Foto: Jan Ehlers

Wir befinden uns noch immer im Corona-Zeitalter, an persönliche Interviews in zu lauten Kneipen ist leider nicht zu denken. Also wird das Treffen mit den Darmstädter Retro-Rockern von Electric Horseman in den Cyberspace verlegt und neben ihrer zweiten EP „Billboards & Palisades“, die Ende Juni veröffentlicht wird, ist der Umgang mit der allgegenwärtigen Pandemie großes Gesprächsthema. Andy (Gesang, Gitarre), Dan (Gitarre, Gesang), Jan (Bass) und Robert (Schlagzeug) haben sich allesamt vor ihren Webcams versammelt und stehen uns bei Kaltgetränken Rede und Antwort.

 

Um direkt zu Beginn mal zu pöbeln: Wieso trinkt Andy alkoholfreies Bier? Ist das der Rock’n’Roll-Spirit der heutigen Generation?

Andy: Weil ich das ganze Wochenende schon alkoholvolles Bier getrunken habe. Ich hab ja gehofft, man sieht es nicht, aber dem P entgeht anscheinend nichts.

 

Es sei Dir verziehen, kommen wir zur ersten richtigen Frage: Ist der Bandname Electric Horseman dem gleichnamigen 70er-Jahre-Film mit Jane Fonda und Robert Redford entliehen?

Andy: Auweia, direkt zum Einstieg die große Angstfrage [Gelächter]. Der Name ist tatsächlich vom Film inspiriert, wir müssen aber leider gestehen, dass wir ihn noch nie gesehen haben. Vielleicht sollten wir den Film auch gar nicht sehen, eigentlich ganz cool ihn einfach nicht zu kennen.

Jan: Dieser markante Westerntyp mit seiner Leuchtjacke aus dem Film steht natürlich auch für unsere Einflüsse und die Kombination aus Post-Americana beziehungsweise Country und elektrischer Rockmusik. Sinnbildlich passt das super zu uns.

 

Wo lernen sich Bands eigentlich heutzutage kennen? Über einen Aushang im Proberaum, auf Partys?

Andy: Mit Robert hab ich schon in einer anderen Band gespielt, wir waren aber eher in Offenbach [Anm. der Red: Uff!] unterwegs. Als ich dann nach Darmstadt gezogen bin, habe ich Dan kennengelernt und wir haben angefangen, als Duo Musik zu machen. Robert ist dann ein wenig später an den Percussions dazugekommen – und kam seitdem aus der Nummer nicht mehr raus.

Jan: Ich hab die Band ganz klassisch als Gegenpol zum Arbeitsalltag auf einem Board gefunden. Die Beschreibung der Jungs, „Musik zwischen Neil Young und Pink Floyd“ machen zu wollen, hat sich verlockend angehört und nach einer dreistündigen Jam-Session war die Sache auch geritzt.

 

Ich hab immer das Gefühl, dass alle Musiker in Darmstadt noch drei andere Bands haben. Habt Ihr neben Electric Horseman noch weitere Projekte?

Andy: Ich hab‘ auf den letzten beiden Okta-Logue-Touren die zweite Gitarre gespielt, mal schauen, wie das weitergeht. Sieht aber ganz gut aus! Manchmal bin ich bei Masheé, dem Bandprojekt von Mariella Kling, dabei – und eine eigene EP wäre auch stark. Aber gerade gehört mein Herz ganz klar Electric Horseman!

Dan: Ich schreibe einfach Songs – manchmal wird es ein Horseman-Song und manchmal eben nicht.

Robert: Ich spiele noch in einer Punkband, das Projekt hat aber bisher noch keinen Namen.

 

[Sofort interessiert] So richtig klassischer Knüppelpunk mit deutschen Texten?

Robert: Die Texte sind zwar auf Englisch, aber dem Rest kann ich zustimmen. Knüppel kommt gut hin. [Gelächter.]

Jan: Ich konzentriere mich momentan auf kein anderes Projekt, aber Techno-Remixe der Horseman-Songs sind definitiv noch ein Ding.

 

Noch mal zurück zu Okta Logue. Wenn man will, kann man ja im Retro-Sound beider Bands durchaus Parallelen sehen. Wie seht Ihr das?

Andy: Die Gemeinsamkeiten liegen hier eher bei den musikalischen Einflüssen als wirklich im Sound. Und in Darmstadt. Ich glaube aber nicht, dass ein Horseman-Titel in einem Okta-Logue-Set funktioniert oder umgekehrt. Das fällt definitiv auf.

Jan: Ohne jetzt den Ausdruck Retro-Sound komplett zu definieren, es gibt hier ja eigentlich eine feine Szene, mit Bands wie Lucid Void oder Wight, die Inspiration für ihre Sounds aus der selben Zeit ziehen. Das ist auf jeden Fall etwas Besonderes.

