an einem Richtungswechsel gelegen haben. Denn Kohfeldt hatte angekündigt, im Saisonendspurt von Spiel zu Spiel zu denken und dabei auch schneller auf Profis zurückzugreifen, die zuvor verletzt waren. Mit anderen Worten: Wessen Einsatz vertretbar erscheint, der spielt. Schließlich geht es in die entscheidende Saisonphase. Da will jeder die potenziell besten Spieler zur Hand haben. Eine nachvollziehbare Linie, die im Sinne der Spieler hoffentlich nicht nach hinten losgeht.

Die schwere Verletzung von Marseiler war zumindest nicht absehbar. Immerhin hatte er im bisherigen Saisonverlauf nur ein einziges Spiel verpasst. Nun werden zahlreiche weitere dazukommen. Das schmerzt! Komm‘ bald wieder, Luca, und jage dem Ball so unwiderstehlich hinterher wie zuletzt!

 

Saisonendspurt: Nix zu verlieren!

So, 3.5., 13.30 Uhr: Karlsruher SC – SV Darmstadt 98

So, 10.5., 13.30 Uhr: SC Preußen Münster – SV Darmstadt 98

So, 17.5., 15.30 Uhr: SV Darmstadt 98 – SC Paderborn

sv98.de

 

Matthias und der Kickschuh

Seit Ende 2011 schreibt Kickschuh-Blogger Matthias „Matze“ Kneifl über seine große Leidenschaft: den Fußball. Gerne greift er dabei besonders abseitige Geschichten auf. Kein Wunder also, dass der studierte Historiker und Redakteur zu Drittligazeiten begann, über die Lilien zu recherchieren und zu schreiben. Ein Resultat: das Taschenbuch „111 Gründe, den SV Darmstadt 98 zu lieben“, das (auch in einer erweiterten Neuauflage 2019) im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen ist. Zudem führt er seit einigen Jahren Interviews für den „Lilienkurier“. Genau der richtige Mann also für unsere „Unter Pappeln“-Rubrik!

kickschuh.blog