Foto: Jan Ehlers

„Am Abend flüstert Dono Jara im Vorübergehen zu, Kuro sei nicht den Weg allen Fleisches gegangen. Im Gegenteil, er habe sich diesem entzogen. „Die Phagen“, sagt er, „wollen nur frisches Fleisch. Sie rühren kein Aas an.“ („Sternenfutter“)

Der Darmstädter Journalist und Autor Frank Schuster hat im Frühjahr mit „Sternenfutter“ (Verlag Mainbook) seinen dritten Roman veröffentlicht. Er zeichnet darin ein düsteres Welten-Szenario, in dem die einst evolutionär überlegene Gattung Mensch unversehens von einer übermächtigen außerirdischen Spezies („Phagen“) zu nutzbaren Hominiden degradiert wird und größtenteils nur noch als Nahrungsquelle dient. Die Erde erscheint als riesiger planetarer Mastbetrieb für die vom Planeten Zyt stammenden Phagen. Aber es regt sich Widerstand. Jara, die Hauptfigur, zählt innerhalb der Hominiden zu den vermeintlich bessergestellten Alphas, die eine Zeit lang der Fortpflanzung dienen. Betas und Gammas firmieren nur als Nahrung, also Menschenfleisch. Jener Jara indes erlangt Kontakt zu Widerstandskämpfern, die außerhalb der Mastbetriebe in der Wildnis überleben und glauben, einen Plan zu haben, wie sie die Menschheit retten können.

„Auch wenn es vielleicht so anmutet: Für mich ist es keine Science Fiction, denn Technik oder Raumfahrt spielen darin kaum eine Rolle. Es ist eher eine Dystopie, also eine düstere, gesellschaftskritische Zukunftsvision“, erklärt Schuster seine Intention. Drei Jahre lang schrieb er an der Erzählung, ausgehend vom Gedankenbild des eingesperrten Menschen, der als Futter dient. „Ich denke sehr stark in Bildern und versuche, diese dann sprachlich entsprechend zu spiegeln.“

Sofort assoziieren Leser dieses Grundszenario natürlich als literarische Allegorie auf die ethisch fragwürdige Jetztzeit mit industrieller Massentierhaltung und exzessivem Fleischkonsum, zumal der Autor selbst seit seinem 18. Lebensjahr Vegetarier ist. Am Anfang des Romans prangt auch ein Zitat aus dem bewegenden wie schockierenden Buch „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer. Der schnell moralinsauren Falle eines missionarischen Eiferers entgeht Schuster aber gekonnt, indem er nie indoktrinierend die Leser durch die Handlung leitet – so gibt es unter den in der freien Wildnis lebenden Menschen sowohl Vegetarier wie Fleischfresser. „Tierfleischesser in dem Falle natürlich, um genauer zu sein, aber das ist ja gerade der gedankliche Kniff bei der Umkehrung der Rollen“, schmunzelt Schuster.

Vom dystopischen wie ethischen Szenario her erinnert Schusters Roman literarisch an Huxleys „Brave New World“, Orwells „1984“, Bradburys „Fahrenheit 451“, Kafkas „Bericht für eine Akademie“ oder Ishiguros „Alles, was wir geben mussten“, filmisch an „Matrix“, „Brazil“, „The Handmaid’s Tale“ und „Planet der Affen“. „Es ist für mich ein ähnlich existentialistischer Ansatz wie in den genannten Beispielen. Es geht um das Dasein schlechthin. Der Leser wird reingeworfen in die Erzählung, nicht wissend, wann und wo sie genau spielt. Entscheidend ist das Leben und Überleben im Hier und Jetzt“, erklärt Schuster.

„Meat Is Murder“

Es finden sich aber doch viele, vor allem popkulturelle Verweise auf eine nicht weit zurückliegende Vergangenheit. T-Shirts der Musikbands The Smiths („Meat Is Murder“) und Nirvana tauchen auf, Textfragmente von Protestsongs (Pete Seeger) aus den 1960ern kommen Jara als schemenhafte Erinnerung in den Sinn und ehemalige, noch nicht gänzlich verfallene Fußballstadien dienen als Gefangenensammelort wie einst in Diktaturen in Argentinien und Chile. Nach einem Sänger und Widerstandskämpfer gegen die Diktatur in Chile unter General Pinochet (1973 – 1990) benannte Schuster auch seine heldenhafte Hauptfigur: „Victor Jara war ein politischer Folksänger, den ich sehr verehre. Er wurde 1973 im Estadio Chile von Soldaten erschossen.“ Im Jahr 2003 wurde das Stadion in Santiago de Chile ihm zu Ehren in Estadio Victor Jara umbenannt. Ein Zeichen, das Hoffnung macht. Und ohne zu viel zu verraten: Hoffnung in Zeiten der Dystopie gibt es auch in „Sternenfutter“.

 

Der Schusters Frank

Frank Schuster, Jahrgang 1969, stammt aus dem Raum Limburg, wohnt aber seit 2003 in Darmstadt. Er arbeitete von 2003 bis 2011 als Redakteur der Frankfurter Rundschau, war danach vier Jahre lang Presse-Referent der Grünen Fraktion in Wiesbaden und ist aktuell beim Verbrauchermagazin Ökotest wieder als Journalist tätig. Seit April 2018 schreibt er auch für unser P Stadtkulturmagazin über literarische Themen. Mittlerweile arbeitet er an einem neuen Roman über eine Jugendclique in den 1980ern.

 

„Sternenfutter“

Broschiert, 193 Seiten, mainbook Verlag, 10,70 €

ISBN: 978-3-946413-95-0

 

Frank Schuster liest aus „Sternenfutter“:

Künstlerkeller im Schloss | Do, 06.09. | 19.30 Uhr | 5 €

Agora (zusammen mit Claudia Kabel und Gerd Fischer) | So, 30.09. | 20 Uhr | Eintritt frei, Spenden willkommen