 

Wie schätzt Ihr denn generell die Musikszene in Darmstadt ein? Geht hier was?

Andy: Na ja, gerade jetzt leider nicht! [Corona-Krise.]

Jan: Die Menge an verschiedenen Akteuren ist zwar relativ überschaubar, aber jeder ist unglaublich engagiert. Egal, ob in verschiedenen Bands, Veranstaltungsreihen oder beim Recording – die Leute sind gut im Austausch.

Robert: Nur Darmstadt wäre auch zu kurz gegriffen, das gesamte Rhein-Main-Gebiet bietet mit Künstlern wie Romie, Fooks Nihil, Kenneth Minor und eben auch Okta Logue eine super Szene.

 

Wie ist eigentlich Euer Verhältnis zur Westküste der USA? Persönlicher Sehnsuchtsort oder eher musikalische Inspiration?

Andy: Also Sehnsuchtsort, ich weiß ja nicht … jeden Tag 30 Grad in L. A. wären natürlich ein Traum, aber uns geht es doch eher um die Musik. Viele Künstler, die wir schätzen, kommen daher. Neil Young, Nash und Konsorten wärmen einfach unser Herz.

 

Erzählt doch mal ein wenig von Eurer neuen EP. Was hat es mit dem Titel „Billboards & Palisades“ auf sich?

Jan: Ohne jetzt komplett politisch zu werden, reflektiert der Titel ein wenig die Situation in der Welt. Es geht um das Streben nach Aufmerksamkeit und eine gleichzeitig stattfindende Abgrenzung.

 

Also hat sich Euer Sound im Vergleich zur ersten EP „Arrival“ verändert?

Andy: Die neuen Stücke sind auf jeden Fall reifer und definierter. Es gibt sogar ein wenig Pop-Appeal und die Songstrukturen sind nicht so ausladend und elegisch. Auf der ersten EP stand jeder Track mehr für sich, wir wollten vielfältige Sounds präsentieren. Im Gegensatz dazu ist die neue Platte mit ihren eingängigen Melodien und ihrem wärmeren Sound mehr aus einem Guss.

 

Die zweite EP ist also am Start. Wie sieht es denn mit einem ganzen Album aus?

Alle einstimmig: Auf jeden Fall!

Andy: Die Corona-Zeit ist für uns auch eine Chance, da man ungewohnt viel Zeit für Songwriting hat. Und natürlich haben wir Bock auf eine Platte, das ist ja auch ein Goal.

Robert: Es soll auch unbedingt ein ganzes Album kommen und nicht noch eine dritte EP. Man ist dem gewünschten Sound näher gekommen. Aber gerade könnten wir uns dank der Kontaktbeschränkung ja gar nicht ins Studio stellen.

 

Von den einzuspielenden Streicherensembles und Kinderchören mal komplett abgesehen.

Jan: Aber die gibt’s ja auch auf dem Keyboard! Die bekannten Midi-Kinder.

 

Wie geht Ihr denn als Musiker mit der aktuellen Situation um? Probt und schreibt Ihr jetzt übers Internet?

Dan: Andy und ich sehen uns noch wöchentlich, er gehört zur Familie. [Die beiden sitzen auch beim Interview vor einer Webcam.] Das ist eine klare Ausnahme, aber wir nutzen die Zeit einfach, um an neuen Songs zu feilen.

Jan: Videokonferenzen nutzen wir auch – und die neue EP musste online finalisiert werden. Das lässt sich aber bisher überraschend gut online erledigen.

Andy: Gerade Songwriting und Ausproduzieren entsteht ja auch immer aus einer harten Gier heraus, einen Song voranbringen zu wollen. Das funktioniert gerade nicht immer, aber da muss man mit klarkommen. Sobald Corona es zulässt, möchten wir eine Tour zur EP spielen.

 

Falls es noch später wird, wäre dann Streaming für Euch eine Alternative zur Tour? Wie findet Ihr den momentanen Trend?

Robert: Streaming kann keine Konzerte ersetzen, auch nicht mit professionellem Beamer und toller Anlage. Aber es ist eine schöne Geste, auch den Fans gegenüber, und es hilft, um am Ball zu bleiben. Wir denken schon grob drüber nach, eine Tour werden wir aber auf jeden Fall auch spielen.

 

Wir drücken alle Daumen, dass Ihr „Billboards & Palisades“ auch live angemessen präsentieren könnt und bedanken uns für das nette Gespräch.

 

Electric Horseman: auf CD – und bald auch live

Die EP „Billboards and Palisades“ ist ab 26. Juni erhältlich – digital und auf CD über electric-horseman.bandcamp.com zu ordern sowie über alle gängigen Streaming-Anbieter.

Die Release-Tour ist coronabedingt in den Herbst/Winter 2020 verlegt worden. Aktuelle Infos auf:

electrichorseman.band

facebook.com/electrichorsemanband

 

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