Foto: Jan Ehlers

Schiedsrichter gehören zu einem Fußballspiel wie zwei Teams, zwei Tore und ein Ball. Und dennoch müssen sie immer wieder als Prügelknaben für bestimmte Spielverläufe und Entscheidungen herhalten. Mittlerweile fast schon sprichwörtlich und das sollte zu denken geben, auch den Profis.

Ein Vorfall im nahen Münster sorgte Ende Oktober bundesweit für Schlagzeilen. Ein Spieler hatte einen Schiedsrichter nach einem Platzverweis krankenhausreif geschlagen. Eine Aktion mit Folgen: Das Sportgericht sperrte den Spieler für drei Jahre und der FSV Münster meldete gleich seine ganze Mannschaft ab. Um ein Zeichen gegen solche Auswüchse zu setzen, laden die Lilien Anfang Februar 300 Amateurschiedsrichter zum Spiel gegen den VfL Osnabrück ins Bölle ein. Eine löbliche Aktion, die SVD-Präsident Rüdiger Fritsch in der „Hessenschau“ wie folgt begründete: „Im Amateurbereich kommt der Schiedsrichter bald vielleicht gar nicht mehr, wenn ich sehe, wie die teilweise beschimpft werden. Das ist grenzwertig und wir müssen hinterfragen, ob unser gesellschaftliches Wertesystem noch passt. Vor diesem Hintergrund ist die Einladung ein Zeichen der Wertschätzung für die Arbeit der Schiedsrichter.“

Ohne Schiri geht’s nicht


Tatsächlich nicht mehr kamen die Amateurschiedsrichter Ende Oktober in Berlin. Um gegen die zunehmende Anzahl an Übergriffen zu protestieren, traten sie für ein Wochenende in den Streik und der Spielbetrieb ruhte zwangsläufig. Ein Berliner Siebtligist engagiert zu den Spielen seiner Teams inzwischen einen Sicherheitsdienst, der die Unversehrtheit der Schiedsrichter garantieren soll. Wie bedenklich ist das denn!? Doch nicht nur im unterklassigen Fußball liegt einiges im Argen, die hochbezahlten Profis neigen ebenfalls dazu, sich zu vergessen und zeigen sich gegenüber den Unparteiischen respektlos. Auch die Lilienprofis können sich davon nicht gänzlich freisprechen.

Belagerungszustand als Pflichtübung

Inzwischen gehört es längst zum schlechten Ton, jeden Pfiff (auch die ausgebliebenen) zu kommentieren und infrage zu stellen. Kaum ein Platzverweis, kaum ein Elfmeter- oder Freistoßpfiff, der keinen Belagerungszustand des Referees nach sich zieht. Da wird zwar in den Profiligen kein Schiri niedergestreckt, aber das Bestürmen gleicht fast schon einer Pflichtübung. Doch warum? Kein Unparteiischer wird von sich aus einen Elfer, Freistoß oder Platzverweis zurücknehmen, nur weil ihn Spieler bestürmen. Er hat eine Situation als ahndungswürdig (oder eben nicht) wahrgenommen, also urteilt er entsprechend. Es sei denn, er lässt sich von seinen Assistenten oder dem Kölner Keller dazu bewegen, die Szene neu zu bewerten. Das hat aber immer noch nichts mit aufgebrachten Kickern zu tun, die wild gestikulierend auf Tuchfühlung gehen.

Profis als schlechte Vorbilder

Ganz abgesehen davon, dass dieses Gebaren nicht selten peinlich wirkt, ist es auch kein gutes Anschauungsbeispiel für Jungs und Mädels. Inzwischen jubeln Jugendspieler nicht nur wie Ronaldo, für sie wird der Schiedsrichter zu einem fragwürdigen Gesellen, wenn sie erleben, wie sein Tun Woche für Woche von erwachsenen Männern in kurzen Hosen infrage gestellt wird. Und um Rüdiger Fritschs Statement zu Ende zu denken: Wer im Spiel nicht imstande ist, die Autorität eines Spielleiters anzuerkennen, der tut sich womöglich im Alltag schwer, dasselbe für Polizisten, Notärzte und Feuerwehrleute gelten zu lassen. Ergo: Es ist geboten, dass sich die Profis – auch die mit der Lilie auf der Brust – ein wenig respektvoller gegenüber dem Unparteiischen verhalten. Emotionalität und Adrenalin hin oder her: Wer ein Foul begeht, das spätestens bei der ersten Zeitlupe als solches entlarvt wird, der muss nicht so tun, als würde ihm das größte Unrecht auf Erden ereilen. Doch an dieser Stelle wäre ich reichlich naiv, wenn ich an ein Einsehen glauben würde. Ob die jüngste Maßgabe, die besagt, dass das Bedrängen des Schiris schneller zu einer Verwarnung führt, etwas ändern wird, bleibt abzuwarten.

Klare Regeln müssen die Schiris stärken


Deshalb sind für mich die Regelhüter des Fußballs gefragt. Nur wenn sich das für Regeländerungen zuständige International Board dazu entschließt, die Rolle der Schiedsrichter zu stärken, nur dann wird sich etwas ändern. Wenn es also – wie im Rugby oder Eishockey – nur dem Kapitän eines Teams gestattet ist, mit dem Schiedsrichter zu kommunizieren, dann sind die oftmals fragwürdigen Belagerungszustände Geschichte. Die Rugby-WM im Herbst zeigte eindrucksvoll, welch Respekt den Unparteiischen von 120-Kilogramm-Kolossen entgegengebracht wird. Selbst im hochemotionalen Handball, in dem viel häufiger gepfiffen wird als im Fußball, sind Rudelbildungen eine absolute Ausnahme. Warum also nicht auch im Fußball? Wer unverhältnismäßig meckert oder den Schiri gar berührt, der kriegt eine Zeitstrafe. So simpel, so effizient.

Am Verhalten der Zuschauer wird sich freilich wenig ändern. Der Schiri – alternativ der VAR – ist im Zweifel immer schuld. Und das kann sogar positive Effekte mit sich bringen. Jeder, der schon am Bölle erlebt hat, wie sich die Fans plötzlich gegenüber dem Mann in Schwarz empören können, nur um dann den Support für ihr Team wieder zu entdecken oder zu steigern, der weiß um die „Vorteile“ (vermeintlicher) Fehlentscheidungen. Und dazu bedarf es noch nicht einmal einer Rudelbildung durch die Spieler. Deshalb: Die Schiris gilt es, ohne Wenn und Aber zu respektieren. Nicht nur, indem sie zum Spiel gegen Osnabrück eingeladen werden, sondern Woche für Woche. Und wer sich gar in die Haut der Schiedsrichter versetzen will, der lausche dem verdienstvollen Schiedsrichter-Podcast „Collinas Erben“.

 

Gimme the Gegengerade-Roar!

So, 02.02., 13.30 Uhr: Darmstadt 98 – VfL Osnabrück

Fr, 07.02., 18.30 Uhr: Dynamo Dresden – SV Darmstadt 98

So, 16.02., 13.30 Uhr: Darmstadt 98 – SV Sandhausen

So, 23.02., 13.30 Uhr: 1. FC Nürnberg – Darmstadt 98

Sa, 29.02., 13 Uhr: Darmstadt 98 – 1. FC Heidenheim 1846

www.sv98.de

 

Matthias und der Kickschuh

Seit Ende 2011 schreibt Kickschuh-Blogger Matthias Kneifl über seine große Leidenschaft: den Fußball. Gerne greift er dabei besonders abseitige Geschichten auf. Kein Wunder also, dass der studierte Historiker und Redakteur zu Drittligazeiten begann, über die Lilien zu recherchieren und zu schreiben. Ein Resultat: das Taschenbuch „111 Gründe, den SV Darmstadt 98 zu lieben“, das (auch in einer erweiterten Neuauflage 2019) im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen ist. Seit Juli 2016 begleitet Matthias gemeinsam mit vier Mitstreitern die Lilien im Podcast „Hoch & Weit“. Genau der richtige Mann also für unsere „Unter Pappeln“-Rubrik!

www.kickschuh.blog